Harald Wilhelm: Das Programm zum Personalabbau wurde gut angenommen. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Tausende Jobs weniger und eine klare Ausrichtung nach China: Mercedes treibt seinen Umbau voran – und setzt dabei auf Tempo, Einsparungen und globale Verschiebung.
Der Stuttgarter Autohersteller Mercedes kommt mit seinem Programm zum Stellenabbau offenbar zügig voran. Im ersten Quartal dieses Jahres ist bereits eine Milliarde Euro abgeflossen, erklärte Finanzchef Harald Wilhelm bei der Vorlage der Zahlen zum ersten Quartal. Das Programm sei sehr gut gelaufen und habe eine „hohe Zusprecherquote“.
Wie viele Menschen aus dem Unternehmen ausgeschieden sind, will Mercedes nicht mitteilen. Zieht man zur überschlägigen Abschätzung Zahlen von Bosch heran, wo zuletzt 6000 Menschen ausgeschieden sind und Leistungen von 900 Millionen Euro erhalten haben, ist pro Kopf mit Abfindungen von durchschnittlich 150.000 Euro zu rechnen.
Das neue Design der Frontpartie gehört zum Gesicht von Mercedes-Modellen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Bei Mercedes dürfte der Betrag angesichts von Abfindungen, die in der Spitze 400.000 Euro und mehr erreichen, eher noch höher sein. Daraus lässt sich näherungsweise abschätzen, dass auch bei Mercedes rund 6000 Beschäftigte das Unternehmen verlassen haben dürften.
Mercedes-Programm ist Ende März ausgelaufen
Das Abbauprogramm namens NLPP (Next Level Performance Programm) ist zum Ende des ersten Quartals ausgelaufen; in Einzelfällen sind allerdings auch jetzt noch Vereinbarungen zum freiwilligen Ausscheiden möglich. Um die Verlängerung bilanziell abzubilden, hat das Unternehmen die Rückstellungen nochmals um 175 Millionen Euro aufgestockt, so Wilhelm.
Für den Abgang der Beschäftigten fallen beträchtliche Kosten an; allerdings erwartet Wilhelm, dass die wegfallenden Lohnkosten bereits in diesem Jahr zu einer deutlichen Kostenentlastung führen werden. Die beiden gegenläufigen Entwicklungen – einmalige Belastung für Abfindungen und dauerhafte Entlastung bei Lohnkosten – werden sich über die Zeit ausgleichen. Nach Wilhelms Angaben werden sich die Einmalausgaben innerhalb von bis zu zwei Jahren durch entsprechende Einsparungen amortisiert haben; von diesem Zeitpunkt an wird die Kasse bei den Lohnkosten unter dem Strich entlastet.
Mercedes sucht die Nähe zu Chinas Markt
Das Unternehmen wird sich auch in seinen personellen Strukturen künftig noch stärker in Richtung China ausrichten als bisher bekannt. Mercedes-Chef Ola Källenius hatte bereits auf der Automesse in Peking erklärt, man werde die Entwicklungsmannschaft in China ausbauen und intensiv in die Forschung investieren. Zudem wolle man die Lieferkette möglichst komplett auf Anbieter vor Ort umstellen, um von deren Kostenvorteilen zu profitieren.
Wilhelm ergänzte nun, man wolle die „proximity“ mit Blick auf China insgesamt erhöhen, also noch näher an diesen Markt heranrücken. Das gelte nicht nur für die Entwicklung, für die Industrialisierung und die Beschaffung bei Lieferanten, sondern betreffe auch den administrativen Bereich. Die „latency“ – frei übersetzt: Reaktionsgeschwindigkeit – zwischen Stuttgart und Peking sei zu lang, so der Finanzchef. Man brauche mehr Zuständigkeiten und Verantwortung vor Ort in China und werde diese Idee „sehr konsequent umsetzen“. Zu den Grenzen der Verlagerung nach China hatte Källenius erklärt, die Steuerungszentrale für die Entwicklung im Konzern werde in Deutschland bleiben.
Mercedes erwartet China-Konkurrenz auch zuhause
Die Gründe für die immer stärkere Ausrichtung auf diesen Markt sind zum einen die enorm hohe Entwicklungsgeschwindigkeit bei neuen Technologien und zum anderen die extrem niedrigen Preise. Källenius hatte zum Wettbewerb mit China erklärt, wenn die Geschwindigkeit dort bis jetzt höher gewesen sein als beispielsweise in Europa, „dann heißt dies, dass es geht. Also muss das dein neuer Maßstab sein.“ Zu den Bemühungen auf der Kostenseite sagte Wilhelm nun, Mercedes werde dort einen „sehr aggressiven Ansatz“ verfolgen.
Die Bedeutung der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber chinesischen Anbietern geht nach seiner Ansicht weit über die Bedeutung des chinesischen Markts hinaus. Denn man müsse „davon ausgehen, dass die Fahrzeuge lokaler Hersteller bald auch im Export Niederschlag finden werden“. Man werde sich dem Wettbewerb somit nicht nur in China stellen müssen, sondern ihm auch auf anderen Exportmärkten begegnen – und in Europa.
Schon der Gedanke, den chinesischen Markt sausen zu lassen und darauf zu hoffen, dass der Kelch des brutalen Wettbewerbs damit an einem vorbeigeht, verbietet sich deshalb nach Ansicht von Wilhelm. Wer in China nicht wettbewerbsfähig sei, werde es bald auch auf anderen Märkten nicht mehr sein. „Deshalb ist für uns ganz klar, dass wir in China angreifen wollen, dass wir uns fit machen.“ Nur dann könne das Unternehmen auch in den anderen Märkten seine Wettbewerbsfähigkeit halten.
* Hinweis: In einer früheren Version hieß es, das Programm sei bis Ende März verlängert worden. Laut Auskunft von Mercedes lief es aber von Anfang an bis Ende März und wurde zum Auslaufen hin mit höheren Rückstellungen versehen.