Stuttgarter Hausärztin gibt Praxis auf „Der Druck ist nicht mehr zu ertragen“
Sie liebe ihren Beruf, sagt eine Möhringer Hausärztin – doch es kann so nicht weiter gehen. Die Gründe für ihre Aufgabe.
Sie liebe ihren Beruf, sagt eine Möhringer Hausärztin – doch es kann so nicht weiter gehen. Die Gründe für ihre Aufgabe.
Am Glaseingang hängt ein Infoblatt mit den Coronaregeln, darunter ein blauer Aufkleber mit Smiley und der Aufforderung: „Ab hier bitte lächeln!“ In der Hausarztpraxis von Yanina Martius ist aber niemandem mehr zum Lachen zumute. „Ich habe meinen Kassensitz gekündigt“, sagt die 47 Jahre alte Internistin. „Der ständige Druck von allen Seiten, die gesundheitlichen Folgen und die familiären Probleme, es ist nicht mehr zu ertragen, ich kann nicht mehr.“ Ende September ist Schluss.
Dabei ist die Medizinerin mit ihrer neuen, modern ausgestatteten Praxis in Möhringen erst vor vier Jahren „mit großem Enthusiasmus“ gestartet. Fachlich war sie gut vorbereitet auf die Selbstständigkeit. Zwei Jahrzehnte hatte sie in mehreren Krankenhäusern im Großraum Stuttgart gearbeitet, war Oberärztin. Die Diabetologin ist zudem Notärztin, sie ist im Rettungshubschrauber geflogen.
Die ersten Jahre in der neuen Praxis waren gut, die Patientenzahl ist hoch. „Bis 2021 habe ich das geschafft“, sagt Yanina Martius. Dann kam Corona, die schon angespannte Lage verschärfte sich. Auch die Pandemie ist die Hausärztin engagiert angegangen. Man sei die erste Praxis im Bezirk gewesen, die PCR-Tests angeboten habe und die erste Corona-Schwerpunktpraxis. „Wir haben tagsüber von 7 bis 21 Uhr geimpft, auch ohne Mittagspause gearbeitet“, erzählt die Internistin. Selbst am Samstag gab es für Patienten den Piks. Für die ärztliche Versorgung von Ukraine-Flüchtlingen hat die Medizinerin sich ebenfalls eingesetzt. „Meine Muttersprache ist Russisch“, sagt sie.
Dass sie dies alles nicht gut alleine würde bewältigen können, war Yanina Martius schnell klar. Sie schaltete Inserate und suchte einen angestellten Arzt oder eine Ärztin und medizinische Fachkräfte. Doch die Kollegin, die sie schließlich fand, war schnell wieder weg, schon zwei Wochen nach dem Schritt zur Corona-Schwerpunktpraxis. „Mit Coronapatienten wollte sie nichts zu tun haben“, erzählt die Hausärztin. Auch aus Krankenhäusern in der Region konnte sie niemanden gewinnen. Klinikärzte wollten meist nicht in eine Hausarztpraxis, ist ihr Eindruck, wegen der höheren Belastung. „In der Klinik ist man immer im Team, hier muss man Entscheidungen alleine treffen.“
Mit den medizinischen Fachangestellten erging es ihr nicht besser. Einer der beiden Mitarbeiterinnen, die kamen, war es schon nach zwei Tagen zu viel. Nach zwei Monaten war auch die zweite wieder weg. „Sie haben die Belastung nicht ertragen“, sagt Yanina Martius. Trotz regelmäßiger Stellenanzeigen hat sie niemanden mehr gefunden. Seither arbeitet sie als Ärztin weiter alleine in der Praxis, zusammen mir einer erfahrenen Sprechstundenhilfe und einer Auszubildenden. Mit wachsendem Verschleiß.
Hanna Klatt, die medizinische Fachkraft, fängt oft schon um fünf Uhr morgens an, manchmal noch früher, am Samstag arbeitet sie immer wieder auch von zu Hause aus. Die 58-Jährige fragt: „Wie soll das sonst gehen?“ 35 Jahre ist sie im Beruf, der eigentlich ihre Berufung war. „Aber nicht mehr in dieser Zeit“, da ist Hanna Klatt ganz entschieden. Sie wäre längst weg, wenn ihre Arbeitgeberin nicht „so eine liebe Ärztin“ wäre. Die hätte schon lange aufgeben müssen ohne ihre „tolle Kraft“. Doch auch Hanna Klatt hält nur noch durch, weil sie weiß: Ende September fällt der große Druck ab.
Es sind nicht nur die Mehrarbeit durch Corona und der Personalmangel, welche die Lage ins Unerträgliche verschärft haben. Auch das Verhalten mancher Patienten setzt den Beschäftigten zu. Die allermeisten Patienten seien „sehr lieb und verständnisvoll“, betont Yanina Martius. Aber die Zahl derer, „die unverschämt und immer aggressiver fordernd sind, nimmt sehr zu“, erzählt Hanna Klatt. Sie schätzt diese Gruppe inzwischen auf bis zu 30 Prozent. Das gehe bis zu Beleidigungen und Drohungen, ergänzt die Hausärztin. „Wir haben uns Pfefferspray zugelegt.“
Ein Beispiel für den täglichen Verdruss sind die sich regelmäßig ändernden Rabattverträge von Kassen mit Pharmaherstellern, die bestimmen, welche Medikamente aus Preisgründen verschrieben werden dürfen und welche nicht. „Früher gab’s alles, jetzt ist alles sehr eingeschränkt“, stellt Hanna Klatt fest. „Aber die Patienten wollen mehr.“
Überhaupt würden „die Vorgaben immer schlimmer“, kritisiert die medizinische Fachkraft, die Gesundheitspolitik sei „eine Katastrophe“. Yanina Martius leidet sehr unter dem „weiter zunehmenden bürokratischen Aufwand“. Sie benötige am Tag „drei bis vier Stunden für den Papierkram“. Dann zeigt die 47-Jährige auf einen Kasten im Zimmer, der aussieht wie ein größerer Kühlschrank, hinter der Glastür sind Kabel zu sehen: die Telematikeinheit, die Praxen haben müssen. „Die funktioniert aber nicht reibungslos“, kritisiert die Hausärztin. In dieser Woche haben die Telefonate mit dem Softwareanbieter sie etliche Stunden gekostet, nicht zum ersten Mal. Am Abend zuvor ist es wieder 23 Uhr geworden. Manchmal hat die Ärztin auch in der Praxis übernachtet.
Dann kam auch noch dieses Schreiben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Darin wurde ihre Abrechnung moniert, bei der Martius laut KV auf bis zu 14 Stunden und 50 Minuten Arbeitszeit am Tag komme, „tatsächlich sind es aber rund 17 Stunden“. Auch wie sie die Impfsamstage abgerechnet hat, wurde beanstandet. „So wird die Leistung bei Corona-Impfungen geschätzt und vergütet“, sagt die Hausärztin bitter. Zeitweise waren es 700 Impfungen in der Woche. „Je mehr man arbeitet, desto mehr wird man bestraft und mit Regress bedroht.“
Als das Schreiben der KV einging, hatte Yanina Martius ihren Kassenarztsitz bereits gekündigt. Den Ausschlag gab ihre Tochter. Die Ärztin ist verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von 25 und elf Jahren, ihr Mann ist selbstständig. Die jüngere Tochter, die noch zur Schule geht, leidet so sehr unter der Absenz der Mutter, dass es sie inzwischen krank macht. Da zog die Medizinerin die Reißleine. „Ich mach’ jetzt Pause, ohne KV-Sitz, um Luft zu holen und die vielen Lücken in meiner Familie zu füllen, die durch die enorme Belastung entstanden sind“, sagt sie. Sie selbst hat in drei Monaten acht Kilogramm abgenommen.
Sie mache ihre Arbeit „immer noch mit Leidenschaft“, das betont sie. Auf ihrer Webseite heißt es zu ihrer Philosophie: „Ich behandle keine Krankheitsbilder, sondern Menschen mit Krankheiten, individuell und umfassend.“ Von September an aber will sie nur noch wenige Stunden am Tag ihre Privatpatienten betreuen, die nur gut zehn Prozent ihres Patientenstammes ausmachen. Wegen der finanziellen Belastung durch die Praxis werde sie auch wieder als Notärztin fahren. Vor allem aber will sie sich um ihre Familie und ihre Tochter kümmern. Für die Patienten sucht sie Ersatzlösungen, niemand bleibe ohne Hilfe.
Leicht fällt Yanina Martius das alles nicht. „Es tut wirklich weh“, da ist sich die Ärztin mit Hanna Klatt einig. „Viele Patienten haben geheult, weil wir aufhören.“ So ist auch der Medizinerin zumute. Nicht einmal auf den Urlaub freut sie sich. Dennoch: „Es tut mir so leid, aber ich sehe keinen anderen Weg – sonst gehe ich kaputt“, erklärt die Hausärztin. „Einzelpraxen überleben das nicht.“