Stuttgarter Jugendamt arbeitet Fall Kamenzin auf Sozialarbeiter missbrauchte Jugendliche – warum kontrollierte ihn niemand?

Zur leidvollen Geschichte der Jugendlichen gehört, dass ihnen lange beim Jugendamt niemand zugehört oder geglaubt hat. Foto: picture alliance/dpa/Annette Riedl

Der Sozialarbeiter Helmut Werner Kamenzin bot Alternativen zur Heimerziehung, missbrauchte so über Jahrzehnte Jugendliche in Wohngruppen und auf Freizeiten. Harry G. ist einer von ihnen. Jahrzehnte hörte ihm keiner zu, jetzt hofft er auf Antworten.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Gibt es eine entmutigendere Erfahrung, als zu hören, es werde einem sowieso niemand glauben, was man erlebt hat? Dass man als Jugendlicher – und noch dazu als einer aus einer Jugendhilfeeinrichtung – unglaubwürdig sei? Wer soll so einem schon glauben, wenn er einen erwachsenen Mitarbeiter des Jugendamtes Stuttgart der sexuellen Übergriffigkeit beschuldige? Diese Zurückweisung, seine eigenen Hilflosigkeit und die Wut darüber erlebte Harry G. 1976, als er sich nach mehrfachem sexuellem Missbrauch durch Werner Helmut Kamenzin, den Leiter seiner Wohngemeinschaft, an den Jugendamtsleiter wenden wollte – und wohl an dessen Sekretärin scheiterte. So hat er es bereits 2010 unserer Zeitung erzählt, und so steht es jetzt 15 Jahre später auch in dem Bericht, den ein Projektteam von Erziehungswissenschaftlern der Institute für Sozial- und Organisationspädagogik und der Erziehungswissenschaften der Universität Hildesheim im Auftrag des Stuttgarter Jugendamts in den vergangenen zwei Jahren erarbeitet hat.

 

Susanne Heynen, damals noch Amtschefin, hatte das Aufarbeitungsprojekt 2021 in Gang gesetzt, als sich Betroffene bei ihr meldeten. Sie war die Erste, die zuhörte und glaubte. Katrin Schulze, ihre Nachfolgerin, hatte nun zusammen mit der Schul- und Jugendbürgermeisterin Isabel Fezer zur Vorstellung der Studie eingeladen. Beide entschuldigten sich im Namen der Stadt und des Jugendamtes bei allen damals jungen Menschen, dass es nicht gelungen sei, sie zu schützen.

Werner Helmut Kamenzin bei einem Gerichtsprozess (Archivbild) Foto: privat/Stefan Puchner

Werner Helmut Kamenzin, Jahrgang 1940, begann seine Tätigkeit im Jugendamt Stuttgart in der Abteilung Sozialpädagogische Heime, Adoptions- und Pflegestellenwesen 1967. Er startete als Heimerzieher in einem Jungenheim, wurde in den 1970er Jahren stellvertretender kommissarischer Abteilungsleiter und Personalratsvorsitzender. 1980 kündigte ihm sein Arbeitgeber fristlos. Allerdings nicht wegen der von ihm ausgeübten sexuellen Gewalt. Der Grund waren vielmehr Urkundenfälschung und andere Unregelmäßigkeiten bei der Arbeit. Erst 1985 trennte sich das Jugendamt nach einem langen Rechtsstreit endgültig von ihm und zahlte ihm 75 000 DM Abfindung. Seinem Treiben setzte das kein Ende.

Die Jugendlichen mussten renovieren

Im selben Jahr kaufte Kamenzin das Schullandheim Sonneck-Hütten in Bayern, wo er bis 1995 Jugendfreizeiten anbot. Renovieren ließ er das Haus durch die ihm anvertrauten Schutzbefohlenen. Weitere Immobilien folgten. Einer der Betroffenen nennt das „Zwangsarbeit von jungen Menschen“. Wolfgang Schröer aus dem Forschungsteam sagt: „Er machte die Angebote, die kein anderer Träger hatte.“ Kamenzin war zudem bestens vernetzt mit den Trägern der Jugendhilfe, agierte weiter als Anbieter von betreuten Wohngruppen, in denen das Jugendamt seine Schutzbefohlenen unterbrachte. Wegen sexuellen Missbrauchs wurde er bis zu seinem Tod im Jahr 2009 jedoch nie verurteilt, obwohl das Jugendamt, wie der Bericht ausdrücklich erwähnt, von dem Zeitzeugen über die erlittene Gewalt noch während Kamenzins Anstellungsverhältnis mit der Stadt informiert worden sei.

Harry G., heute 66 Jahre alt, ist einer der wichtigen Zeitzeugen, auf dessen Bericht die Hildesheimer Forschungsarbeit aufbaut. Zwischen seinem 16. und 18. Lebensjahr hatte ihn das Jugendamt Stuttgart an wechselnden Orten in der Obhut Kamenzins untergebracht. Er erlebte nicht nur immer wieder sexualisierte Gewalt durch Kamenzin. Sein vermeintlicher Betreuer brachte ihn auch um sein Auszubildendengehalt, indem er für den Minderjährigen ein Konto anlegte und kurz vor Harry G.s 18. Geburtstag die 10 000 DM abhob und einbehielt, ihm gegenüber jedoch behauptet, er habe sie ihm bar ausgehändigt. Und auch als Harry G. es schaffte, sich durch seine Volljährigkeit von Kamenzin zu befreien, blieb die Angst vor seinem Peiniger. Erst nach dessen Tod legte sich die.

Harry G. will abschließen

Jetzt sitzt Harry G., kräftige Statur, graue akkurat geschnittene Haare, in einem Stuttgarter Café. „Ich habe die Studie genau gelesen“, sagt er. Natürlich hat ihn das noch einmal mitgenommen. „Aber ich möchte endlich abschließen.“ Er hat sich eine Existenz fern von Stuttgart aufgebaut, hat eigene Kinder. Aber manchmal blockiere ihn das Erlebte immer noch.

Als Heimkind lernte er Kamenzin auf einer Freizeit kennen, die der Jugendamtsmitarbeiter betreute. Der lobte ihn für seinen Einsatz – und Harry G. fand das schön. Ab da hatten die beiden regelmäßig Kontakt. Es kam zu Besuchen. Kamenzin war offensichtlich ein unkonventionell-kreativer Machertyp. Zwischen Faszination, Ablehnung und Ekel wechselte Harry G.s und der anderen Haltung ihm gegenüber. In Kamenzins sogenannter Kanzlei, einer Wohnung oberhalb des politisch links stehenden Klub Voltaire im Leonhardsviertel, kam es zum ersten Übergriff. Harry G., sexuell völlig unerfahren, fand Kamenzins Verhalten unangenehm und ekelhaft. Auch dort, im Klub Voltaire, war Kamenzin nach eigenen Angaben im Vorstand engagiert.

Die Forschungsgruppe attestiert nicht nur dem Jugendamt Stuttgart, sondern allen Trägern der Kinder- und Jugendhilfe ein kollektives Versagen bei der Sorge um Schutzbefohlene. Foto: Max Kovalenko/Max Kovalenko

Doch es geht in der Studie nicht nur um die „sexualisierte Gewalt und andere Grenzverletzungen gegenüber jungen Menschen, die Kamenzin im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe ausgeübt hat“. Über allem steht auch die Frage, wie die organisatorischen Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe Stuttgarts Kamenzins Handeln ermöglich haben. Unbeantwortet bleibt die Frage, warum das Landesjugendamt seiner Aufsichtspflicht nicht nachgekommen ist. Seine Nachfolgeorganisation, der Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS), hat es anders als das Stuttgarter Jugendamt abgelehnt, sich an der Förderung der Studie zu beteiligen. Auf Nachfrage erklärt der Verband, „aufgrund der starken Orientierung auf eine Einzelperson und auf die Situation in der Stadt Stuttgart“ sei man zu der Einschätzung gekommen, „dass die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Regionen oder Ämter, wie es die KVJS-Richtlinien für Modellvorhaben vorschreiben, nicht ausreichend gesichert war“.

Die Forschenden hingegen sehen „eine Verantwortungsgemeinschaft aus vielen Akteuren“, in der das Jugendamt nur einer von vielen war. Alle Beteiligten müssten sich die Frage stellen, „welche Verantwortung sie im Hinblick auf sexualisierte Gewalt gegen junge Menschen haben“. Denn nicht nur Harry G. war von deren mangelnder Aufsicht betroffen. Neben seiner Tätigkeit beim Jugendamt agierte Kamenzin in einem Geflecht aus unterschiedlichen Vereinen, in denen es um die Betreuung von Jugendlichen ging. So meldete er in den 1960er Jahren beim Stadtjugendring seine eigene „Deutsche Autonome Jugendschaft 1.11.“ an. Diesen Zusammenschluss mit dem sperrigen Namen umgab eine besondere Aura, weil dessen Gründer 1934 von den Nationalsozialisten verhaftet worden war. Niemand hielt es für nötig, auch dort genauer hinzuschauen. Kamenzin übernahm zudem eine führende Funktion beim Verein „Unabhängiges Jugendzentrum“, war im Vorstand von Release in der Drogenhilfe aktiv.

Eingebunden in dieses Konglomerat organisierte er Freizeiten für junge Menschen in die Türkei, nach Griechenland und ins Elsass. So getarnt, so berichten viele Zeitzeugen, schmuggelte er Waffen ins Ausland. Die Jugendlichem mussten nackt baden, er fotografierte sie. Zudem gründete Kamenzin Heimgruppen für junge Erwachsene – getragen aus dem Ende der 1960er und 1970er progressiven Gedanken, eine Alternative zur restriktiven Heimerziehung zu bieten. Er segelte auf der Welle des pädagogischen Umdenkens – und keiner fragte nach, was er genau tat, oder bremste ihn. Er war aktiver Mitstreiter in der Szene des politischen Aufbruchs, ordnet Wolfgang Schröer Kamenzins Handeln ein. Die Forscher sprechen von einem kollektiven Versagen aller an der Jugendhilfe beteiligten Institutionen. Offenbar haben sich alle von Kamenzins fortschrittlichem Habitus täuschen lassen.

Forderungen für die Zukunft

Harry G. ist noch immer auf der Suche nach seiner persönlichen Fallakte, um mehr über die Details seiner Heimkindheit und Jugend zu erfahren. Gefunden hat er sie in den Papieren, die nach Kamenzins Tod in einer seiner weiteren Immobilien im Elsass entdeckt wurden. Zufällig und als Sammelsurium aus losen Blättern.

„Wir müssen darüber nachdenken, wie wir unsere Akten anlegen und wie wir sie Betroffenen zugänglich machen“, sagt die Jugendamtsleiterin Katrin Schulze. Helga Heugel, die Leiterin der Abteilung Erziehungshilfen, macht deutlich, wie wichtig es sei, Schutzkonzepte für Jugendliche auch wirklich greifbar und nutzbar zu machen. Genau das mahnt auch das Forschungsteam an: Es gelte, Ansprechpartnerinnen zu benennen, zu denen weitere Betroffene von sexualisierter Gewalt der Stuttgarter Kinder- und Jugendhilfe Kontakt aufnehmen können.

Das wünscht sich auch Harry G. . Er weiß, wie lang sein Weg war, bis er endlich gehört wurde.

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