Kadir Cetinkaya zog 2023 aus Bayern nach Stuttgart, um bei Porsche zu arbeiten. Foto: Rouven Spindler
Der Traum vom Job bei Porsche wird für Kadir Cetinkaya wahr, doch die Krise beendet ihn abrupt. Wie er die Zeit beim Sportwagenbauer erlebt hat und was ihn bei der Jobsuche umtreibt.
Ein kleines Fotoshooting am Porscheplatz? Kein Problem für Kadir Cetinkaya, der für den Termin an die Zentrale des Stuttgarter Sportwagenbauers kommt. Dort, am Kreisverkehr, posiert der Ex-Mitarbeiter zwischen Werkstor und Museum – und vor der 911-Lichtskulptur. Porsche, Porsche, Porsche also.
Dabei hat der Autohersteller seinen befristeten Vertrag im vergangenen Jahr im Rahmen des Sparkonzepts auslaufen lassen – wie auch die Arbeitspapiere aller weiteren Beschäftigten, die befristet angestellt waren. Porsche hatte 2024 damit begonnen, diese rund 2000 Verträge nicht mehr zu verlängern. Enttäuscht? Ja, das war Kadir Cetinkaya, der 2023 mit Anfang 20 extra aus Bayern nach Stuttgart gezogen war. Aber schlecht auf seinen früheren Arbeitgeber zu sprechen? Nein, das ist der 24-Jährige im Hinblick auf die Gesamtumstände der Krise in der Autoindustrie nicht.
Kadir Cetinkaya war rund zweieinhalb Jahre lang bei Porsche tätig. Foto: Rouven Spindler
Bei Porsche bleibt ein unbefristeter Vertrag für ihn aus
Zusammen mit einem Kumpel, der lieber anonym bleiben möchte, sitzt er in einer Bäckerei in Zuffenhausen, ganz in der Nähe der Werke, und erzählt von der Zeit. Die beiden teilen dasselbe Schicksal. Sie schafften es zu Porsche, aber krisenbedingt nie in einen unbefristeten Vertrag. Dabei war Kadir Cetinkayas Plan, hier langfristig Fuß zu fassen.
Der junge Mann kommt aus dem mittelfränkischen Gunzenhausen. An der Maschinenbauschule Ansbach absolviert er die Ausbildung zum Industrie- und Feinwerkmechaniker. Später folgen erste Stationen in der Berufswelt, er strebt einen weiteren Wechsel an. „Mir war einfach die Karriere zu dem Zeitpunkt das Wichtigste“, blickt Kadir Cetinkaya zurück. Und weil er Stuttgart und dessen prominenten Sportwagenbauer ohnehin toll findet, entscheidet er sich eines Nachts für eine Bewerbung.
Porsche 911 bauen – ein Traum für Kadir
„Es war so ein kleiner Traum, bei Porsche zu arbeiten“, erinnert er sich. Er wird zum Bewerbungsgespräch eingeladen, erhält die Zusage. Seine Eltern sagen, er soll nicht gehen – zu groß sei die Herausforderung. Doch er will seinen Traum wahr werden lassen, zieht erstmals aus dem Elternhaus aus und startet bei Porsche.
Seine Begeisterung für das Unternehmen erklärt er mit dem 911. „Es ist immer das gleiche Auto, aber es wird immer besser“, schwärmt der 24-Jährige. Viele träumen davon, diesen Sportwagen zu fahren – doch für ihn ist es schon das Größte gewesen, ihn bauen zu dürfen. „Das hat mir schon viel gegeben“, sagt Kadir Cetinkaya, der in seiner Zeit in Zuffenhausen in der Produktion arbeitet. Er ist in der Vormontage tätig und baut Motoren, unter anderem den des 911.
Kadir ist stolz, dass er bei Porsche arbeitet
Kadir Cetinkaya findet eine Wohnung in Stuttgart-Feuerbach. Er fühlt sich wohl und findet Anschluss, ist stolz darauf, dass er bei Porsche arbeitet. Rückblickend sehen er und sein Kumpel das erste Jahr als das Beste an. Porsche geht es in der Zeit, in der sie anfangen, sehr gut. Ihre befristeten Arbeitspapiere laufen immer für sechs Monate. Sie sind sich sicher, „nach eineinhalb, zwei Jahren einen unbefristeten Vertrag zu bekommen“. Später ist dann abzusehen, dass daraus in dieser wirtschaftlichen Lage wohl nichts wird.
Mitte 2025, nach rund zweieinhalb Jahren, geht Kadir Cetinkayas Porsche-Kapitel zu Ende. Auf der einen Seite ist er froh, wieder bei seinen Eltern sein zu können, auf der anderen Seite wiegt die Enttäuschung über den ausgebliebenen Vertrag in Zuffenhausen schwer. Dem Unternehmen nimmt er das nicht übel, er zeigt aufgrund der Wirtschaftslage Verständnis.
Die Zahlen zur Krise bei Porsche
Porsche verzeichnete in den ersten drei Quartalen 2025 aufgrund der hohen Kosten der strategischen Neuausrichtung einen drastischen Gewinneinbruch. Das Ergebnis nach Steuern brach im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 95,9 Prozent ein. Weltweit verkaufte das Unternehmen von Januar bis September 2025 sechs Prozent weniger Fahrzeuge als in den ersten neun Monaten im Jahr 2024, in China ging der Absatz um 26 Prozent zurück. Neben dem schlecht laufenden chinesischen Markt belasten Porsche auch die US-Zölle.
Der in der Krise steckende Sportwagenhersteller rutschte im dritten Quartal 2025 sogar in die roten Zahlen, weil er besagte Kosten – etwa für die verstärkte Ausrichtung der Modellpalette auf die weiterhin gefragte Verbrennertechnologie – nicht aus dem laufenden Gewinn bezahlen konnte. Im Februar vergangenen Jahres hatte er den Abbau von 1900 Stellen bis 2029 angekündigt. Inzwischen fordert Porsche weitere massive Einsparungen.
Auf den Job bei Porsche folgt die Sorge: Wie geht es weiter?
Zurück zu Kadir Cetinkaya: Der behält das Innenleben, das er in seiner Abteilung mitbekommen hat, sehr positiv in Erinnerung: „Die Atmosphäre war wirklich Hammer.“ Und er resümiert: „Im Allgemeinen war ich glücklich, dass es überhaupt geklappt hat und dass ich die Erfahrung machen konnte – weil es auch viele nicht hereinschaffen.“
Er sieht anschließend nicht das Ende bei Porsche als das Schlimmste an – sondern die Sorge, „vielleicht in der nächsten Zeit nichts zu finden“. Seit Ende September ist er inzwischen auf Arbeitssuche. In der Autoindustrie sieht er derzeit keine Chance auf einen Job. Sein Wunsch: eine Stelle in der Luftfahrtindustrie. Einmal monatlich hat er einen Termin beim Jobcenter. Der Ex-Porsche-Mitarbeiter spricht von bislang 25 bis 30 verschickten Bewerbungen, doch zu einem Gespräch wurde er noch nicht eingeladen.
Äußerst schwieriger Arbeitsmarkt in den vergangenen Monaten
Ein Blick auf den Arbeitsmarkt in der zurückliegenden Zeit zeigt: Die Chancen für Arbeitslose, eine neue Stelle zu finden, sanken laut Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit (BA), zuletzt auf einen neuen Tiefpunkt. „Wir haben einen Indikator, der anzeigt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für arbeitslose Menschen ist, wieder einen Job zu finden. Der Wert liegt meist um sieben, jetzt aber bei 5,7 – so niedrig wie nie zuvor“, erklärte sie in einem Ende Dezember veröffentlichten Interview mit web.de.
„Der Arbeitsmarkt ist seit Monaten wie ein Brett“, sagte die Vorstandsvorsitzende. „Es kommt kein Schwung rein“, so Nahles weiter. Im Jahresschnitt waren 2025 laut einer Mitteilung ihrer Bundesagentur 2,948 Millionen Menschen arbeitslos, das entspricht einer BA-Statistik zufolge dem höchsten Jahreswert seit 2013.
Kadir Cetinkaya geht es mit der derzeitigen Situation schlecht, weil er aus seiner Sicht nicht vorankommt. „Das sind so die wichtigsten Jahre fürs zukünftige Leben. Im Internet sieht man, wie viele Gleichaltrige es zu etwas schaffen“, sagt er.
Doch der Mittzwanziger gibt die Hoffnung nicht auf: „Was ich dennoch versuche, ist, immer noch das Beste herauszuholen. Und ich denke, dass man mit der Zeit etwas Anständiges findet.“ Porsche als Arbeitgeber im Lebenslauf schadet bei der Suche sicherlich nicht.