Stuttgarter Naturwein Von Stuttgarts Hügeln in die Welt
In Stuttgart und der Region wächst die Bewegung der Naturweine. Was der Trend zu „low intervention“ für die Weinwelt bedeutet, und wie ein Uhlbacher Weingut weltweit für Furore sorgt.
In Stuttgart und der Region wächst die Bewegung der Naturweine. Was der Trend zu „low intervention“ für die Weinwelt bedeutet, und wie ein Uhlbacher Weingut weltweit für Furore sorgt.
Im Keller hängen keine Brotlaibe mehr. Früher war das noch so. Einmal die Woche wurde gebacken, zwei Laibe kamen runter in den kühlen Raum, als Vorrat für schlechte Zeiten. Heute stehen hier mehr als 60 Fässer. Und die Zeit arbeitet immer noch mit. Die Mauern sind alt, vielleicht 500 Jahre, so genau weiß das niemand, irgendwo wird es verzeichnet sein. Klöster waren hier, zumindest ist das sehr wahrscheinlich. Weinbau gibt es in dieser Gegend seit mehr als tausend Jahren.
Uhlbach unterhalb des Stuttgarter Rotenbergs ist genau das, was das Adjektiv idyllisch vertragen kann. Dass Weinbau derzeit alles andere als eine romantische Arbeit ist, davon wissen viele zu berichten. Es wird weniger getrunken, die Zahlen gehen zurück.
Daniel Kurrle sagt gerne, dass er Bauer ist. Ein Landwirt eben, der seine Böden und seine Pflanzen pflegt. Er steht in seinem Keller, streicht über eines der Holzfässer. „Das ist die Zukunft“, sagt er. Schwäbische Eiche, dickere Dauben, größeres Volumen als die französischen Barriques. „Die Fässer halten die Gärung stabiler.“ Hefe sei ja schließlich ein Lebewesen. „Bei 20 Grad fühlt sie sich wohl. Bei elf eher nicht, da ist’s der zu kalt.“
Daniel Kurrle spricht gern über seinen Wein – und das in einem sympathischen Schwäbisch. Sein Weingut nennt er unprätentiös „Kleines Gut“. Das, was er hier mit seiner Partnerin Frederike umsetzt, beschreibt er gerne mit Worten wie „Beziehung“ – zum Holz, zur Hefe, zur Rebe. Man arbeitet mit Spontanvergärung, ohne Zusätze und mit viel Zeit für die Reifung.
Von Naturwein ist zurzeit immer wieder und überall die Rede. Manche nennen es „low intervention wine“, weil so wenig wie möglich eingegriffen wird. Die Etiketten sind den meisten dieser Winzerinnen und Winzer egal. Wichtig ist ihnen, dass minimal im Weinberg und im Keller eingegriffen, dass biologisch oder biodynamisch angebaut und auf Zusätze verzichtet wird.
Der Mastersommelier Martin Koblinger aus dem Restaurant Döllerer im österreichischen Golling an der Salzach beschreibt Natural Wines folgendermaßen: „Im Weinberg wird so gearbeitet, dass man dort eine Karotte direkt aus dem Boden essen könnte.“ Insgesamt sei es etwas „kompliziert“, und er sei es leid zu erklären, warum der Wein etwas trüber sei. Naturwein ist schon lange mehr als ein bloßer Trend: Auch in Stuttgart und Region gibt es immer mehr Winzerinnen und Winzer, aber auch Weinhandlungen und Weinbars, die auf unverfälschte, authentische Weine setzen. Überregional gibt es Weinmessen wie die „Karakterre“, die ausschließlich auf Naturweine setzen.
Manche nennen es Landwein, etwa die Ökologische Gemeinschaft Naturwein, die seit 2023 den Landweintreff organisiert. Einmal im Jahr, diesmal am 19. Juli im Stuttgarter Restaurant Tamère, laden sie Winzerinnen und Winzer ein, namhafte VDP-Weingüter wie auch kleine Garagenmanufakturen, nur allzu dogmatisch sollte es nicht werden. Was alle eint: Die Liebe zum Wein als Naturprodukt, mit möglichst wenig Intervention.
„In den vergangenen Jahren ist viel passiert, wir bekommen immer mehr Anfragen“, sagt Markus Fütterer, einer der Organisatioren des Landweintreffs. Er zählt auf, welche Weingüter 2026 erwartet werden: Lassak, Kusterer, Seehaldenhof vom Bodensee, Weingut Roter Faden, Rainer Schnaitmann oder Piwi-Vorreiter Benjamin Lanz, einer der auf pilzwiderstandsfähige Sorten setzt. Und eben das Kleine Gut, das von Beginn an dabei ist.
Deren Weine werden von Wien über Kopenhagen bis Mexico City sowie in Tokio oder auf den Färöer-Inseln angeboten. Karin Visth, Sommelière in dem dortigen Restaurant Koks, hat sich in die Weine aus Uhlbach schockverliebt. Ihr Favorit: Chardonnay Kapelle. Da der Wein aber nur in kleinen Mengen hergestellt wird, kam er für das Stuttgart-Färöer-Projekt nicht in Frage. „Ich mag die elegante Säure der Weine und deren Eleganz, obwohl sie nicht filtriert werden“, sagt Karin Visth. In ihrem Restaurant kombiniert sie die schwäbischen Tropfen derzeit mit einem Chawanmushi, einer Art japanischem Eierstich, mit leicht grillierten Pferdemuscheln und Tang. Sie passen aber auch zu Maultaschen und Rostbraten.
Kleines Gut macht keinen Mainstream-Stadionrock, eher etwas verkopften Free-Jazz, der nicht allen gefällt, gefallen muss. Ein Japaner hatte mal in Belgien eine Flasche vom Kleinen Gut getrunken, war nach Uhlbach gefahren und wollte unbedingt von der Erde kosten, auf der die Reben wachsen. Um zu verstehen, wo der Wein herkommt.
Kurrle kommt aus einer Weinfamilie. Er ist zwar schon als Bub im Wengert rumgekrabbelt, saß aber nie auf dem Traktor. Der Onkel, der den Betrieb vom Opa weiterführte, wurde 2012 von heute auf morgen aus dem Leben gerissen, starb mit 47 Jahren. Die Weinberge standen zur Disposition, mussten zum Teil verpachtet werden. Während des Studiums und der Ausbildung haben Daniel und Frederike, heute 31 und 32 Jahre alt, schon Wein gemacht: „Merlot vom Häusle“ war das Ergebnis. „Das ist eine tolle Lage und ein emotionaler Weinberg. Meine Tante sagt, sie hat die Reben mit Tränen gegossen“, erzählt Daniel von der schweren Zeit.
Der Großvater war Wengerter, der Vater Kellermeister bei der Winzergenossenschaft. „Trauben abgeben, alles wird vermischt – das hat mich nie interessiert“, sagt Kurrle. Deshalb ist er nie zu einer Großkellerei. Er vergleicht das Ergebnis dort mit einem Babybel-Käse aus dem Supermarkt-Regal: sauber, unauffällig. Was ihn interessiert: Bergkäse, intensiv, anders, eigenwillig, geprägt von Ort und Jahr. „Mir ist es aber wichtig zu betonen, dass ich die Arbeit der Genossen respektiere und ihre Kulturarbeit schätze. Wir verfolgen eben einen anderen Ansatz.“
Zurück nach Uhlbach, zurück zum Kleinen Gut, zurück in den Keller, wo 16 Tonnen Kiesel auf den Boden geschüttet wurden, darauf liegt Tonschiefer „wegen der Feuchtigkeit“. Hier unten gärt der Wein langsam. Daniel Kurrle geht es um die Rahmenbedingungen, wie er sagt: „Das ist wie Kindererziehung. Man muss den Rahmen für die sensiblen Geschöpfe gut gestalten. Du kannst nicht alles steuern. Aber du kannst die Bedingungen schaffen, dass es gut wird.“
Seine Frau Freddy, die eigentlich Frederike Schmidt heißt, lacht. Sie kennt den Satz. Der Weg von beiden zum Winzer-Paar „oder zur Quelle“, wie Daniel es nennt, war kein geradliniger: Sie hat Physiotherapeutin gelernt. Er hat sein Studium der Weinwirtschaft in Geisenheim erst mal abgebrochen, wechselte in den Weinbau, machte eine Ausbildung in Südbaden und der Pfalz, studierte dann weiter, arbeitete bei Peter Jakob Kühn, im Burgund und im Burgenland.
Mit dem Kleinen Gut machen die beiden jetzt genau das, was sie wollten: „die Magie einfangen“, nennen sie das. Sie haben nun ungefähr fünf Hektar Weinberge, verteilt auf mehr als 30 Parzellen, es ist eine Art Flickenteppich rund um Uhlbach, den sie pflegen müssen. Sie nennen die kleinen Parzellen Himmelreich, Engele, Bengele, Steingrube, Dachdecker, Kesselberg oder auch Spital – ein etwas älterer, leicht gebrechlicher Weinberg. Insgesamt sind es um die 25.000 Rebstöcke.
Darunter auch Trollinger, der bei ihnen „Vin de Soif“ heißt. Dieser „schwäbischen Muttermilch mit zweifelhaftem Ruf“, wie sie sagen, wollen die beiden zu einem Imagewandel verhelfen. „Trollinger ist für mich kein klassischer Rotwein“, sagt Kurrle. „Eher ein Planet, der zwischen Rot- und Weißwein zirkuliert.“ Die Rebsorte ist fragil: dünnschalig, anfällig, sensibel. „Der nimmt alles mit“, sagt Kurrle. Trotzdem arbeiten sie mit ihm – weil Landwirtschaft und Weinbau eben auch immer mit Leidenschaft zu tun haben.
Ihr Arbeitsalltag würde ohne Hilfe wohl nicht so funktionieren. Die Omas springen ein. Dazu Freunde, Familie, eine Whatsapp-Gruppe. Wer Zeit hat, kommt. Zum Schneiden, zum Binden, zum Etikettieren. Im Herbst ist wieder Hochsaison. Da hat sich zudem das dritte Kind angekündigt.
Landweintreff
Der vierte Stuttgarter Landweintreff findet am 19. Juli im Restaurant Tamère im Heusteigviertel statt. Infos und Tickets über die Ökologische Gemeinschaft Naturwein: www.oegnaturwein.de