Stuttgarter Literaturfestival Gastmahl der Frauen

Träume zwischen georgischem Wein und deutschem Wasser: Nata Murvanidze begleitet von Nino Tskitishvili Foto: Stefan Kister

„Supra“ – Nino Haratischvili und ihr Ensemble servieren im Theater Rampe ein georgisches Festessen, an das man noch lange denken wird.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Um die Ecke ist ein vietnamesisches Restaurant, doch im Theater Rampe speist man an diesem Abend beim Georgier, besser gesagt bei Georgierinnen. Die in Tiflis geborene Schriftstellerin Nino Haratischwili lädt zu Tisch. Im Theaterraum ist an langen Tafeln aufgedeckt, Brot und Wein, wie es sich für ein Abendmahl gehört. Damit wäre schon eine Station in der reichen Tradition des Gastmahls genannt. Sie reicht von Platons „Symposion“ bis hin zu dem beliebten Setting moderner Sozialdramatik: wenn bei Familienfesten plötzlich jemand aufsteht und eine Wahrheitsrede hält, die die verlogene Harmonie über einem Abgrund von Lebenslügen zerreißt.

 

Haratischwili nimmt ihren Ausgangspunkt bei einer spezifisch georgischen Form, der Supra. Das ist ein Bankett, an dem kulturelles Selbstverständnis zelebriert wird: Gastfreundschaft, kulinarische Lust, außer Brot und Wein finden sich auf den Tischen im Theater noch andere Köstlichkeiten, Khatchapuri, Spinatbällchen mit Walnusspaste und Granatapfelkernen. Vor allem darf die Musik nicht fehlen. Auf den ersten Blick über die vollbesetzten Tische, untermalt von Piano-Klängen, könnte man das Ganze für eine Ausprägung der derzeit beliebten Erlebnisgastronomie halten. Die Stimmung ist gelöst, gemischt aus Vorfreude und einem Appetit, der zunächst durchaus nicht rein kultureller Natur ist.

Schwarzgekleidete Frauen streichen um die Tische, an einem davon sitzt die Autorin selbst. Man beginnt ein Gespräch mit seinen Gegenübern, prostet sich zu – Essen wie Gott in Georgien. Und wenn man schon dabei ist, kommt auch gleich der dazugehörige Toast auf dieses schöne Land. Normalerweise würde er von einem Mann ausgebracht. Hier ist es eine Frau. Sie erzählt eine Ursprungslegende – wie Gott die Welt, die er gerade erschaffen hatte, an die sich eifrig darum bewerbenden Länder verteilt. Nur der Georgier zieht diesem Wettbewerb ein Schläfchen unter einem Baum vor. Beeindruckt von solcher Bescheidenheit – vermutlich hatte er nur einiges intus von dem guten Tropfen, der auch in der Rampe reichlich fließt –, überlässt Gott ihm das Stückchen, das er eigentlich für sich reserviert hatte. Man kennt es unter dem Namen Paradies.

Darauf kann man anstoßen. Bis hierher ist die Welt noch in Ordnung. Doch mit jedem Toast geht es abwärts. Anders gesagt: jeder weitere Beitrag der unter die Gäste gemischten Frauen gleicht zunehmend den Aussprachen, die in den Tafelszenen des Sozialdramas die Stimmung kippen lassen. Die göttlich gestiftete patriarchale Ordnung, die sich in der Supra spiegelt, gerät in bedenkliche Schieflage. Lebe wie deine Eltern, bekreuzige dich, wenn du eine Kirche siehst, sei niemals deinem Mann untreu – „ich kann diesen ganzen verrückten Heimatmist nicht mehr ertragen“, sagt eine der Frauen.

Schmerzliche Transitzone

Was die Autorin und ihr Ensemble auftischen, mischt die Zutaten Fest und Tradition mit radikaler Kritik und Entfremdungserfahrungen. Die Tischreden handeln von der Vertreibung aus einem Paradies, in dem Demonstrationen blutig niedergeschlagen werden, über das mehrere Bürgerkriege hinweggefegt sind, das russischer Patronage eine mehr als gefährdete Demokratie abgerungen hat. Vertreibung heißt in diesem Fall Migration, und darin ist, ob er will oder nicht, auch der passive Mitesser mehr involviert, als seine folkloristische Entflammtheit wahrhaben möchte.

Ein deutscher Pudel mit EU-Pass genießt zum Beispiel entschieden mehr Freiheitsrechte als seine georgische Besitzerin. Zum Erlebnis wird dieses Essen, gerade weil einem mancher Bissen im Hals stecken bleibt. Ein Toast gilt der Liebe. Er führt in die schmerzliche Transitzone der Gefühle, in der sich Menschen zwischen West und Ost verfehlen. „Ich habe meine Liebe in einer Welt zurückgelassen, die es nicht mehr gibt“, sagte eine der Gastgeberinnen. Überhaupt die georgischen Frauen: „Alle umwerfend schön und unglaublich kultiviert, Institutsleiterinnen, Filmexpertinnen, Übersetzerinnen, Museumsdirektorinnen und Schriftstellerinnen.“ Doch hier läuft eine von ihnen mit Schürze und Besen durch die Reihen, die Königin als Putzhilfe.

Die Sprache des Abends ist Englisch, die Lingua franca der Nomaden unserer Zeit. Was an Verständnis auf der Strecke bleibt, teilt um so klarer etwas vom Lebensgefühl derer mit, um die es geht. Und dann der Krieg. Ein Toast auf die Toten! Die seelischen Trümmer, die die russische Intervention in Abchasien hinterlassen hat, fügen auch die Gesänge der wunderbaren Musikerinnen nicht zusammen. Aber der Schmerz bildet den Resonanzraum einer Schönheit, die den Abend in ein in vielfachem Sinn berauschendes Fest des Lebens ausklingen lässt.

„Supra“ basiert auf früheren Texten von Nino Haratischwili. Angesichts der Entwicklungen in Georgien, wo ein prorussischer Oligarch durch gefälschte Wahlen die Macht usurpiert hat, haben sie eine traurige Aktualität erlangt. Am Schluss wendet sich die Autorin an ihre Gäste: „Wir brauchen viel Solidarität, die meisten von uns wollen ein Leben in Freiheit und einem Rechtsstaat mit europäischen Werten. Denkt an uns!“ Dieses Mahl wird man in Erinnerung behalten.

Info

Programm
Das Stuttgarter Literatur Festival geht an diesem Donnerstag unter anderem in der Cannstatter Schwabenbräu-Passage mit der „Matriarchalen Volksküche“ weiter, am Freitag sind im Hospitalhof „Fliegende Bücher“ zu erleben und im Studio Amore „Gespensterfische“ von Svealena Kutschke.

Blütenrausch
Bevor das Festival am Samstag ausklingt findet im Literaturhaus der Markt der unabhängigen Verlage statt, die mit einem reichen Strauß aus Veranstaltungen zeigen was sie zu bieten haben: unter anderem Nino Haratischwili und die Illustratorin Julia B. Nowikowa mit „Löwenherzen“, der Weltreise eines Plüschtiers. Alles unter: www.literaturhaus-stuttgart.de

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