„Mutter Teresa von Stuttgart“ geht Kirche kündigt Raum für Obdachlose – „Ich muss mein Lebenswerk aufgeben“

Schwester Margret wird die Franziskusstube verlassen. Die katholische Kirche hat die Räume gekündigt. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Nach 30 Jahren schließt eine wichtige Anlaufstelle für Obdachlose an der Paulinenbrücke. Das Stadtdekanat hat Ordensschwester Margret die Räume gekündigt.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Der Aushang in der Eingangstür ist unmissverständlich: „Franziskusstube wegen Sanierung ab 1. September geschlossen!“ Ein Datum für die Wiedereröffnung nennt der Zettel nicht. Schwester Margret Ebe hat das Schild selbst geschrieben. 1997 ist die Ordensschwester aus der Kongregation der Franziskanerinnen vom Kloster Sießen hier im Erdgeschoss in der Paulinenstraße 18 mit der Franziskusstube eingezogen.

 

Schwester Margret sitzt an einem heißen Augusttag an einem der Tische mit den polsterlosen Holzstühlen in den Räumen mit der Glasfront. „Möglicherweise habe ich zu spät angefangen, nach einem Nachfolger zu suchen“, sagt sie. „Wir hätten einfach noch ein Jahr Zeit gebraucht. Der oder die muss schon hinstehen können und die nötige Autorität haben“, sagt sie. Aber dieser Jemand ist bisher nicht in Sicht. Die Aufgabe ist groß. Inzwischen liegt die Kündigung der Räumlichkeiten durch die Gesamtkirchengemeinde, vertreten durch den Stadtdekan Christian Hermes, nun auf dem Tisch. Doch es geht um weit mehr in diesem Konflikt.

Die Arbeit mit Obdachlosen und mittellosen Menschen hat die Ordensfrau bereits 1993 in der Hauptstätter Straße 115 begonnen. Mit einem Frühstück, serviert von Ehrenamtlichen, und einem kleinen Gebet begann und beginnt noch bis 30. August jeder Tag in der Franziskusstube unterhalb der Paulinenbrücke. Montag bis Samstag. Immer von 7 bis 9.30 Uhr.

Ein Solitär in der Obdachlosenhilfe

Die Franziskusstube ist ein Solitär in der Stuttgarter Landschaft der Obdachlosenhilfe. Geprägt durch die Person und auch die Persönlichkeit der Schwester aus Oberschwaben. Ihr Angebot steht für eine spezielle, sehr persönliche, manchmal auch resolute Ansprache und Parteinahme für Menschen am Rand der Gesellschaft – als Ergänzung zu den Angeboten von Caritas und Evangelischer Gesellschaft. Auch das La Strada, die Anlaufstelle für Prostituierte, gäbe es ohne Schwester Margret Ebe nicht. 

Ein Aushang informiert über das Ende der Franziskusstube. Foto: Christoph Schmidt/Lichtgut

Ehrenamtliche Helfer, Spender und Sponsoren haben die Ordensschwester die ganze Zeit über in ihrer Arbeit unterstützt. In den zurückliegenden Jahren hat die Franziskanerin das Bundesverdienstkreuz, die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg oder den Itzel-Preis verliehen bekommen. Sie zeugen von der Anerkennung ihres Engagements sowohl durch die Stuttgarter Stadtgesellschaft als auch durch die Politik.

Das alles soll nun enden? Im Herbst wird die „Mutter Teresa von Stuttgart“, wie sie manche nennen, 79 Jahre alt. Ist es also Zeit, sich von Stuttgart und der Franziskusstube zu verabschieden und die langjährige Heimat zu verlassen? „Inzwischen gerne“, sagt die Schwester. Ihre Kräfte sind nicht mehr die von vor 30 Jahren. Sie müsse an ihre Gesundheit denken. „Im Oktober werde ich zurück ins Mutterhaus gehen“, sagt sie. Sprich: ins oberschwäbische Sießen.

Raum soll anders genutzt werden

Doch bis dahin müssen die Franziskusstube und auch die 130 Quadratmeter große Wohnung geräumt sein, die die Franziskanerin im dritten Stock des Hauses bewohnt. Eine Vorstellung, die sie augenscheinlich hart angeht. Schwer erträglich ist für sie die Vorstellung, das Inventar der Franziskusstube wie gefordert einfach zu entsorgen. Die Franziskusstube versteht sie als ihr Lebenswerk, „das ich jetzt aufgeben muss“.

Offenbar stehen sich da zwei gegenüber, die beide die Gesellschaft und ihre Nöte im Blick haben, allerdings mit unterschiedlichem Blick und voneinander abweichenden Lösungskonzepten. Auf der einen Seite ist da die Ordensfrau, die ihr Lebenswerk und die Fürsorge für Obdachlose in die Zukunft retten will. Auf der anderen die katholische Kirche. Ihre Mitglieder werden auch in Stuttgart immer weniger und daher versucht sie, mit offeneren Konzepten für die Zivilgesellschaft diesen Abwärtstrend aufzuhalten. Und wie es scheint, ist die Franziskusstube zum Austragungsort dieser Kontroverse geworden.

Der Blick geht von der Franziskusstube auf die Paulinenstraße und den Österreichischen Platz. Gleich dort steht auch die Kirche St. Maria. Nach Weihnachten soll das katholische Gotteshaus für anderthalb Jahre geschlossen und für 6,5 Millionen Euro saniert werden. Nötig sei das, sagt Schwester Margret. Das Dach breche runter. Für die Zeit der Sanierung benötige sowohl die Gemeinde als auch das in ihr beheimatete Projekt „St. Maria als Kirche des Dialogs und der Vernetzung“ und weitere soziale Initiativen vorübergehend Aktionsflächen und Räume. So heißt es auf Anfrage in der schriftlichen Antwort des Stadtdekans. Durch ihre Lage unmittelbar in der Nachbarschaft von St. Maria hat sich die Franziskusstube samt dazugehöriger Örtlichkeit für die Gesamtkirchengemeinde dafür offenbar empfohlen.

2023 öffnete sich St. Maria für ein Komikfestival. Foto: Max Kowalenko/Lichtgut

Eine erste Kündigung der Wohnung durch deren Eigentümerin, die Gesamtkirchengemeinde, vom Frühjahr 2024 hat Hermes im Sommer 2024 zunächst wieder zurückgenommen. Begründung für den blauen Brief war damals unter anderem gewesen, die Gemeinde St. Maria brauche die Räume als Dienstwohnung für mögliche Mitarbeiter. Ein Helferkreis hatte sich damals für die Ordensfrau eingesetzt. Zunächst auch erfolgreich. Doch nun ist die Kündigung bei der Hauptmieterin Caritas, die die Räume an Schwester Margret untervermietet hat, endgültig.

Harald Wohlmann, Bereichsleiter Armut, Wohnungnot und Schulden bei der Caritas Stuttgart, sagt auf Anfrage rückblickend, Schwester Margret habe in der Wohnungshilfe in Stuttgart viel erreicht und bewegt. Die beiden kennen sich seit den Anfängen ihrer Arbeit. Aber gleichzeitig müsse ein Immobilienbesitzer – in diesem Fall die Kirchengemeinde – wenn die Kirche renovieren müsse und dafür Fläche brauche, „das auch tun dürfen.“

Damit ist nun auch das Ende der Franziskusstube besiegelt – jedenfalls in der bisherigen Form und unter der bisherigen Leitung. Auch wenn ein Ende der Zusammenarbeit mit der Frontfrau der Franziskusstube nicht geplant sei, wie Hermes schreibt. Ab Januar 2026, also nach der Sanierung, könne die Franziskusstube weitermachen. Allerdings eben nicht als alleinige Nutzerin der Räume. Sie sollen nach der Zeit der Sanierung „eine neue Konzeption erhalten“.

Unverständnis bei Bezirksvorsteherin

Ehrenamtliche Helfer wie Claudia Buss-Huisinger sind über den kalten Ton des Briefwechsels zwischen Hermes, der Caritas und Schwester Margrets entsetzt. Sie erleben die Art und Weise, wie die Franziskusstube abgewickelt wird, als befremdlich. Auch Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin für Stuttgart-Mitte, an deren äußersten Rand die Franziskusgrenze liegt, sagt: „Rein menschlich darf man nicht zulassen, jemanden einfach vor die Tür zu setzen. Es muss eine Lösung gefunden werden, mit der die beinah 80-Jährige leben kann“. Das sage sie als Frau, die mit Schwester Margret auch gestritten und sie als streitbare Persönlichkeit kennengelernt habe. Schwester Margret äußert Verständnis dafür, dass die Diözese sparen müsse, warnt aber zugleich: „Ihr könnt nicht bei den Allerkleinsten, bei den Obdachlosen anfangen“. Es bleibt das Unverständnis bei ihr, „dass man eine gut gehende Obdachloseneinrichtung schließt“.

Community Space soll folgen

In einem sogenannten Community Space sollen dort stattdessen dann Menschen zusammengebracht, Gemeinschaft und unterschiedliche Aktivitäten gefördert werden, so Hermes. Für Schwester Margret ist dieses Konzept jedoch eine Brücke, über die sie nicht zu gehen vermag. Manches, was in St. Maria geschehe, entspreche nicht mehr ihrem Begriff von Kirche. Das Stadtdekanat und die Ordensleitung habe in den vergangenen über fünf Jahren immer wieder versucht, über die Weiterentwicklung der Franziskusstube ins Gespräch zu kommen, hält Hermes dem entgegen. Einen gemeinsamen Weg hat man jedoch nicht gefunden. Die Entwicklung markiert das tragische Ende einer Erfolgsgeschichte.

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