Herr Jehs, Herr Laub, woran erkennt man schlechtes Design?
Markus Jehs Daran, dass die Designer zu früh mit ihrer Arbeit aufgehört haben.
Jürgen Laub Wenn es nutzlos ist und auch so aussieht.
Und gutes Design, abgesehen davon, das die Arbeit nicht zu früh aufgehört hat?
Jehs Wenn man zum Beispiel auf einer Messe unterwegs ist und sich abends fragt, woran erinnere ich mich noch? Wenn es also einprägsam ist und berührt.
Berührt nicht jeden etwas anderes?
Laub Jedes Produkt hat eine Idee. Und die sollte man lesen können. Form und Funktion müssen so stimmig sein, dass man nichts mehr verbessern kann.
Wie hat Ihre Karriere angefangen?
Laub Wir haben Möbel entworfen, weil uns das am meisten interessiert hat.
Jehs Wir waren auf den einschlägigen Messen, haben akquiriert, Dinge entworfen, Gespräche darüber mit den Herstellern geführt und so im Laufe der Zeit ein Gespür für den Markt entwickelt.
Wie kann man sich das vorstellen?
Laub Wir haben einfach angerufen und gesagt, wir haben gerade einen Termin in der Nähe, könnten wir kurz vorbeikommen und unsere Entwürfe zeigen? Das kostet eine Firma ja nichts und viele waren dann doch neugierig.
Jehs Gut ist es, wenn man gerade von einer renommierten Firma kommt. Das hilft beim Türöffnen.
Laub Innerhalb von ein paar Sekunden merkt man, ob die Kunden an dem Entwurf interessiert sind oder nicht.
Wie das?
Jehs In Deutschland sind es meist so Standardfloskeln, zum Beispiel „interessant“.
Laub Dann weiß man, das interessiert sie nicht wirklich.
Jehs In Italien schweifen sie ab, wenn sie nicht interessiert sind. Und wenn es gut ist, sagen sie, man soll noch mal wiederkommen.
Laub In Dänemark ging es schneller. Unser Lieblingsprojekt, eine Uhr für Stelton, haben wir morgens skizziert, mittags Entwürfe geschickt und abends kam die Nachricht: Das machen wir! Wäre schön, wenn das immer so laufen würde.
Und was, wenn ein Entwurf abgelehnt wird?
Jehs Dann darf man das nicht persönlich nehmen.
Aber man muss von etwas leben. Wie ist das, wenn man nach der Ausbildung dasitzt – ohne Aufträge?
Laub Wir hatten am Anfang zwar noch nichts verdient, aber dafür eine sinnstiftende Tätigkeit, die uns Freude bereitet. Das reicht zum Glücklichsein.
Jehs Das Geld dazu haben wir uns von der Bank geliehen – zum Glück ging alles gut.
Laub Ich hatte schon früh Familie. Wir sind zwar zu Beginn nicht in den Urlaub gefahren, dafür haben wir es uns aber hier schön gemacht. Das geht alles.
Jehs Für uns ist die Arbeit ein enorm wichtiger Teil unseres Lebens. Und wenn man sie gern macht, macht man sie gut.
Sie arbeiten seit Jahrzehnten zusammen. Geht einem der andere da nicht manchmal auf die Nerven?
Jehs Im Gegenteil. Wir ergänzen uns und korrigieren uns gegenseitig, können auch hart im Urteil sein, ohne dass der andere beleidigt ist.
Laub Es geht immer um die Sache. Persönliche Eitelkeiten sind immer fehl am Platze.
Ist das der Grund, dass es so viele Designduos gibt, das Ideenpingpong?
Jehs Vermutlich. Deshalb sitzen wir auch am liebsten zu zweit an einem Tisch und spielen uns den ganzen Tag den Ball zu.
Laub Und arbeiten konzentriert an den Projekten.
Ist Nachhaltigkeit heute ein wichtiges Thema? Kaum ein Produkt, bei dem Recycelfähigkeit nicht im Zentrum des Marketing steht.
Jehs Am wichtigsten ist die Langlebigkeit eines Produktes. Die richtigen Materialien, Technologien und das entsprechend richtige Design tragen dazu bei, dass ein Produkt nicht schon nach kurzer Zeit zu Müll wird.
Laub Denn Dinge, die recycelt werden, waren davor Müll. Aber natürlich ist es wichtig, die Materialien sortenrein zerlegen zu können und einwandfrei recyceln zu können.
Es hat aber nicht jeder Geld für gut gemachte Designerstühle, die Hunderte oder 1000 Euro kosten.
Laub Immer wieder billig neu kaufen ist auf lange Sicht aber teurer. Da sollte ein Kulturwechsel stattfinden: lieber länger auf etwas sparen, das dann lange hält, und nicht jedes Jahr etwas kaufen, das man dann wieder wegwirft. Solange man sich das nicht leisten kann, kann man auch einen gebrauchten Stuhl auf Ebay erwerben.
Jehs Wenn ein Produkt gut gemacht ist, dann möchte man es auch gerne behalten und vielleicht eines Tages an seine Kinder weitergeben. Es ist sicher besser, weniger Dinge anzuschaffen, dafür aber gute und langlebige.
Trotz der Liebe zum Langlebigen – beobachten Sie Trends?
Laub Uns interessieren Veränderungen, nicht die Trends. Zum Beispiel hat der Fernseher das Wohnzimmer zu einem privaten, familiären Ort gemacht. Man sitzt nicht mehr mit den Gästen auf dem Sofa. Also ist das Sofa heute eher eine „Lümmelwiese“ für die Familie. Das hat zur Folge, dass man mit den Gästen länger am Esstisch sitzt und deshalb gepolsterte Stühle gefragt sind.
Jehs Bequeme Sessel ersetzen auch häufig das klassische Sofa – vor allem bei Single- und Paarwohnungen.
Wobei ein Sessel oft ja fast so teuer ist wie ein Sofa. Warum eigentlich?
Laub Weil er viel kann, Neigungsmechanik ist ein Thema, das Drehgestell ist eventuell sogar elektrisch.
Wird so ein gepolsterter Luxussessel nicht schnell schmutzig?
Laub Laden Sie möglichst keine Leute ein, die kleckern.
Jehs Und wenn es ein guter Wollstoff ist, reinigen Sie den einfach mit Sprudelwasser und Gallseife.
Laub Ich habe alte Tulip-Stühle von Eero Saarinen mit einem 50 Jahre alten Hallingdal-Stoff von Kvadrat, die habe ich gereinigt. Sie sehen aus wie neu.
Man hat den Eindruck, die Zeit der Exzentriker ist passé. Design wird internationaler, austauschbar. Beobachten Sie den Trend auch bei anderen Produkten, bei Autos zum Beispiel?
Jehs Automobildesign ist schon lange kein Thema mehr für Autorendesigner, ausgenommen einzelne Showcars vielleicht. An den Entwürfen arbeiten riesige Teams weltweit. Die SUVs sehen womöglich deshalb alle gleich aus. Es gibt sie in allen Größen von allen Marken. Ich bevorzuge leichte, effiziente und ikonische Fahrzeuge aus regionaler Produktion.
Vor Ihrem Büro steht ein Porsche 911, eine Designikone.
Jehs Genau.
Laub Und es gibt leider immer mehr Firmen, die nicht mehr familiengeführt sind, sondern zu Konzernen gehören – auch in der Möbelbranche. Die Manager dort setzen auf bekannte Namen, sie wollen nichts falsch machen. Gute Firmen haben aber auch eine gute Nase für Talente. Es gehört Mut dazu, jungen Leuten eine Chance zu geben, sich gemeinsam mit ihnen weiterzuentwickeln.
Was raten Sie jungen Leuten, wenn Sie jetzt auf den Blickfang Designmessen als Kuratoren und Jurymitglieder unterwegs sind?
Jehs Junge Leute sollten ihren kreativen Visionen nachgehen. Allerdings sollten sie eine Distanz zu ihrem Produkt aufbauen, es anderen vorführen, die nicht Teil ihrer Designblase sind, mit möglichst vielen Entscheidern sprechen, mit Architekten, Vertriebsleuten, Sichtweisen von anderen kennenlernen, um zu erfahren, was der Markt wirklich braucht.
Laub Und wir wollen Mut machen: am Anfang, wenn es nicht schnell genug geht – durchhalten!
Info
Die Designer
Markus Jehs, 19xx in Stuttgart geboren, und Jürgen Laub haben ihr L+L Design im Jahr 1994 gegründet. Sie entwerfen Sessel, Stühle, Sofas, Leuchten, Tische für Firmen wie Knoll, Herman Miller, Cassina, Fritz Hansen, COR, Brunner und Stelton. Für Mercedes-Benz entwarfen sie das Gesamtkonzept der weltweiten Showrooms.
Die Messe
Die Designer sind bei den diesjährigen Blickfang Design Messen in Stuttgart, Wien und Zürich die Hauptkuratoren und Jurymitglieder der Preise, die an den gestalterischen Nachwuchs vergeben werden. In Stuttgart findet die Messe vom 10. bis 12. März in der Liederhalle statt. blickfang.com