Kickers-Trainer Marco Wildersinn ist mit der physischen und taktischen Entwicklung seines Teams zufrieden. Foto: Baumann
Der Vertrag von Marco Wildersinn bei den Stuttgarter Kickers läuft aus. Wann wünscht sich der Trainer Klarheit? Welche Fortschritte sieht er? Was reizt ihn, die Arbeit fortzusetzen?
Trainer Marco Wildersinn spricht vor dem Regionalliga-Heimspiel der Stuttgarter Kickers an diesem Samstag (14 Uhr/Gazi-Stadion) gegen den FC Bayern Alzenau über die Entwicklung der Mannschaft und den Reiz, auch über die Saison hinaus bei den Blauen zu arbeiten.
Herr Wildersinn, Sie sind mit Lukas Kwasniok befreundet. Am Sonntag wurde er beim 1. FC Köln entlassen. Woher kennen Sie sich und was sagen Sie zu der Trennung?
Wir sind beide in der Nähe von Rastatt groß geworden und kannten uns zunächst eher flüchtig. Bei der Ausbildung zum DFB-Fußball-Lehrer 2017/18 (Anm.d.Red.: beide Abschlussnote 1,0) haben wir dann eine Fahrgemeinschaft gebildet und teilten uns in den elf Monaten ein Zimmer. Ja, die Trennung ist bitter für Lukas, er stand mit dem FC als Aufsteiger nie auf einem Abstiegsplatz.
Bitter war auch das 0:1 der Kickers gegen Kassel. Es herrschte Euphorie, 4240 Zuschauer waren gekommen. Wie ärgerlich war das Ende der Erfolgsserie?
Wir haben uns alle extrem geärgert. Weil wir gut in Form waren und die Euphorie nach dem Pokalsieg gegen Freiberg tatsächlich auch gespürt haben. Leider haben wir die zuvor gezeigten Leistungen nicht aufs Feld gebracht, vor allem nicht in der ersten Halbzeit. Trotzdem waren wir überlegen und hatten Chancen, zumindest den Ausgleich zu erzielen.
Gegen einen Gegner, der nicht allzu viel wollte, aber abgeklärt wirkte?
Man hat schon den Unterschied zwischen einer abgezockten Mannschaft mit sehr viel Erfahrung und einer Mannschaft, die zwar auch nicht grün hinter den Ohren ist, aber eben in einigen Bereichen noch reifen muss, ein Stück weit erkennen können. Kassel machte aus relativ wenig ein Tor und hat es in der zweiten Halbzeit immer wieder geschafft, den Spielfluss zu unterbrechen.
Wie wichtig ist es, gegen Alzenau gleich wieder in die Erfolgsspur zurückzukehren?
Sehr wichtig. Wir haben jetzt erstmals in diesem Jahr ein Spiel verloren, wollen nun schnell den nächsten Sieg einfahren und möglichst viel punkten bis zum Saisonende. Aber das wird schwer, weil alle Spiele eng sind. Es entscheiden am Ende immer Nuancen.
In der Liga geht es nur noch um Tabellenkosmetik. Wird jetzt dem WFV-Pokal-Wettbewerb alles untergeordnet?
Wir wollen jedes Spiel gewinnen. Wir werden nicht anfangen, jetzt irgendwie zu taktieren, nur weil irgendwann ein Pokal-Halbfinale ansteht. Unstrittig ist, dass der Pokal-Wettbewerb für uns einen extrem hohen Stellenwert genießt, dementsprechend werden wir alles dafür tun, den Pokal zu holen. Genauso klar ist aber auch, dass uns erst einmal im Halbfinale – egal ob in Holzhausen oder Ravensburg – ein ganz heißer Tanz erwartet.
Glücklich: Lutz Siebrecht und Marco Wildersinn nach dem Viertelfinalsieg gegen den SGV Freiberg Foto: Baumann
Zu Ihnen persönlich: Ihr Vertrag läuft am Saisonende aus. Wann wünschen Sie sich Klarheit?
Wir werden uns bald zusammensetzen und miteinander sprechen. Im Endeffekt haben wir viele Antworten auf dem Platz in diesem Jahr gegeben. Auch auf Fragen, die im Winter noch offen waren.
Sport-Geschäftsführer Lutz Siebrecht spricht davon, Ende März/Anfang April die Gespräche zu starten.
Ende März ist jetzt bald. Es gibt noch keinen Termin. Das betrifft aber nicht nur mich, sondern auch meine Kollegen aus dem Trainerteam und einige Spieler. Es ist grundsätzlich ja nicht schlecht, wenn sich ein Verein in seinen Entscheidungsfindungen nicht treiben lässt.
Inwieweit waren Sie in die Verpflichtungen von Laurin Völlmerk und Nico Molinari für die neue Saison mit einbezogen?
Ich wusste, dass Lutz diese Spieler interessant findet und sie beobachtet. Er hat mich natürlich informiert, dass es zur Verpflichtung kommt. Lutz ist für die Kaderplanung und die perspektivische Ausrichtung des Vereins zuständig.
Sie haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie die Entwicklung bei den Kickers weiter gerne begleiten würden. Worin liegt für Sie der Reiz?
Es ist ein Prozess, den wir vor eindreiviertel Jahren angestoßen haben. Mein Trainerteam und ich haben seitdem viele Dinge verändert und verbessert. Das betrifft Trainingsprozesse, die Abläufe ums Team und die Spielweise. Das sind Dinge, die anders als das Ergebnis am Wochenende, nach außen nicht sofort sichtbar werden.
Auf die Ergebnisse kommt es letztendlich an – aber können Sie Beispiele nennen?
Ein Beispiel ist die physische Entwicklung von unseren Spielern. Mario Borac, Per Lockl oder David Tomic – sie alle haben sich durch kontinuierliches, gutes Training, auch mit vielen athletischen Inhalten, deutlich gesteigert. Auch David Braig, der aktuell leider verletzt ist, ist nochmal deutlich athletischer und schneller geworden. Trotz des gesteigerten Umfangs und höherer Intensität haben wir übrigens extrem wenige Muskelverletzungen. Spieler, die in der Vergangenheit als verletzungsanfällig galten, haben, seitdem sie bei uns sind, kaum noch Ausfallzeiten. Und: Neben der Physis haben sich auch sehr viele Spieler taktisch weiterentwickelt, weil wir auf diesen Bereich sehr viel wert legen.
Trainer Marco Wildersinn mit Schlüsselspieler David Tomic Foto: Baumann
Wie sehr hat der Wechsel von Marc Stein zu Lutz Siebrecht Ihre Arbeit beeinflusst?
Es stellt sich ja immer die Frage nach der Ausrichtung eines Vereins. Was passt zum Verein? Welche Spielweise ist die richtige? Da war die Ansicht von Marc Stein eine andere als die von Lutz. Durch den Wechsel hat sich auch die Aufgabenstellung an mich verändert. Dieser veränderten Philosophie passe ich meine Handeln selbstverständlich an.
Der große Umbruch im vergangenen Sommer gehörte dazu.
Wenn du den Kader ganz bewusst verjüngst, wenn du entwicklungsfähige Spieler holst, dann ist es normal, dass es ein bisschen dauert, bis du die gewünschten Ergebnisse erzielst. Viele Spieler sind aktuell noch nicht da, wo sie einmal landen können. Auf diesem Weg befinden wir uns und dieser kann nach dieser Saison noch nicht abgeschlossen sein.
Sieht das der Verein genauso?
Ich denke ja, aber letztendlich bin ich der falsche Ansprechpartner. Was ich sicher weiß ist, dass es mir extrem viel Spaß macht mit meinem Trainerteam und meiner Mannschaft zu arbeiten. Die Rädchen greifen wunderbar ineinander, die Effekte sind deutlich sichtbar. Ich bin keiner, der nur an kurzfristige Erfolge denkt, sondern auch die Perspektive sieht. Die sind mit dieser Mannschaft absolut gegeben – wenn man hier und da noch kleine Anpassungen vornimmt.
Die zentrale Achse ist enorm wichtig. Wir haben sehr viel Talent, aber wir brauchen zusätzlich den einen oder anderen Eckpfeiler. Zur Rückrunde haben wir wieder einen dazubekommen, der davor ein Jahr gefehlt hat. Dorne (Anm.: Torwart Felix Dornebusch) gibt der Mannschaft Stabilität. Dadurch holen wir Punkte, die wir ohne ihn nicht geholt haben. Noch ein, zwei Persönlichkeiten von dieser Kategorie, die die jungen Spieler unterstützten, dann sieht es nochmal anders aus.
Ein aggressiver Leader der Marke Marco Kehl-Gomez vom SGV Freiberg?
Seine größte Stärke ist, dass er ein Kommunikator ist. Er weiß, was im jeweiligen Spielverlauf zu tun ist und steuert seine Mitspieler dementsprechend. Er ist ein wichtiger Erfolgsfaktor für Freiberg.
So jemand steuert auch abseits des Platzes. Wer hat bei den Kickers die Kabine im Griff?
Das ist eine kollektive Angelegenheit. Unsere erfahrenen Spieler wie Lukas Kiefer, Nico Blank, David Braig, Christian Mauersberger und Felix Dornebusch spielen hier eine zentrale Rolle. Aber auch Per Lockl oder David Tomic nehmen immer mehr Einfluss, und auch junge Spieler wie Mario Borac sagen mutig ihre Meinung.
Kiefer, Blank, Braig spielen selten von Beginn an – ist das nicht ein Problem?
Sie gehen überragend mit der Situation um, geben Gas im Training, leben ihre Verantwortung als Führungsspieler. Da kann man nur den Hut ziehen, sie sind absolute Vorbilder.
Zur Person
Karriere Marco Wildersinn wurde am 29. September 1980 in Baden-Baden geboren. Seine Jugendzeit verbrachte er beim FC 04 Rastatt. Dann wechselte er zum Karlsruher SC. Von 2005 bis 2008 spielte der Innenverteidiger für die Stuttgarter Kickers. Als Trainer arbeitete er am längsten bei der TSG Hoffenheim II (2014 bis 2020). Von 2022 bis 2024 trainierte er die Würzburger Kickers in der Bayern-Regionalliga. Seit 18. Juni 2024 ist Wildersinn Chefcoach der Stuttgarter Kickers.
Persönliches Er ist verheiratet mit Annabelle. Sie haben einen Sohn (Theo/5) und wohnen in Wössingen in der Nähe von Bretten. (jüf)