Boris Eschwey ist mit Block, Bleistift und Foto unterwegs. Einen Tag lang trifft er einen Menschen, hört zu, fotografiert und schreibt. Das nennt er „Streetmeet“. Was steckt dahinter?
Der 46-jährige freiberufliche Kameramann Boris Eschwey hat das Projekt seines Lebens gefunden: Unterwegs sein, Menschen treffen, fotografieren, ihre Wünsche, Visionen und Gefühle aufnehmen und diese transportieren. Nach den Begegnungen setzt er sich zu Hause hin. Dann beginnt ein emotionaler Prozess: Aus zwölf Fotos sucht er sechs Motive heraus und schreibt über die Begegnung mit den oft fremden Menschen einen poetischen Text. In den drei, vier Zeilen über jedes Foto steckt Poesie und Philosophie, seine Kunst: Die Essenz einer Person mit seiner Interpretation. Meistens in Englisch, um international verständlich zu bleiben.
Begegnungen werden zu Fotos und Texten – Essenzen einer Person
Zu sehen sind diese „Streetmeets“, wie er sie nennt, auf seiner Homepage und in seiner Wohnung im Stuttgarter Süden. Die Fotos mit den jeweils sechs Motiven und Texten sind säuberlich gerahmt. Noch. Denn derzeit packt er alles ein. Eschwey sitzt auf gepackten Koffern. Er hat Großes vor: Mit seinem Projekt „Streetmeet“ will er Anfang kommenden Jahres auf Weltreise gehen.
Mietwohnung in Stuttgart gekündigt, die Möbel sind verkauft
Nachdem ihm die Mietwohnung in Stuttgarter Süden gekündigt wurde, hat er seine Möbel verkauft und alles Geld in sein Projekt gesteckt. Jetzt ist er startklar, um Menschen weltweit zu treffen, zu fotografieren, aufzunehmen und seine Geschichten in Museen und Galerien zu präsentieren. Mit dabei eine analoge Mittelformat-Rolleiflex 6008 Kamera und Zwölfer-Filme in Schwarz-Weiß, die schon verpackt ist. „Ich mache es nicht wegen des Geldes“, sagt der gebürtige Heidelberger, der seit 15 Jahren in Stuttgart lebt. „Jetzt gehe ich raus in die Welt und baue mein Netzwerk auf.“
Projekt mit der Fotokamera ist in New York gestartet
In New York hat Eschweys Projekt begonnen. Dort war er von 2018 bis 2021 immer wieder. „Ich war getrieben von der Kraft der Liebe, inspiriert von einer Muse und herausgefordert von der Energie New Yorks“, sagt er. Er habe dort eine Fernbeziehung gehabt und eine Liebesgeschichte. Dort fand er zu sich und seinem Thema: den Menschen. „Ich habe mit der Kamera die Stadt und mich erobert“, sagt er. Das habe ihm sein Selbstvertrauen gegeben.
Im Europaviertel in Stuttgart einen Musiker statt Wände fotografiert
Zurück aus New York traf er in Stuttgart im Europaviertel beim Fotografieren der Häuser einen Typen, „der sah cool aus“. Er sprach ihn an. Es war ein Musiker. Er war bereit, sich fotografieren zu lassen. So entstand ein „Streetmeet“, in dem Eschwey auch die Wünsche und Sprache des Trap-Musikers festgehalten hat, der sofort an Instagram und andere Fotomöglichkeiten dachte.
Eschwey erkannte, wie interessant es ist, Menschen zu fotografieren. Auch in Wien zeigt er, wie eine Frau durch sein architektonisches Motiv läuft. Und plötzlich ist ihm klar, das ist es, was er machen möchte. Menschen treffen und fotografieren.
73 „Streetmeets“ hat er schon – für Galerien und Museen
73 weltweite „Streetmeets“ hat er schon und ist mit ihnen 730 Kilometer gelaufen. Er war in New York, Paris, Hongkong, Palermo, Stuttgart, Heidelberg. Es würde locker ein Buch füllen oder auch viele Ausstellungswände. Gerne würde er ein Buch darüber machen oder seine Bilder in Galerien und Museen ausstellen. Dabei legt er Wert auf Qualität: So hat er sich für seine bedruckten Passepartouts seiner Fine-Art-Edtition seiner„Streetmeets“ Tipps vom Passepartouthersteller des Louvre geben lassen. Mit dem Verkauf der Fine-Art-Edition finanziert er sein Projekt. Sein Traum wäre es, die „Streetmeets“ im Museum of Modern Art in New York auszustellen.
Als Kameramann auch Prominente gefilmt
Als Kameramann hat er viel für die Werbung gearbeitet und Prominente und Menschen aller Schichten getroffen: Dieter Zetsche, Ola Källenius oder auch Heidi Klum. „Ich habe auch Kanalarbeiter gefilmt, Dokumentationen in der Industrie gemacht und war bei Bosch in Büros, bei Daimler am Band und bin mit CEOs im Aufzug stecken geblieben“, sagt Eschwey. Weltweit war er unterwegs. „Ich habe viel kulturelle Vielfalt erlebt.“ An alle Erfahrungen knüpft er nun an. Keine Angst zu haben, sei wichtig, sagt er. „Am Anfang hatte ich Angst. Jetzt ist der Mensch mein Sujet geworden.“ Er geht intuitiv auf die Menschen zu, die zuvor ein Briefing bekommen: Da wird der Ort und die Zeit besprochen, wo das „Streetmeet“ stattfindet. Manche bringen ihre persönlichen Gegenstände mit, einen Schuh, eine Kamera oder einen Ring.
In Stuttgart traf er beispielsweise den Tänzer Jason Reilly von der Stuttgarter Oper. Als der gefeierte Tänzer des Stuttgarter Balletts das Resultat in Fotos und Texten bei ihm kürzlich angeschaut habe, habe er ihm gesagt, dass er Gänsehaut habe. Das freut Eschwey. Der 46-Jährige ist mit Reilly von Heslach in die Innenstadt gelaufen. „Ich bin wie Sokrates mit der Kamera“, beschreibt es der studierte Psychologe, gelernte Mediengestalter, der in der Zeit der Pandemie zum Fotografieren kam.
Eschwey: „Draußen auf der Straße sind wir alle gleich“
„Draußen auf der Straße sind wir alle gleich“, sagt der 46-Jährige. Dort sammelt er Perspektiven. Wie fühlt es sich an, da zu sein? Den Rahmen bildet der Tag. Einen Tag lang begleitet er Menschen, die gerne mit ihm unterwegs sein wollen. „Ich bin neugierig wie ein Philosoph und spielerisch wie ein Kind.“ Die Begegnung mit den Menschen machen ihm Spaß. Reilly habe beispielsweise eine positive Energie und „so eine coole Haltung“, erzählt Eschwey. Was ist das Besondere an dem Tänzer? „Er versprüht Freude.“ Er habe ihm beim Streetmeet erklärt: „Ich bin in mir ein Kind geblieben.“
Gespannt und positiv aufgeregt, was passiert
Das gefällt Eschwey. Kinder hätten keine Angst. Sein zehnjähriger Sohn habe ihn auch zu seinem Projekt ermuntert. Und so macht er sich auf, positive Schnappschüsse der Menschen zu sammeln, unterstützt von Freunden und Familie auf der Weltreise, so lange das Geld reicht. Und er freut sich auf neue Begegnungen im Wissen: „Die einfachsten Menschen sind die schönsten Menschen, die nichts haben und trotzdem geben.“ Nach einem „Streetmeet“ freut es ihn am meisten, wenn ihm Menschen sagen: „Das war der coolste Tag in meinem Leben, mit dir einen Limoncello zu trinken.“ Er ist gespannt und positiv aufgeregt, was passiert. Zuerst möchte er gerne nach Mexiko.
Mehr zu den Streetmeets gibt es unter: www.boriseschwey.com