Stuttgarter Psychologe im Gespräch Warum sind wir auf unsere Freund:innen neidisch?

, aktualisiert am 21.05.2023 - 16:00 Uhr
Warum sind wir neidisch auf unsere Freundinnen und Freunde? Im Interview gibt der Stuttgarter Psychologe Leon Schäfer Antworten. Foto: unsplash/Helena Lopes

Die Freundin hat ein hochdotiertes Stipendium bekommen, der Freund einen coolen Roller zum Geburtstag - eigentlich ein Grund sich mitzufreuen, aber so ein bisschen neidisch ist man schon. Why? Woher kommt der Neid in Freundschaften? In unserem Interview erklärt der Stuttgarter Psychologe Leon Schäfer, wie Neid entsteht und gibt Tipps, wie wir mit eigenem und fremdem Neid umgehen können. [Plus-Archiv]

Neid ist ein Konstrukt, dass in unserer Gesellschaft schon immer stark verankert ist. Für die einen ist es die "höchste Form der Anerkennung", für andere ein Thema, mit dem sie nur schwer umgehen können. Und selbst vor unseren Freundschaften macht der Neid keinen Halt. Wie Neid entsteht, wann er gefährlich wird und wie wir selbst weniger neidisch sein können, hat uns Psychologe Leon Schäfer verraten.

 

Herr Schäfer, warum sind Menschen neidisch?

Neid entsteht, weil wir uns permanent mit anderen messen und vergleichen. Und zwar meistens dann, wenn wir uns benachteiligt oder unterlegen fühlen. Da kommt so ein Störgefühl in uns auf: „Warum hat der Nachbar den größeren Garten?", „Warum verdient der Kollege oder die Kollegin mehr?“, „Warum hat Herr Müller eine nette Partnerin oder einen netten Partner und ich nicht?“. Dieses Störgefühl ist dann der Neid. Da ist aus unserer Sicht etwas schiefgelaufen, ungerecht und darf so nicht sein.

Was macht Neid mit uns?

Das kommt darauf an. Bei dem einen wird Neid zum Motor, der zu besseren Ergebnissen antreibt. Wie komme ich zu einem größeren Auto? Was muss ich tun, um bessere Ergebnisse zu erzielen? Neid kann sich allerdings auch darin zeigen, dass wir anfangen, die Erfolge des anderen klein zu reden. Oder indem wir Schadenfreude zeigen, wenn der, auf den wir neidisch sind, Misserfolge hat, Fehler macht oder Dinge nicht gut laufen. Es gibt zu dem Thema auch psychologische Experimente, die zeigen, zu was Menschen fähig sind, wenn sie ihren Neid nicht kontrollieren können. In diesen Experimenten wird klar, dass wir in so einem Zustand fähig sind, anderen aktiv zu schaden, damit sozusagen die Gerechtigkeit wiederhergestellt ist. 

Vor allem in Freundschaften spielt Neid immer wieder eine Rolle. Warum ist das so?

Neid ist ein größeres Problem, wenn sehr viel Gleichheit da ist. Zum Beispiel, wenn es um einen Kollegen geht, der eine gleiche Tätigkeit ausübt wie ich. Oder den Nachbarn, der einen ähnlichen Hintergrund hat wie ich. Oder eben in Freundschaften. Vergleiche finden eher nicht mit Menschen statt, die so gar nichts mit mir gemeinsam haben. Ein Beispiel, das hier passt, wäre die Königsfamilie. Die haben 500 Quadratmeter zum Wohnen in ihrem Appartement. Das tangiert mich weniger oder gar nicht. Die Realität ist zu weit weg. Freunde suche ich mir jedoch im Allgemeinen so aus, dass sie mir ähnlich sind. Also ist es wahrscheinlicher, dass ich mich vergleiche. Folglich kann da ein Ergebnis rauskommen, das mir nicht gefällt und das Neid produziert.

Wann wird Neid gefährlich?

Neid wird gefährlich, wenn er schadet. Und zwar mir oder meinem beneidenswerten Gegenüber. Es gibt nicht ohne Grund die Redewendung „von Neid zerfressen“.

Wenn ich zum Beispiel auf eine tolle Reise neidisch bin und mich das dazu antreibt, auf so ein tolles Event zu sparen und das zu organisieren, hat das einen positiven Effekt. Wenn ich mit dem Menschen, der die Reise gemacht hat, aber nicht mehr rede, weil ich damit nicht umgehen kann oder ihn schlechtmache, wird es gefährlich. Wenn ich mir also überlege, wie ich dem anderen schaden kann oder anfange, über ihn schlecht zu reden oder auch zu denken, dann wird es gefährlich.

Wie sollte man mit neidischen Menschen umgehen?

Wenn mir der Mensch, der neidisch ist, nahesteht, kann ich mit ihm darüber reden. Vielleicht kann dieser einen anderen Standpunkt einnehmen. Da das nur funktioniert, wenn man dies auch möchte, wird es oft anstrengend. Bei Menschen, die einem Neid entgegenbringen, hat man oft das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen oder etwas Falsches zu tun und es ist nicht so prickelnd, einen Menschen um sich zu haben, von dem man weiß, dass er mir etwas missgönnt.

Auf Sicht bleibt da nur, in die Distanz zu gehen. Ich kann allerdings meine eigene Art, mit Erfolgen oder Errungenschaften umzugehen, beleuchten. Da gibt es auch noch einen Hebel: Es macht einen Unterschied, ob ich von einer Beförderung erzähle, die ich bekommen habe und mich darüber freue, oder ob ich das nutze, um den anderen zu zeigen, wie toll ich bin und wie klein die anderen. Es lohnt sich immer, den eigenen Standpunkt zu beleuchten. Den kann ich ändern. Den Standpunkt der anderen meist nicht.

Was kann man tun, um selbst weniger neidisch zu sein?

Ganz konkret geht es im ersten Schritt darum, dass ich mir eingestehe, dass ich neidisch bin. Und dass das ein normales Gefühl ist. Wenn ich merke, dass mich die Sache übermäßig beschäftigt, ist es wichtig, mich eingehender mit meinem Neid zu beschäftigen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, mein Denken und Handeln zu ändern: den Neid nutzen, um Motivation und Energie zu bekommen, um meine eigenen Ziele zu erreichen. Und auf der anderen Seite dankbar zu sein für das, was ich habe. Etwa in Form eines Dankbarkeits-Tagebuchs oder einer Bestandsaufnahme. Oder einer Neuausrichtung, indem ich mir neue Ziele setze und diese versuche zu erreichen.

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