Stuttgarter DJ mit Nierenversagen Ein Leben zwischen Clubs und Dialyse

Der Balanceakt zwischen körperlichen Bedürfnissen und der Leidenschaft für die Musik bleibt für Jannis herausfordernd. Foto: /Charlotte Haug

Bei Jannis, alias DJ Nobel Cortex, wurde ein seltenes genetisches Nierenversagen festgestellt. Uns hat der Stuttgarter erzählt, wie so ein Leben zwischen Krankenhausaufenthalten und Clubs aussieht.

Wer die Stuttgarter Clubszene kennt, hat Jannis aka Nobel Cortex vielleicht schon hinter dem DJ-Pult im White Noise, Toy oder auf Fridas Pier gesehen. Mit seinen 23 Jahren hat er schon viele Menschen in der Stadt zum Tanzen gebracht und seine Tracks werden mittlerweile von DJs in renommierten Clubs wie dem Berghain und GOTEC gespielt. Doch die Musik ist nicht das Einzige, das Jannis’ Leben prägt: Mit 18 Jahren wurde bei ihm ein genetisches Nierenversagen diagnostiziert, das seinen Alltag stark einschränkt. Wir haben ihn in seinem Studio in Kaltental besucht und mit ihm über das Leben zwischen Bassfrequenzen und Dialyse gesprochen.

 

Von der Gitarre zur elektronischen Musik

Jannis’ elektronisch-musikalische Reise begann 2014: „Ich habe auf YouTube Tutorials gesehen und bin auf Programme am PC gestoßen, mit denen man Beats bauen kann“, erinnert er sich. Zuvor hatte er bereits Gitarre spielen gelernt. „Noten lesen kann ich aber nicht – das war noch nie mein Ding“, erklärt er schmunzelnd. „Ich habe Gitarre auf Songs gespielt, aber mir hat immer etwas gefehlt. Ich konnte die Gitarre spielen, aber eigentlich wollte ich den ganzen Track machen.“ Trotzdem ermöglichte ihm die musikalische Ausbildung, ein feines Gehör für Musik zu entwickeln: „Wenn ich eine Bassfrequenz höre, dann weiß ich gleich, ob man da irgendwann zu tanzen kann“. Heute beschreibt er seine Musik als energetisch und antreibend; kein Dahinträumen, sondern eine klare und mechanische Linie. „Genretechnisch würde ich es zwischen Techno, Electronic und Experimental einordnen.“

Frühe Erfahrungen und erste Erfolge

Bevor er seine Musik veröffentlichte, sammelte Jannis Erfahrungen als DJ auf Houseparties. Seine Tracks veröffentlichte er zunächst auf Soundcloud und fand schließlich Unterstützung durch große DJs und die Plattform Aslice. Der Prozess des Musikmachens ist für Jannis ein ständiger Kampf zwischen Selbstkritik und Kreativität. „Ich habe immer Schwierigkeiten zu sagen, ob etwas wirklich fertig ist. Ich könnte theoretisch ewig an einem Track weiterschrauben, aber irgendwann muss man einen Schlussstrich ziehen. Vor allem, weil ich meine Tracks irgendwann nicht mehr mag, wenn ich die einzelnen Bestandteile zu oft gehört habe.“

Obgleich Jannis gerne auflegt, versteht er sich hauptsächlich als Producer und vermeidet es, sich selbst übermäßig zu vermarkten. „Ich finde es unangenehm, wenn man raushängen lässt, dass man Musiker ist. Klar ist das ein großer Teil meines Lebens, aber ich will das nicht so in den Vordergrund stellen. Ich mach’s halt einfach gern für mich. Das Releasen und die Gigs sind ein geiler Nebeneffekt“, erzählt er. „Aber, wenn die Leute zu deinem Track im vollen Club abgehen, ist das schon ein richtig geiles Gefühl.“

Erkrankung macht einen Strich durch die Rechnung

Mit 18 Jahren dann der herbe Schlag: Bei Jannis wird ein genetisches Nierenversagen diagnostiziert. Zuvor waren seine Blutwerte besorgniserregend, und weitere Tests bestätigten einen Gendefekt. Bald war klar, dass er ohne eine Nierenersatztherapie, auch Dialyse genannt, nicht überleben kann. „Das war ein harter Einschnitt“, sagt er. Als die Notwendigkeit einer Nierentransplantation aufkam, erklärte sich seine Oma bereit, ihm eine Niere zu spenden. Die Transplantation verlief zunächst erfolgreich, doch bald ging es ihm wieder schlechter. „Die neue Niere wurde ebenfalls beschädigt“, erklärt er. „Der Gendefekt ist so selten und komplex, dass es noch keine Heilmittel dafür gibt.“

Starke gesundheitliche Rückschläge

Trotz dieser Herausforderungen blieb Jannis zeitgleich immer musikalisch aktiv. Die Clubauftritte waren Freude und Belastung zugleich: „Ich hatte viele Schmerzen und war nach Veranstaltungen oft so kaputt, dass mein Körper das nicht gut verkraftet hat“, beschreibt er. Die Kombination aus anstrengenden Auftritten und intensiver medizinischer Behandlung führte zu einer ernsten Situation. „Ich habe dann ein extrem starkes Medikament genommen, das mich so kaputt gemacht hat, dass ich Anfang 2023 im Koma gelandet bin“. Seitdem befindet er sich wieder an der Dialyse, drei Mal die Woche, vier Stunden pro Sitzung. Er hofft, eines Tages wieder eine Transplantation zu bekommen, aktuell ist das laut Spenderliste allerdings frühestens in neun Jahren der Fall. „Ich habe zwar meine Niere wieder verloren, aber habe die ganze Scheiße überlebt. Ich hoffe, dass ich irgendwann wieder ein normales Leben führen kann.“

Musik als Stimmungsmacher

Die Musik war für Jannis ein wichtiger Ausweg, um den gesundheitlichen Druck zu bewältigen. „Musik war immer mein Stimmungsmacher.“ Der Balanceakt zwischen körperlichen Bedürfnissen und der Leidenschaft für die Musik bleibt herausfordernd. Der Lifestyle mit nächtlichem Auflegen geht nur mit viel Ruhe zwischendurch. „Mittlerweile bin ich körperlich wieder fitter als vor zwei Jahren, da war ich in einer wirklich schlechten Verfassung“, beschreibt er. „Ich habe das alles in Kauf genommen. Ich habe wirklich meine ganze, und wenn es meine letzte Energie war, dafür aufgewendet, weil es das war, was ich unbedingt machen wollte.“ Heute muss Jannis immer noch Kompromisse eingehen, irgendwie die Balance finden: „Ich habe richtig Lust zu leben. Und da gehören manchmal auch Sachen dazu, die für den Körper nicht so gut sind. Am liebsten würde ich immer feiern, aber das geht eben in meinem Fall nicht.“

Hoffnung und Unterstützung

Der aktuelle Stand ist von Unsicherheit geprägt: „Ich weiß nicht genau, wo es langgeht“, erklärt er. Die regelmäßige Dialyse erschwert es ihm, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. „Ich konnte meine Schule nicht wie geplant beenden, ich habe zwar einen Realschulabschluss, für eine Ausbildung bin ich zeitlich aber zu eingeschränkt“, so Jannis.

Die Musik trotz allem eine konstante Leidenschaft für ihn. „Die Mukke war immer ein laufendes Ding, das sich entwickelt hat. Wenn das so weitergeht, bin ich happy“, erzählt er. Das Leben als Vollzeitmusiker ist für ihn trotzdem ausgeschlossen. „Ich brauche eine Sozialversicherung und eine Krankenversicherung, die ich als Selbstständiger nicht so ohne weiteres hätte. Deshalb ist die Musikbranche der falsche Platz für mich. Ich brauche ich eine feste Arbeitsstelle“, so Jannis, der sich im Moment in einem Wartestadium befindet. „Ich warte, dass ich endlich wieder richtig leben kann“.

Trotz der Schwierigkeiten schätzt Jannis die schönen Seiten des Lebens. „Ich denk mir dann immer, klar ist die Situation scheiße, in der ich gerade bin, aber ich bin ja hier auf der Welt, dafür bin ich dankbar“. Insbesondere seine Familie gibt ihm dabei viel Mut und Kraft: „Besonders meine Mum ist immer an meiner Seite, gerade wenn es gesundheitlich problematisch wird. Das ist das, was zählt. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn ich da allein durchmüsste“.

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