Stuttgarter Schauspieler „Gedichte reichen nicht mehr“: Warum Walter Sittler seine Kästner-Abende beendet

Walter Sittler suchte 2010 in Berlin nach Spuren von Erich Kästner. Aus dem Metropoltheater schrieb Kästner oft Theaterkritiken. Foto: imago/Thomas Lebie

Walter Sittler beendet nach über 500 Auftritten seine Erich-Kästner-Abende. Warum der Schauspieler gerade jetzt aufhört und welche Pläne er für die Zukunft hat.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Mehr als 500 Mal stand Walter Sittler als Erich Kästner auf der Bühne. „Als ich ein kleiner Junge war“, ein nach Kästners autobiografischem Roman inszenierter Monolog für einen Schauspieler und sechs Musiker, feierte 2006 in Dresden Premiere. Nun setzt er mit zwei letzten Vorstellungen der Revue „Gestatten, Kästner!“ einen Schlusspunkt hinter das Kapitel Kästner; neben dem Orchester Die Sextanten ist am 18. und 19. März in der Schwabenlandhalle Sittlers Tochter Lea als Chanson-Sängerin mit dabei.

 

Herr Sittler, wir erleben neue Kriege, Rechtsrucke, Medien in Dauererregung. Eigentlich eine Zeit, die nach einem kühlen Beobachter wie Erich Kästner schreit. Gerade jetzt wollen Sie aussteigen?

Wir machen diese Abende ja schon seit 20 Jahren. Das ist sehr lang und inzwischen glaube ich, dass man mit dieser klaren Analyse, für die Erich Kästner steht, nicht weiterkommt, und dass Theater zu machen nicht genug ist. In die Vorstellungen kommen Menschen, die bereits interessiert und besorgt sind. Bei vielen anderen ist der Wille zuzuhören gar nicht mehr da. Wir leben in einer schwierigen Zeit und es reicht nicht mehr aus, gute Gedichte von Kästner vorzutragen.

Was wäre die Alternative?

Etwas zu bewegen geht meiner Meinung nach im Moment nur über soziale Medien. Aber die sind so überfrachtet mit Informationen und Geplapper, dass ich gut überlegen muss, wie ich mir da Aufmerksamkeit verschaffen könnte. Das ist genau das, was Kästner sagt: Man muss genau hinschauen und darüber nachdenken, was man sagen will, um die Kontrolle zu behalten. Dass wir mit den Kästner-Programmen gerade jetzt aufhören, hat aber noch einen anderen Grund.

Walter Sittler 2018 bei einer Aufführung von „Prost, Onkel Erich“ Foto: IMAGO/Funke Foto Services

Und der wäre?

Wir sind bei diesen Abenden viele auf der Bühne, so eine Vorstellung ist teuer. Die Theater können sich das heute nicht mehr leisten, weil überall in der Kultur gekürzt wird. Ich halte das für einen Fehler und erinnere da immer an Churchill, der selbst in Kriegszeiten die Förderung der Kultur mit den Worten verteidigte: Wofür kämpfen wir dann? Man sieht in den USA, was passiert, wenn in diesem Bereich zu stark gespart wird. Ich hoffe, dass es in Deutschland nie so weit kommt, obwohl die äußerst rechte Partei das anstrebt. Wir müssten alarmiert sein, aber wir haben uns auf bequeme Weise treiben lassen. Bereits jetzt haben wir eine Ungleichheit, die zum Himmel schreit.

2006 hatte „Als ich ein kleiner Junge war“ in Dresden Premiere, in Kästners Geburtsstadt haben Sie vor kurzem auch die letzte Vorstellung gespielt und dafür im ausverkauften Schauspielhaus viel Applaus bekommen. Waren Sie mit Kästner oft im Osten zu Gast?

Bei rund 570 Auftritten in der ganzen Republik waren wir nicht so oft im Osten, wie wir uns das gewünscht hätten. Es gibt dort schon viele gute Kästner-Programme. Aber unsere Abende kamen immer sehr gut an und es waren verhältnismäßig viele junge Leute im Publikum. Außerdem habe ich gehört, dass mehr von Kästners Büchern verkauft wurden. Das ist immerhin etwas, was ich als Theatermensch beitragen kann. Kästners Perspektive, seine Klarheit des Beobachtens, Denkens und Schreibens, kann man nicht genügend forcieren.

Wie alles begann: Walter Sittler 2006 in „Als ich ein kleiner Junge war“ Foto: Jennifer Sittler

Hat die intensive Beschäftigung mit Kästner Ihren eigenen Blick auf die Welt verändert?

Ja, ich glaube schon, dass das ein Stück weit mein Denken verändert hat. Wenn im Internet zum Beispiel etwas aufpoppt und mich sofort bannt, dann überlege ich lieber zwei Mal, ob das stimmen kann oder ob sich nur jemand wichtig macht. Nur mit dieser Aufmerksamkeit lässt sich der Hass im Netz aktiv bekämpfen. Was mir an Kästner auch gefällt, ist seine klare Sprache. Sie ist literarisch reich und doch verständlich. Er sieht immer beide Seiten, jede neue Erfindung der Welt kann hilfreich sein, aber auch missbraucht werden.

Was werden Sie an den Kästner-Abenden vermissen?

Dass sich das Publikum ohne über Effekte oder Inszenierung nachzudenken einer Geschichte anvertraut und einfach wie früher als Kind zuhört. Das ist schön, Menschen so zu sich selbst verführen zu können. Es gibt eine Stelle, da ist es einfach still. In einer lauten Welt hat man dieses Erlebnis, dass Menschen ganz in sich selbst sind, nur noch in der Kirche oder im Theater.

Haben Sie den Erfolg Ihrer Kästner-Programme schon zu Beginn geahnt?

Nein, Kunst ist eine Haltung, bei der man mutig ins Dunkle greift und versucht, etwas Neues zu schaffen, statt Bewährtes zu reproduzieren. Manchmal funktioniert es – und manchmal greift man daneben. Seit ich 1995 meine Stelle am Stuttgarter Staatsschauspiel gekündigt habe, hatte ich bei meiner Arbeit als freischaffender Künstler unglaubliches Glück. Und das obwohl Kästner sagt: Es gibt immer einen, der besser ist als du.

Walter und Lea Sittler Foto: Stefan Nimmesgern, Karol Szczecinski (cf)

In Fellbach gibt es mit den Sextanten und Ihrer Tochter Lea als Chanson-Sängerin den letzten Kästner-Abend. Planen Sie zum Abschied etwas Besonderes?

Nein, obwohl es für mich immer etwas Besonderes ist, mit meiner Tochter auf der Bühne zu sein. Sie ist so gut, dass ich aufpassen muss, dass ich im Stück bleibe und meinen Einsatz nicht verpasse. Am Ende werden wir bestimmt feiern. Und irgendwann gibt es eine große Party für alle Beteiligten, jedes Instrument war ja doppelt besetzt, für viele wird das sicherlich emotional. Bei solchen Anlässen bin ich eher geerdet: Wir hatten viel Erfolg, aber Vorstellungen hören auf und verschwinden im Orkus, in dem schon Millionen von Vorstellungen liegen.

Und für Sie kommt dann der Ruhestand?

Nein, ich mache so weiter wie bisher, aber auf kleinerer Flamme mit mehr freier Zeit. Ich habe ja noch andere Lesungen. Und vielleicht gibt es vom Fernsehfilm „Tödliche Schatten“, in dem ich den Kommissar Philip Nabrow spiele, einen zweiten Teil, da hätte ich große Lust darauf.

Von der Theaterbühne zum Deutschen Fernsehpreis

Termin
„Gestatten, Kästner! 18./19. März, 20 Uhr, in der Schwabenlandhalle in Fellbach

Person
Walter Sittler, 1952 in Chicago geboren, studierte Schauspiel an der Falckenberg-Schule in München, debütierte am Mannheimer Nationaltheater und spielte sieben Jahre lang am Stuttgarter Staatstheater. Einem großen Publikum ist er aus zahlreichen Fernsehkomödien und -serien bekannt. 1998 wurde er mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet, den Deutschen Fernsehpreis erhielt er 2003 und 2005.

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