Stuttgarter EU-Abgeordneter Europapolitik made in Stuttgart – ein Tag mit Michael Bloss

Michael Bloss ist ein überzeugter Europäer. Foto: EP/Alain ROLLAND

Seit 2019 sitzt der Stuttgarter Michael Bloss für die Grünen im Europäischen Parlament. Wie sieht sein Arbeitstag aus? Unterwegs auf den Fluren Europas.

Es ist halb Zwei in Brüssel, als Michael Bloss aus dem Besprechungsraum im Gebäude der Landesvertretung Baden-Württemberg stürmt. Schnelle Schritte tragen ihn vorbei an einer Schillerbüste im „The Länd“-Shirt, durch die Türen der Sicherheitsschleuse und hinaus auf die Straße. Schon wieder ist Bloss hinter dem Zeitplan, den ihm kleine rote Rechtecke auf dem Display seines Handys vorgeben. Gefährlich nahe befindet sich der schwarze Balken bereits am nächsten Kästchen, auf dem „Besuchergruppe (RB)“ steht. „Eine Schulklasse aus Berlin“, erklärt Bloss, während er die Straße überquert. Zum Parlamentsgebäude sind es nur wenige Minuten zu Fuß.

 

Seit 2019 sitzt Michael Bloss aus Stuttgart für die Grünen im EU-Parlament. Auch nach sechs Jahren gehört der 38-Jährige hier noch zu den Jüngeren. In seiner politischen Fraktion ist er vor allem für klimapolitische Fragen der Europäischen Union zuständig. Bloss saß beispielsweise mit am Tisch, als das europäische Klimagesetz und der Emissionshandel verhandelt wurden.

Im Parlament kennt er jede Tür

Ungeduldig hält er seine Zugangskarte an den grün blinkenden Sensor. Tiefenentspannt setzt sich die Drehtür am Haupteingang des Parlaments in Bewegung. Als sie Bloss im Inneren wieder ausspuckt, geht es zügig weiter. In den breiten Gängen des Parlaments herrscht geschäftige Unruhe. Überall diskutieren Trauben von Menschen angeregt, während sich andere hastig ihren Weg durch die Umherstehenden bahnen. Bloss öffnet die Tür am Ende eines Ganges und geht in das versteckte Treppenhaus dahinter. Plötzlich ist es ruhig.

Der Stuttgarter kennt die Schleichwege des weitläufigen Parlamentsgebäudes gut. Schon vor seinem Einzug ins EU-Parlament hatte er mehrere Jahre für die Grünen-Abgeordnete Ska Keller gearbeitet. In der Politik sei er schon lange, sagt Bloss, auch wenn das nicht unbedingt vorgezeichnet war. In den 1990er-Jahren wuchs er in Stuttgart-Feuerbach auf. Sein Vater sei gelernter Versicherungskaufmann, die Mutter das, was man eine Langzeitarbeitslose nennen würde. Seine Eltern waren nicht politisch, sagt er, trotzdem sei ihm Gerechtigkeit schon immer wichtig gewesen.

Für die Europäischen Grünen sitzt Michael Bloss im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie. Foto: EP/Benoit Bourgeois

In der achten Klasse habe er ein Projekt zum Thema erneuerbare Energien umgesetzt und die Schulleitung so lange beackert, bis sie eine Solaranlage auf dem Dach der Schule installierte. Später trat er der Greenpeace-Jugend bei und machte seinen Zivi an einer Schule in Ghana. Das präge ihn bis heute, sagt Bloss. „Es ist ein krasses Privileg, in Stuttgart aufgewachsen zu sein.“ Finanziell betrachtet gehöre man hier zu den obersten fünf Prozent der Weltbevölkerung, sagt er.

Vier Tage EU-Kosmos pro Woche

Michael Bloss betritt den kleinen Sitzungssaal, in dem die Schulklasse aus Berlin bereits wartet, und nimmt auf dem Podium Platz. Eigentlich sollte ein grüner Parteikollege dort sitzen, doch der ist kurzfristig krank. „Ich bin nicht Erik Marquardt, aber ich bin sein Mitbewohner“, sagt Bloss deswegen zur Begrüßung und bricht damit das Eis. Die Schüler lachen.

Aber es stimmt. In Brüssel wohnt er in einer WG mit seinem Parteifreund. Wobei „wohnen“ es nicht so ganz trifft. Meist nimmt Michael Bloss montags den ersten Zug nach Brüssel. Dort sind seine Tage von morgens bis abends durchgetaktet, ein Meeting folgt auf das nächste. Die EU-Institutionen seien „absolut ein Kosmos für sich“, sagt er. Eine Parallelwelt. Von der Stadt selbst bekäme man als Abgeordneter kaum etwas mit. Meist geht es dann im Laufe des Donnerstags schon wieder zurück in den Südwesten. Freitags ist er in Baden-Württemberg unterwegs, die Wochenenden versucht er, für die Familie freizuhalten, für sein Privatleben in Stuttgart. Michael Bloss hat zwei Töchter.

Rund eine halbe Stunde löchern die Schüler Michael Bloss mit ihren Fragen. Es geht um große Themen wie die Asylrechtsreform, den Atomausstieg und die zunehmende politische Polarisierung, aber auch um Konkretes wie das Tempolimit, Greta Thunberg und das Gehalt der Parlamentarier. Michael Bloss hat auf jede Frage eine Antwort. Im Schnelldurchlauf erklärt er die EU. Herausforderungen wie die Klimakrise seien nur global zu lösen, sagt er. Zwischen der begrenzten Wirkmacht der Nationalstaaten und den langsam mahlenden Mühlen globaler Organisationen sieht er die EU als einen effektiven Mittelweg. Groß genug, um wirklich etwas zu bewirken. Klein genug, um handlungsfähig zu bleiben. Als Abgeordneter habe er das Gefühl, tatsächlich etwas verändern zu können. „Die Logik des Parlaments ist auf Kooperation ausgelegt“, sagt er. Als EU-Parlamentarier sei es einfacher, eigene Ideen einzubringen und dafür Mehrheiten zu suchen, als das auf nationaler Ebene der Fall sei.

In Brüssel kämpft er auch für schwäbische Belange

Obwohl der Stuttgarter in Brüssel arbeitet, ist er gut in der baden-württembergischen Landespolitik vernetzt. „Vor Ort nimmt man die Probleme in größerer Detailschärfe wahr“, sagt er. Was er in Stuttgart und der Region mitbekommt, prägt seine Arbeit in der EU.

Da ist zum Beispiel die Frage nach der Zukunft der Autoindustrie. In Brüssel diskutiert man derzeit einen Aktionsplan der EU-Kommission, der unter anderem eine Aufweichung der CO₂-Flottengrenzwerte in Aussicht stellt. Automobilhersteller könnten Verfehlungen bei den gesetzlichen Dekarbonisierungszielen zukünftig durch Übererfüllung in den Folgejahren kompensieren. Bloss sieht das mehr als negativ.

„Baden-Württemberg ohne die Autoindustrie – das will ich auch nicht erleben“, sagt er. Zu wichtig seien die Konzerne für den Wohlstand in der Region. Sowohl Michael Bloss als auch seine erste Tochter sind in der Filderklinik zur Welt gekommen, die von den Gründern des Automobilzulieferers Mahle ins Leben gerufen wurde und bis heute finanzielle Unterstützung von dem Konzern erhält. Die Industrie müsse endlich konsequent in die Zukunft investieren, meint Bloss, nur dann könne der Klimaschutz zu einer „Modernisierungsgeschichte für Baden-Württemberg und seine Traditionsunternehmen werden“.

Michael Bloss ist noch immer eng mit der Region verbunden. Mit seiner Familie lebt er in Stuttgart. Foto: Michael Bloss

Eigentlich habe das Land die besten Voraussetzungen dafür, sagt er. Baden-Württemberg stünde im Zentrum der Globalisierung, schwäbische Unternehmen würden Handel mit der ganzen Welt treiben. Rund ein Drittel der Menschen im Südwesten hätten einen Migrationshintergrund, sagt Bloss. Trotzdem wirke das Land auf ihn manchmal wie eine „satte Provinz“. Zu häufig ruhe man sich auf den Erfolgen der Vergangenheit aus. „Es stimmt eben nicht, dass der Rest der Welt keine Käpsele sind“, sagt er. Man müsse weiterhin innovativ bleiben, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Gegen 16 Uhr betritt Michael Bloss zum ersten Mal an diesem Tag sein Büro. Es ist ein kleiner, spärlich eingerichteter Raum mit Blick auf den Platz vor dem Parlament. An der Wand hängt eine Regenbogenflagge, auf der groß das Wort „Climate“ prangt. Auf dem Schreibtisch steht eine kleine Schneekugel, in der eine Miniatur-Ölpumpe zu sehen ist. Ein Mitbringsel von der Klimakonferenz in Baku, erklärt Bloss amüsiert, „das haben die da ernsthaft verkauft“.

Bloss weiß genau, wofür er kämpft: „Wenn ich in Rente gehe, möchte ich, dass wir aus den fossilen Energien raus sind.“ Seitdem er Kinder habe, sei die Klimafrage für ihn noch existenzieller geworden. Derzeit befände man sich im Klimaschutz jedoch leider im Abwehrkampf, sagt Bloss. In der vergangenen Legislaturperiode hätte die EU mit dem Green Deal große Fortschritte gemacht, doch nun bröckele die Unterstützung im Parlament.

Nachrichten auf allen Kanälen

Er lässt sich in seinen Bürostuhl fallen und klappt den Laptop auf. „So, jetzt habe ich ein wenig Stillarbeitszeit“, sagt er. Gemeint sind E-Mails, SMS, Whatsapp- und Signalnachrichten. Auf allen Kanälen prasseln die Anfragen auf Michael Bloss ein. Einen Großteil seiner Arbeitszeit ist er damit beschäftigt, herauszufinden, wie wer zu was steht und wo sich Mehrheiten finden lassen. Ob darunter auch andere Stillarbeitszeit verstehen würden? Wie auch immer, auch sie ist irgendwann vorbei.

Als Michael Bloss am Abend die Tür zum Konferenzraum im Untergeschoss des Parlaments öffnet, hat die Veranstaltung dort bereits begonnen. Ein Lobbyverband hatte zum „Roundtable“ mit Abgeordneten und Wirtschaftsvertretern geladen. Es geht um den Clean Industrial Deal, ein Gesetzespaket, mit dem die EU-Kommission die Wettbewerbsfähigkeit Europas stärken möchte.

Nach und nach treten die Anwesenden ans Rednerpult, um ihre Sicht der Dinge zu erläutern. Irgendwann ist Michael Bloss an der Reihe. Seine Rede ist energisch, doch nach einigen Minuten beginnt er zu stocken. Suchend schaut er in sein Notizbuch, wirkt kurz aus der Fassung gebracht. Nur für einen Moment blitzt die Erschöpfung in sein routiniertes Auftreten. Der Tag war lang. Und morgen ist ein neuer, an dem die roten Quadrate auf dem Handy sagen, wo’s lang geht, um das Klima zu retten.

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