Der Baustellenzaun für das Projekt Vier Giebel rückt den Häusern und Bars im Ausgehviertel der Geißstraße immer näher. Rechts: das verbaute Café Weiß. Foto: privat
Das Projekt Vier Giebel soll das „Märchenviertel“ aufwerten. Anwohner und Wirte aber klagen über dunkle Ecken, Müll und fehlende Kundschaft. Ein Bauzaun sei „illegal“ versetzt worden.
Der Brunnen ist nach dem Burschen Hans benannt, der, wie die Brüder Grimm so schön aufgeschrieben haben, im Glück war. Weitere Märchenfiguren zieren Giebel und Dächer in dem Ausgehviertel, das vor allem im Sommer im Freien brummt. Doch im „Märchenviertel“ haben nicht alle Glück. Wo früher Passanten zwischen Steinstraße und Hans-im-Glück-Brunnen flanierten, wirkt die Geißstraße heute wie ein vergessener und abgehängter Winkel der City: schmal, dunkel, wenig einladend.
Ein Bauzaun blockiert den Weg, Müll sammelt sich, Laufkundschaft bleibt aus. Für Anwohner und Gastronomen ist die Gasse seit Jahren ein Ärgernis – und der Unmut wächst.
So sollen die Vier Giebel aussehen, wenn sie fertig sind. Foto: LBBW Immobilien
Anwohner kritisieren Absperrung
Das Bauprojekt Vier Giebel sorgt nicht nur wegen seiner langen Bauzeit für Verdruss, sondern vor allem wegen einer Absperrung, die nach Ansicht der Betroffenen weit in den öffentlichen Raum hineinragt. Der Bauzaun dominiert das Bild in der schmalen Gasse und schränkt den Zugang erheblich ein. Es riecht streng nach Urin. Eigentlich sollten noch in diesem Jahr die ersten Mieter in den Vier Giebeln einziehen. Doch die riesige Baustelle erweckt einen anderen Eindruck.
„Das geht seit fünf Jahren so“, sagt ein Hausbesitzer aus der Nachbarschaft. In dieser Zeit habe sich die Geißstraße zu einem dunklen, unattraktiven Ort entwickelt. Betreiber umliegender Bars berichten, dass sich regelmäßig Unrat ansammele. Beim Café Weiß seien Scheiben eingeschlagen worden. Mehrere Gastronomen klagen über deutliche Umsatzeinbußen, da Laufkundschaft ausbleibe und der Zugang erschwert sei. Trotz der angespannten Lage will am Donnerstag Norman Schmidt, bekannt vom Transit/Bergamo, eine neue Bar unweit der Großbaustelle eröffnen.
„Illegales Versetzen des Bauzauns“ sorgt für Unmut
Besonders groß ist der Ärger darüber, dass der Bauzaun nach Einschätzung der Anwohner über den erlaubten Bereich hinausreiche. Sie werfen der LBBW Immobilien als Bauherrin ein „illegales Versetzen des Bauzauns“ vor. Immer wieder habe es Zusagen gegeben, die Absperrung zurückzubauen, berichten Betroffene – geschehen sei lange Zeit jedoch nichts. Zusätzlichen Unmut verursachten die Verzögerungen im Projekt: Weil die Baugenehmigung der Stadt über einen längeren Zeitraum gefehlt habe, habe der Bau später als geplant beginnen können.
Die LBBW Immobilien weist die Vorwürfe zurück. Sprecherin Aleksandra Boländer betont, man habe Verständnis für die Sorgen und Beschwerden der Nachbarn. „Eine Baustelle in der Innenstadt ist immer eine Herausforderung und erfordert viel Geduld und Verständnis von den Anwohnern“, sagt sie. Die Sicherheit der Passanten habe oberste Priorität. Der Bauzaun sei notwendig, um den Baustellenbetrieb sicher zu gewährleisten, erkärt Boländer und fährt fort: „Selbstverständlich halten wir uns dabei an die Vorgaben und installieren ihn nicht über den erlaubten Bereich hinaus. Das war zu keiner Zeit der Fall.“
Bauzaun-Rückbau: Hoffnung auf baldige Entlastung der Geißstraße
Gleichzeitig kündigt die Bauherrin konkrete Schritte an. Ende dieser Woche solle der Bauzaun in weiten Teilen, insbesondere im Eingangsbereich der Geißstraße, um etwa einen Meter zurückversetzt werden. Voraussetzung sei die Demontage eines Gerüsts im Bereich des Hans-im-Glück-Brunnens, weshalb die Maßnahme später erfolge als ursprünglich angekündigt.
Das Projekt Vier Giebel befinde sich inzwischen in der Endphase, so Boländer. Das Wohn- und Geschäftshaus mit dem innovativen Solardach an der Eberhardstraße 18 bis 22 zeichne sich durch eine markante Giebeldachstruktur, eine detailreiche Natursteinfassade sowie eine nachhaltige Bauweise aus. Als zeitgemäße Neuinterpretation klassischer Stuttgarter Altstadthäuser füge sich das Ensemble in den städtebaulichen Zusammenhang ein und solle das Quartier beleben. Gastronomie, Büros und 42 Wohnungen sind geplant.
Neues Leben im Märchenviertel: Hoffnung auf Aufschwung
Aus der umliegenden Gastronomie habe man bereits positives Feedback erhalten, wie sehr das neue Gebäude den Bereich aufwerte, erklärt die Sprecherin. Mit der Fertigstellung der Vier Giebel beginne im sogenannten Märchenviertel „etwas Neues“, das ein Gewinn für die Nachbarschaft sein werde. Für Anwohner und Gastronomen bleibt jedoch entscheidend, ob den Ankündigungen nun auch Taten folgen – und wann das Quartier nach Jahren der Einschränkungen aufleben kann.