Die in Stuttgart lebende Musikerin Russudan Meipariani erinnert sich in ihrem neuen Album „Beyond the boarders“ an unbeschwerte Zeiten in ihrer georgischen Heimat.

Lokales: Armin Friedl (dl)

Für viele junge Georgier der 1960er und 1970er Jahre war der repressive Staat der Sowjetunion weit entfernt. „Vor allem die Großeltern nährten dies mit Horrorgeschichten aus der Stalinzeit“, erinnert sich Russudan Meipariani, in Georgiens Hauptstadt Tiflis geboren und seit mehr als 20 Jahren in Stuttgart lebend. Freilich: Von Auslandsreisen etwa konnten die allermeisten nur träumen. Und das taten sie auch. „Wir träumten mit der Gewissheit, dass auch wir einmal zum offenen Teil der Welt gehören, zu Europa“, erinnert sich Meipariani. Denn man sah sich ja gut informiert: „Wir kannten ja die Literatur etwa von Hesse, Hoffmannsthal oder James Joyce. Wir waren mit der Musik der 1960er Jahre vertraut und mit der Klassik, vor allem der Romantik“, erzählt Meipariani. Und mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einer Zeit, als viele Menschen dieser Generation studierten, rückten die Träume und Sehnsüchte ein gewaltiges Stück weiter in Richtung Realität.

 

Als sie träumend glücklich waren

Um diese Zeit in Erinnerung zu rufen, ist Russudan Meipariani mit ihrer Schwester Natalie und ihrem Schwager Giga Khelaia im November vergangenen Jahres ins Tonstudio gegangen für das Album „Beyond the Boarders“. Meipariani: „Wir haben diese Zeit zurückgerufen, als wir träumend und glücklich waren“. Nun ist das ein Wesenszug ihrer Musik – und eigentlich ihr Markenzeichen. Inzwischen tritt die Musikerin in verschiedenen Formationen in Stuttgart und außerhalb auf, auch etwa mit dem Stuttgarter Musiker Torsten Puttenat.

Analysieren hilft hier nicht weiter

Doch gerade im familiären Trio besinnt sich Russudan Meipariani ganz auf ihre Klangwelt, die dann um einiges sanfter klingt, um ja nicht den Zauber des Moments zu stören. Diese erlesenen Klangkombinationen, die Klarheit der Stimme – das alles kann man heute auch ohne weiteres digital reproduzieren. Doch genau das geschieht hier nicht. Deshalb klingt dies an etlichen Stellen eher wie ein zögerliches Herantasten als wie ein beherztes Aufspielen. Und ja, nur ein paar Nuancen und wenige Kniffe in der Spieltechnik entscheiden, ob diese Musik nun gerade eben zum Hellen hochstrebt oder in der Düsternis wandelt. Auch wer die Sprache der hier verwendeten georgischen Lyrik versteht, trifft eher auf verrätselte lyrische Anspielungen denn auf konkrete Aussagen. Was bleibt, sind Stimmungen, auf die man sich einlassen muss, sind Melodien zum Teil mit Ohrwurm-Qualität wie in „Clouds“. Dazu passt, dass es „Beyond the boarders“ nicht auf CD und nicht digital gibt, sondern ausschließlich auf Vinyl. Das ist nicht ganz so präzise Medium, das mehr Raum lässt für Atmosphärisches.

Um Jahre zurückgeworfen

Doch zumindest für die Musiker hat diese Aufnahme inzwischen einen bitteren Beigeschmack: Das Schwelgen in früheren Zeiten ist der Angst gewichen, was aus diesem Staat wird nach den jüngsten Wahlen, nach den anhaltenden Protesten der Bürgerinnen und Bürger dieses Landes. Ihren Lebensmittelpunkt haben sie alle längst hier gefunden – und dennoch sind sie voller Sorge über Georgien als Teil ihres Lebens. Einer Heimat, der sie eben doch viel verdanken, wie sie aktuell in ihrer Musik ausdrücken. Die Zeit, die sich die drei Musiker einst träumend herbeigesehnt haben und die sie empfindsam wieder erschaffen haben, scheint sich nicht so bald wiederholen zu lassen.