Stuttgarter bauen Nazi-Halle um Stuttgarter Architekten verwandeln Hitlers Kongresshalle in einen Kulturort

Stuttgarter LRO Architekten und die Firma Georg Reisch bauen die Halle um, in der die Nazis sich einst feiern lassen wollten. Foto: Visualisierung Georg Reisch

Die Stuttgarter LRO Architekten und das Bauunternehmen Reisch gewinnen den Wettbewerb für den Ausbau der Kongresshalle in Nürnberg. Wie das 296 Millionen Euro teure Projekt aussieht.

Was tun mit Täterorten wie dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg? Abreißen? Oder neu interpretieren? Für letzteres hat sich die Stadt Nürnberg entschieden. Die Stadt baut jetzt die Kongresshalle auf Hitlers Paradeplatz in einen Kulturort um.

 

Den Wettbewerb für eines der aktuell anspruchsvollsten öffentlichen Bauvorhaben in Bayern konnten die Stuttgarter LRO Architekten gemeinsam mit dem Bauunternehmer Georg Reisch aus Bad Saulgau für sich entscheiden, wie die Stadt mitteilt.

Im Rahmen einer Öffentlich-Privaten Partnerschaft (ÖPP) übernimmt das Unternehmen aus Bad Saulgau die bauliche Ertüchtigung des „Torsos“ der in der NS-Zeit entstandenen Kongresshalle in Nürnberg. Das Projekt verbinde, so heißt es, höchste technische Anforderungen mit großer gesellschaftlicher Verantwortung – von der sensiblen baulichen Sicherung bis hin zur kulturellen Erschließung dieses NS-Erbes.

Stuttgarter Architekten gestalten Nazi-Areal um

Das Projekt umfasst den Innenausbau von zehn der insgesamt 17 Sektoren dieser belasteten Monumentalarchitektur aus der NS-Zeit. Ziel ist es, den geschichtsträchtigen Torso, der über Jahrzehnte vorwiegend als Lagerfläche diente, dauerhaft für die Stadtgesellschaft zu öffnen. Geplant sind unter anderem neue Flächen für Kunst und Kultur, das Staatstheater Nürnberg sowie Räume für Verwaltung.

„Die Wahrnehmbarkeit der unfertigen und rohen Oberflächen bleibt erhalten“, sagt die Architektin Katja Pütter, geschäftsführende Gesellschafterin bei LRO, „bauliche Eingriffe in die Substanz und Einbauten werden auf das Nötigste beschränkt, komplizierte Anschlüsse werden im Sinne des ,einfachen Bauens’ vermieden.“

Decken und Wände in dem monumentalen Bauwerk werden zwar gereinigt, aber nicht gestrichen oder verputzt. Kabel sollen sichtbar auf den Wänden verlegt werden. Dadurch soll die rohe Anmutung erhalten bleiben. Hinter der denkmalgeschützten Fassade wird in Räumen mit Wandstärken von bis zu zwei Metern und Raumhöhen von bis zu neun Metern gebaut.

„Bauen an der Kongresshalle heißt, an einem historisch belasteten Ort Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen“, sagt Georg-Reisch-Geschäftsführer Wolfgang Müller. Die Nationalsozialisten hatten die Kongresshalle auf dem Reichsparteitagsgelände eigentlich als Machtdemonstration geplant, diese aber nie fertig gestellt.

Bis heute steht nur ein hufeisenförmiger Rohbau, der später Treppenhäuser und Toiletten beherbergen sollte. Die eigentliche Halle fehlt, stattdessen existiert nur ein Innenhof. Damit ist die Kongresshalle bis heute ein wichtiges architektonisches Zeugnis vom Scheitern der Nazis

296 Millionen Euro für das Kulturareal

Auf nationalsozialistischen Größenwahn folgt also – Kunst, Kultur. Für insgesamt rund 296 Millionen Euro soll sich das Nazi-Bauwerk nun zum Kulturareal wandeln, mehr als 7000 Quadratmeter sind dabei für die freie Kunst- und Kulturszene vorgesehen.

Da wollten sich einst die Nazis feiern lassen: Kongresshallen-Torso in Nürnberg. Foto: dpa/Timm Schamberger

Gebaut wird auf heiklem Terrain: Auf dem Areal im Südosten Nürnbergs fanden von 1933 bis 1938 die Reichsparteitage der NSDAP statt. Auf dem Areal entsteht auch eine Interimsspielstätte für die Oper – ebenfalls von LRO Architekten und Georg Reisch realisiert. Entstehen werden Proberäume, eine neue Spielstätte für 800 Zuschauer samt diversen Räumen für die freie Szene.

Das Duo hatte bereits pünktlich und im finanziellen Rahmen bleibend das Münchner Volkstheater realisiert. Auch beim aktuellen Opernbau liege man ein Jahr nach Baubeginn im Zeitplan, sagt eine Unternehmenssprecherin. 2028 soll der Interimsbau bespielbar sein, dann beginnt die Sanierung des Opernhauses in Nürnberg.

Teure Sanierungen im denkmalgeschützten Bestand – auch in Stuttgart

Auch in anderen Städten der Republik sind Sanierungen von Kulturbauten geplant, manche werden sogar fertig. Gute Nachrichten sind in diesen Tagen rar, deswegen sollte man sich für die Opernfreunde in Köln freuen. Schließlich ist die Sanierung der Oper in der Domstadt so gut wie abgeschlossen, zumindest von außen. Insgesamt fast 14 Jahre dauern diese Umbaumaßnahmen schon an, im September soll laut Auskünften der Stadt Köln der reguläre Spielbetrieb wieder aufgenommen werden.

Was diese Sanierungen in Deutschland besonders schwierig und teuer macht, ist die Arbeit im oft denkmalgeschützten Baubestand. Zudem ist die technische Ausstattung anspruchsvoll und komplex. Und so wie in Köln sind zahlreiche Opernhäuser in Deutschland sanierungsreif, in Augsburg genauso wie in Stuttgart.

7 Projekte von LRO Architekten in Stuttgart und Region

  • Eweiterungsbau der Württembergischen Landesbibliothek
  • Gestaltung des Platzes rund um die Landesbibliothek mit Boulevard und Sanierung des Fitz-Faller-Brunnens
  • Stadtmuseum im Wilhelmspalais mit Neugestaltung Vorplatz und Treppe
  • Sanierung der Hospitalhofkirche
  • Landratsamt in Plochingen
  • Musikzentrum Baden-Württemberg in Plochingen
  • Umbau und Sanierung der Schule im Park in Ostfildern

Stuttgarter LRO Architekten überzeugten mit begrüntem Gebäude

In Hamburg und Düsseldorf sollen gar neue Häuser gebaut werden. In Nürnberg wiederum hat die Stadt, wie bereits berichtet, beschlossen, während der Sanierung des Opernhauses eine Ausweichbühne kurzerhand an den Torso der Nazi-Kongresshalle anzubauen.

Geboten und gewünscht war keine exponierte Architektur. Der Entwurf von LRO aus Stuttgart stellt ein Gebäude dar, das komplett begrünt ist. So wird grün, was einst grün war: das Reichsparteitagsgelände war auf einer ehemaligen Waldfläche entstanden.

Stuttgart wartet noch auf die Opernsanierung

Und Stuttgart? Hat den Baubeginn der Interimsoper und die Sanierung der Oper am Eckensee immer wieder verschoben. Aus der ursprünglich gewünschten Sanierungszeit von sieben Monaten (!) kurz nach Beendigung der Schauspielhaus-Sanierung 2011 ist bekanntlich nichts geworden. Die Kostenschätzungen der Sanierung mitsamt einer Interimsspielstätte belaufen sich aktuell auf bis zu zwei Milliarden Euro.

Für die seit nun schon fast Jahrzehnten überfällige Sanierung des 1912 gebauten Littmann-Baus im Herzen der Stadt ist noch immer nicht entschieden, wer dieses Mammutprojekt übernehmen soll. Ein Wettbewerb wird das klären.

Für alle Baustellenfans, die schon mal sehen wollen wie es anders, schneller, günstiger geht – die schnellste Zugverbindung von Stuttgart nach Nürnberg dauert zwei Stunden, acht Minuten.

Eindrücke von den geplanten Umbauten finden sich in der Bildergalerie.

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