Stuttgarter Ballett tanzt „Schwanensee“ Henrik Erikson gelingt als Prinz der Sprung nach oben

Henrik Erikson mit Elisa Badenes in „Schwanensee“ Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Überraschend blieb die Wiederaufnahme von „Schwanensee“ am Samstag im Opernhaus bis zum Schluss. Da unterbrach der Ballettintendant den tosenden Applaus.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Was diesen Klassiker angeht, genießt Stuttgart unter Ballettfans einen besonderen Ruf. Alles scheint ideal: Draußen paddeln echte Schwäne vorm schön gelegenen Opernhaus, drinnen tanzt mit John Crankos Version der beste „Schwanensee“ überhaupt – das sagte zumindest einmal die Berliner Ballerina Polina Semionova bei einem Gastauftritt.

 

Doch selbst am Eckensee ändern sich die Zeiten. Die Klimakrise lässt grüßen, Algen und Nilgänse haben übernommen. Wann war hier zum letzten Mal ein Schwan zu sehen? Dass wenigstens im Opernhaus die Welt in märchenhafter Ordnung bleibt, hoffen die Ballettfans und buchen nach sechs Jahren „Schwanensee“-Abstinenz Karten wie verrückt. Obwohl: Auch auf der Bühne drohen dem Märchenstoff Gefahren. Tanzen die Schwäne in schönem Einklang? Überzeugt der junge Debütant Henrik Erikson, der bei der Wiederaufnahme an der Seite von Elisa Badenes erstmals die Prinzenrolle stemmt?

Beseelt von Klassikerglück

Wer mit solch bangen Fragen am Samstag das Opernhaus betrat, durfte es mehr als drei Stunden später von Klassikerglück beseelt verlassen. Obwohl John Cranko den Liebesverrat seines Protagonisten mit dem Tod durch Ertrinken bestraft, warfen sich alle mächtig ins Zeug für ein märchenhaftes Happy End, dass sogar Jürgen Roses Waldkulissen frühlingshaft frisch wirkten. Frisch besetzt waren auch die meisten Rollen. Und vielleicht lag es ja an diesen vielen Debüts, dass die Erzählung von bedingungsloser Liebe und ihrer Enttäuschung beim Wiedersehen mit neuen Einblicken verblüffte und doch souverän dargeboten war.

Neu war am Ende auch der Status von Henrik Erikson. Der schwedische Solist wurde von Ballettintendant Tamas Detrich noch auf der Bühne zum Ersten Solisten befördert. Verdient, denn Erikson meisterte die Herausforderungen der Prinzenrolle nicht nur technisch mit beeindruckender Lockerheit, sondern begegnete den Schwänen so behutsam, dass neben seinem zarten Siegfried die Freunde mit der Armbrust in toxischer Männlichkeit gebadet schienen.

Ihr kann keiner widerstehen: Elisa Badenes mit Henrik Erikson in der Ballszene Foto: SB/Roman Novitzky

Doch alles Daumendrücken hilft nichts gegen den Lauf von Märchen: Da schwört einer ewige Liebe und fällt im nächsten Moment auf einen kessen Fake der Angebeteten herein. Elisa Badenes, die der fragilen Unschuld der weißen Odette federleichten Zauber ertanzte, dreht als schwarze Odile so verführerisch auf, dass ihr neben Prinz Siegfried das ganze Opernhaus zu Füßen liegt. Dass auf Schuld Vergebung folgen könnte, ist eine Idee, die Clemens Fröhlich als düsterer Zauberer Rotbart mit wuchtigen Handbewegungen wegwischt.

Alles ist bestens vorbereitet

So spannt sich zwischen den finalen Flügelschlägen der Schwanenkönigin, der Erkenntnis des getäuschten Prinzen und dem Fluch Rotbarts ein vor Energie vibrierendes, sich im Tanz visualisierendes Kräftedreieck – von Beginn an von allen Seiten bestens vorbereitet. Ob Bürgerinnen oder Prinzenbegleiter wie Gabriel Figueredo als Benno, ob kleine, große oder überhaupt alle der akkurat platzierten Schwäne, ob heiratswillige Prinzessinnen im Thronsaal oder das stimmungs- und temposicher unter Wolfgang Heinz aufspielende Staatsorchester: dieser „Schwanensee“ war nicht nur für Prinz Siegfried zum Sterben schön.

Schwanensee. Weitere Aufführungen im Stuttgarter Opernhaus bis zum 20. Juli.

Info

Termin
Noch 15 „Schwanensee“-Vorstellungen hat das Stuttgarter Ballett im Kalender, zum Finale am 20. Juli tanzt der weiße Klassiker bei „Ballett im Park“. Karten gibt es noch für die Aufführungen vom 27. Mai an. Am 13. April gibt Matteo Miccini sein Debüt als Prinz Siegfried.

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