Stuttgarter Sportgespräch Vier Olympia-Stars begeistern das Publikum
Was für ein unterhaltsamer Abend! Kristina Vogel, Verena Bentele, Markus Wasmeier und Jens Weißflog sorgen für das kurzweiligste Stuttgarter Sportgespräch, das es je gab.
Was für ein unterhaltsamer Abend! Kristina Vogel, Verena Bentele, Markus Wasmeier und Jens Weißflog sorgen für das kurzweiligste Stuttgarter Sportgespräch, das es je gab.
Die Geschichte des Stuttgarter Sportgesprächs ist reich an gewichtigen Themen, tiefgründigen Diskussionen, prominenten Gästen. Vorneweg zu nennen ist Thomas Bach, der als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees 2023 die Frage beantworten sollte, wie (un)politisch der Sport ist. Zuvor hatten auch schon der Ausverkauf der Werte, Doping, das Feigenblatt Fairplay oder der vergebliche Versuch Deutschlands, Olympische Spiele auszurichten, auf der Tagesordnung gestanden. Nun, bei der 20. Auflage des Sportgesprächs, ist alles ein bisschen anders gewesen: Noch nie waren die Teilnehmer so hochdekoriert, nie war eine Runde unterhaltsamer. Das Publikum? Dankte mit stehenden Ovationen. Auch das war eine Premiere.
Unter dem Motto „Gamechanger“ hatte der Veranstalter – die Stuttgarter Rechtsanwaltskanzlei Wüterich und Breucker – vier Prominente eingeladen, die ihre Sportarten geprägt haben. Bahnradfahrerin Kristina Vogel (3x Olympiasiegerin, 11x Weltmeisterin), die seit einem schweren Trainingsunfall 2018 querschnittgelähmt im Rollstuhl sitzt, die blinde Langläuferin und Biathletin Verena Bentele (12x Paralympicssiegerin, 4x Weltmeisterin), Skirennläufer Markus Wasmeier (2x Olympiasieger, 1x Weltmeister) und Skispringer Jens Weißflog (3x Olympiasieger, 3x Weltmeister, 4x Gewinner der Vierschanzentournee) glänzten mit Anekdoten, witzigen Sprüchen, überraschenden Einblicken. Aber auch mit gesellschaftlich relevanten Forderungen.
Kristina Vogel, die am Montag ihren 35. Geburtstag beim Sportgespräch in der Spardawelt feierte, erzählte über die Eröffnungsfeier der Sommerspiele 2000 in Sydney, die sie vor dem Fernsehgerät verfolgt und die sie inspiriert hat: „Danach wusste ich, dass es mit dem Leistungssport und mir was werden kann.“ Im Zweifel auch ohne Sattel. 2016 holte die Bahnradsprinterin in Rio de Janeiro den Olympiasieg, obwohl sich beim Tigersprung auf der Ziellinie die Sattelstütze gelöst hatte. Heute liegt der Sattel, der damals auf der Holzpiste gelandet war, zuhause in einer Vitrine. Neben der Goldmedaille.
An seine ersten Winterspiele 1984 in Sarajevo erinnerte Jens Weißflog – und das nicht nur, weil er dort als 19-Jähriger Gold und Silber geholt hat. Sondern auch, weil er damals ganz neue Erfahrungen machte: „Im Olympischen Dorf gab es eine Spielhölle, da habe ich einen ganzen Tag lang Pacman gespielt. Bei uns in der DDR gab es so etwas ja nicht.“ Auch über seine Erlebnisse nach der Wiedervereinigung berichtete der Skispringer. Als es darum ging, selbst Sponsoren zu finden, vermittelte ihm der Vater seines Konkurrenten und neuen Teamkollegen Dieter Thoma den Kontakt zu einem Bekleidungshersteller. Der Deal kam zustande, Jens Weißflog freute sich über die Finanzspritze: „Für Dieter wär’s zu wenig gewesen, mir hat es gereicht.“
Ums große Geld ging es bei Verena Bentele nie, sie hat sich durch den Sport aber immerhin ihr Studium finanzieren können. Und eine eindrucksvolle Karriere hingelegt. Erst war sie im Schnee so erfolgreich, das sie in die „Hall of Fame“ des paralympischen Sports aufgenommen wurde, dann war sie ab Januar 2014 vier Jahre lang Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, ehe sie Präsidentin des größten deutschen Sozialverbandes VdK wurde. Sie erzählte über Rennen bei Temperaturen von minus 20 Grad, über Europameisterschaften in Sibirien („Hinterher floss so viel Wodka, dass sich nicht mehr alle an die Abschlussfeier erinnern können“), über den ersten Bentele-Text in der „Bravo“, nach dem sie sich wegen des Titels („Sie sieht mit dem Herzen“) viel Spott anhören musste, aber auch über besondere Dialoge mit Fans: „Einmal wurde ich gefragt, warum ich denn Sport mache, ich könne ja nichts sehen. Ich habe zurückgefragt, warum er denn keinen Sport mache, obwohl er alles sehen könne.“
Auch das Sportlerleben von Markus Wasmeier, der 1994 in Lillehammer völlig überraschend Doppel-Olympiasieger wurde, ist reich an Anekdoten. Er sprach zum Beispiel die WM in Bormio an, bei der er 1985 Weltmeister wurde: Bei der Siegerehrung spielte die Kapelle versehentlich die DDR-Hymne, was die Fans mit lauten Pfiffen begleiteten. Und das folgende TV-Interview versah das ZDF aufgrund des Dialekts von Wasmeier mit einer Bauchbinde, auf der „Originalton Süd“ zu lesen stand, was vor allem die Politiker in Bayern gar nicht lustig fanden. Trotzdem wurde Wasmeier über Nacht zu einem der großen Sportstars in Deutschland, der erste Ruhm allerdings hielt nur ein paar Monate: „Im Juli 1985 kam Boris Becker.“ Nach dessen Wimbledon-Sieg sprach niemand mehr übers Skifahren.
Kurzum: Es war ein höchst kurzweiliges Sportgespräch. Aber nicht nur. Es ging auch um Inklusion und Barrierefreiheit, für die Kristina Vogel kämpft (Bentele: „Du bist ein Vorbild!“), um den enormen Druck, der durch die sozialen Medien auf den heutigen Athleten lastet, und um die Wichtigkeit des Sports für die Gesellschaft. Die Forderung an Theresa Schopper, die Landesministerin für Jugend, Kultur und Sport, die in der ersten Reihe saß, war eindeutig: „Täglich eine Stunde Bewegung in der Schule ist ein Muss!“
Nicht nur für diese Aussage erhielt das Quartett auf dem Podium großen Beifall. Sondern auch dafür, dass das 20. Stuttgarter Sportgespräch ein besonderes war. Das fanden auch die Protagonisten. „In der Politik“, sagte Verena Bentele, „bekommt man nicht so viel Applaus.“