Der Gast war ungeladen. Die Orca-Familie hatte gerade ihr Abendessen zusammengetrieben und machte sich daran, die Heringe zu verspeisen. Da tauchte Julia Ochs (35) auf. Im Neopren mit Kamera. Sie hielt Abstand, „schließlich würden wir auch nicht wollen, dass sich einfach jemand zu uns an den Abendbrottisch setzt“. Nach einiger Zeit war sie akzeptiert und hatte das Gefühl, die Orcas trieben einige Heringe in ihre Richtung, damit sie mitspeisen könne. Nett. Aber sie begnügte sich damit, Fotos zu machen in dem vier Grad kalten Wasser vor der Küste einer norwegischen Insel. Schließlich ist sie Vegetarierin. Und brauchte die Hände, um ihre Kamera festzuhalten. Nördlich der Lofoten war das. Saukalt ist es dort. Die Luft klirrt bei minus 20 Grad.
Blau statt grau – eine Labsal fürs Auge
Weißer Schnee, das Meer schwimmt in tiefem Blau, über den Bergen geht die Sonne auf, ein angenehmes Frösteln strahlt aus dem Foto, das man im Stuttgarter Sommer auf dem Grunde des Kessels betrachtet. Umgeben von Betongrau in allen Schattierungen ist es eine Labsal fürs Auge. Blau in allen Variationen umgibt einen in der Ocean Gallery in der Eberhardstraße 3, wo man einst bei Lausch & Zweigle Noten kaufen konnte. Man merkt, der Name ist Programm: Julia Ochs zeigt ihre Fotos, die sie auf den Fahrten mit den Forschern des Alnitak Research Institutes in Norwegen, Island und vor Mallorca aufgenommen hat.
Glückserlebnis in Portugal
Mehr Meer, das wollte Julia Ochs in ihrem Leben haben, als sie ihr Studium der Medienwissenschaften beendet hatte. Sie packte Rucksack und Kamera, flog nach Australien, reiste umher und landete in Bayron Bay. „Dort habe ich mich ins Surfen verliebt“, erzählt sie. Eine Liebe fürs Leben. Es zog sie nach Cornwall und nach Portugal, sie fotografierte, als Werbung für Surfer und die mannigfaltige Industrie drumrum – und für sich selbst. Ihren Aha-Moment hatte sie in Portugal, sie surfte, während die Sonne unterging. „Das Wasser färbte sich pink und Gold und ich wäre vor Glück fast geplatzt.“ Mit der Kamera wurde sie „Teil des Geschehens“. Vom Meer wollte sie nicht lassen.
Also surfte sie durch Bits und Bytes auf der Suche, wie sie die Leidenschaft für die Ozeane und Fotografieren zusammenbringen konnte. Sie landete auf der Webseite von Alnitak, einer spanischen Organisation, die zwei junge Greenpeace-Aktivisten 1989 gegründet hatten. Sie wollen den Unterwasserlärm reduzieren, kämpfen gegen illegale Fischerei, gegen die Bedrohung durch alte Netze, beobachten und schützen Schildkröten und Rundkopfdelfine.
Auf ihren Fotos scheint die Welt perfekt – allerdings nur auf den ersten Blick
Ehrenwerte Ziele, allerdings fand Julia Ochs, beim Darstellen und Werben gab es Luft nach oben, sprich, sie könnten eine gute Fotografin brauchen. Also heuerte sie an. Und seitdem widmet sie sich dem Wasser. Auf ihren Fotos scheint die Welt perfekt, so wie sei sein sollte, wohltuend, wo doch alles aus den Fugen gerät. Doch das ist nur auf den ersten Blick so. Der kalbende Gletscher in Island schmilzt schneller denn je; die Schleppnetze kratzen über den Meeresboden, setzen gebundenes Kohlendioxid frei; der Buckelwal springt öfter denn je, weil der Lärm von Schiffsschrauben seine Kommunikation stört und er sich durch den lauten Aufprall den Artgenossen bemerkbar macht; Geisternetze treiben durchs Meer, töten Fische und Schildkröten. „Dem Meer droht Gefahr“, sagt Ochs, „und nur acht Prozent stehen unter Schutz.“ Letztlich ein Dilemma. „Wir sind alle Teil des Problems“, sagt sie. Deshalb will sie sich auch nicht mehr Walen nähern. Das Meer braucht Ruhe. Mehr denn je.
Die Furcht besiegen
Zuhause schwimmt sie im Aileswasensee, um fit zu bleiben, um den Umgang mit der Kamera zu üben. Doch in Norwegen war das noch einmal eine ganz andere Sache. Mehrere hundert Meter hinauszuschwimmen im bitterkalten Meer, Strömung und Wellen zu trotzen – und der eigenen Angst. Anderthalb Stunden war sie draußen bei ihrem ersten Trip, mit der Kamera im schweren wasserdichten Gehäuse oft auf dem Rücken schwimmend – und danach völlig erschöpft, aber glücklich und stolz. Noch heute ist das dabei entstandene Foto ihr Lieblingsbild.
Ein Film für CNN
Im September geht es wieder los, nach Sóller auf Mallorca, zu den Delfinen. Dabei wird sie einen Beitrag für den amerikanischen Fernsehsender CNN drehen. Und wieder Fotos machen. Die sie daheim zeigt – und verkauft. 50 Prozent der Erlöse gehen an Organisationen, die das Meer schützen. Doch die Sache ist vertrackt. Das ist immer so, wenn man Dingen nahe kommt. Aus der Ferne ist vieles einfacher. In Norwegen hat Julia Ochs einen Fischer getroffen, dessen Geschäft sich nicht mehr gelohnt hat. Die Konkurrenz war zu groß für ihn mit seinem Kutter. Die Supertrawler, schwimmende Fabriken, können jeden Tag über 200 Tonnen Fisch fangen und verarbeiten. Also arbeiten er und seine Familie nun für eine Aquakultur, eine Zuchtfarm für Lachse. Letztlich Massentierhaltung. Aber fragt sich Julia Ochs nun, kann sie da mal kurz aus Stuttgart herschippern, dem Mann sagen, er solle seinen Job aufgeben, weil Aquakultur böse ist? Er soll arbeitslos werden, während sie daheim für die Industrie fotografiert und so ihren Lebensunterhalt verdient? Letztlich rhetorische Fragen. Natürlich nicht.
Sehnsuchtsort
Lebensraum, Wetterzentrale, Lebensspenderin, Ernährerin, Urlaubsort, und Arbeitsplatz. Auch Projektionsfläche und Sehnsuchtsort. So zeigt Julia Ochs das Meer.
Ocean Gallery
Öffnungszeiten
Ocean Gallery, Eberhardstraße 3, geöffnet Montag, Mittwoch und Freitag jeweils 14 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung, Infos über 0711/45262715 oder E-Mail: info@ocean-gallery.de. Webseite: https://www.ocean-gallery.de/