Stuttgarter Türsteher packt aus „Auf sie setzen, bis die Polizei kommt“
Peter Streibel ist seit einem Vierteljahrhundert Türsteher in Stuttgart. Eine Geschichte über Aufstieg, Fall – und Auferstehung?
Peter Streibel ist seit einem Vierteljahrhundert Türsteher in Stuttgart. Eine Geschichte über Aufstieg, Fall – und Auferstehung?
Wer mit Peter Streibel Streit anfing, musste sich auf folgendes Szenario einstellen: Der damals bis zu 160 Kilo schwere Türsteher aus Stuttgart war bekannt dafür, Meinungsverschiedenheiten nicht mit den Fäusten zu regeln. Wenn Gäste nicht anders in den Griff zu kriegen waren, entschied sich der heute 46-Jährige meist dafür, sich „auf sie zu setzen, bis die Polizei kommt oder sie sich so beruhigen.“ Griffe aus dem Ringen, in der Jugend gelernt, gepaart mit seiner Statur, hätten in den allermeisten Situationen ausgereicht, wenn es in 25 Jahren Nachtleben mal physisch werden musste. Darauf, in dieser langen Zeit an diversen Türen in Stuttgart trotz des harten Jobs niemals wegen Körperverletzung verurteilt worden zu sein, ist Peter Streibel bis heute stolz; auf andere Dinge weniger.
Heute wiegt Streibel nur nur noch 110 Kilo, über 190 Zentimeter groß ist er noch immer. Und nach wie vor kennt „Django“, wie manche den Koloss nennen, Hinz und Kunz. Als wir ihn an der Hauptstätter Straße vor einem Café treffen, stoppen sogar Autos für ein kurzes „Hallo“. Einer der Nebeneffekte von einem Vierteljahrhundert als Türsteher in unterschiedlichen Stuttgarter Institutionen: Irgendwann hat man wahrscheinlich fast jeden Nachtschwärmer mal reingelassen – oder eben nicht. Ob er die ganzen Leute mit Namen kennt, die ihn so grüßen? „Vielleicht 50 Prozent“, sagt Streibel.
„Als Türsteher bist du derjenige, der für den ersten und letzten Eindruck verantwortlich ist“, sagt Peter Streibel über den Job. Eine Visitenkarte für den Club, die entscheidend dafür ist, wie sich der Gast zu Beginn und am Ende eines Abends fühlt. Das Klischee vom Muskelprotz, der Missachtung des Dresscodes mit Abweisung unter Gewaltandrohung durchsetzt, geht ihm ungefähr genausolange auf den Keks, wie er an Türen arbeitet.
Das ist ziemlich genau 25 Jahre jetzt. Peter Streibel, dessen großer Bruder bereits Türsteher war, etwa im legendären Müsli, kam zwar über diesen bereits früh mit dem Nachtleben in Stuttgart in Berührung. Türsteher werden wollte er aber eigentlich nicht. „Ich wollte mir damals neben dem Abendgymnasium etwas dazuverdienen“, erinnert er sich. Also fragte er im Oblomow nach, in dem er damals privat gerne verkehrte, ob er nicht an der Bar arbeiten könne. Man habe ihm geantwortet: „Du bist zu massig für die Bar! Aber da an der Tür kannst du arbeiten.“
Und das tat Peter Streibel dann. Etwa sieben Jahre lang war er die „Visitenkarte“ des Oblomow, bevor ihn der Keller Klub abgeworben habe. Auch danach blieb er dem Oblomow verbunden und half immer wieder als Türsteher aus. Wenige Jahre später gründete Streibel seine eigene Sicherheitsfirma: Stuttguard. Auch als Veranstalter machte er sich einen Namen: Mitveranstalter des Marienplatzfests, Mitgründer der Westallee, diverse Partyreihen in Clubs, Veranstalter der Sandwelt in Ludwigsburg. Vor der Coronakrise habe er bis zu 44 Mitarbeiter beschäftigt, erzählt Streibel. Die ursprünglichen Pläne, nach der Abendschule noch Eventmanagement zu studieren, waren bei dem Erfolg längst verworfen.
Ein Erfolg, der möglicherweise auch auf die Philosophie des gutmütigen Schranks zu verdanken war: Er habe Wert darauf gelegt, dass niemand wegen Körperverletzung vorbestraft ist, der bei ihm arbeitet. Wichtig sei, dass ein Türsteher auch was im Kopf habe. Deswegen stehe er dem Konzept, dass Türen mit mehreren Türstehern auch mindestens eine Türsteherin, in der Branche Speakerin genannt, vorsehen, etwas skeptisch gegenüber: „Das erweckt den Eindruck, die Frau hat was im Kopf und ist zum Denken da und die Typen sind hohl und nur fürs Grobe da.“
Wenn Streibel doch mal jemand passieren ließ, der später drinnen Ärger machte, ärgerte er sich auch über sich selbst: „Dann stellt man mit etwas Erfahrung immer fest, dass man auf sein Bauchgefühl hören sollte.“ Wichtig sei, auch Gästen, die sich daneben benehmen, die Möglichkeit zu bieten, den Club erhobenen Hauptes zu verlassen. „Dann kommt es vor, dass jemand, der zu viel getrunken hat, nächste Woche wieder dasteht und sich entschuldigt – das sind schöne Momente.“ Dreht man die Uhr ein paar Jahre vor, hätte Peter Streibel sich den ein oder anderen Ratschlag vielleicht selbst mehr zu Herzen nehmen sollen.
Was viele nicht wussten: Bereits seit 2014 braute sich hinter der Fassade des stadtbekannten Stuttgarters etwas zusammen. Ein Schlüsselerlebnis sei eine Auseinandersetzung mit vier algerischen Staatsbürgern gewesen, als Streibl an der Tür vom Oblomow ausgeholfen habe. Er sei mit mehreren Sektflaschen attackiert worden, nur knapp mit dem Leben davongekommen. „Sie schlugen damit auf unsere Köpfe“, erzählt er.
„Obwohl laut Ermittlungen eine Tötungsabsicht im Raum stand, saßen die Täter keinen Tag in Haft, da sie bereits abschiebungspflichtig waren und die Staatsanwaltschaft kein hinreichendes öffentliches Interesse erkannte, ein Strafverfahren einzuleiten“, sagt Streibel. Die Details des Verfahrens, wie die Strafverfolger genau argumentierten, das lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen – auch weil Streibel den Schriftverkehr mit den Behörden dazu nicht aufbewahrt hat. Aber dass der Hüne damals übel zusammengeschlagen wurde, das hatte im Stuttgarter Nachleben schnell die Runde gemacht.
Peter Streibel ließ sich dadurch zu zwei Entscheidungen verleiten, die er rückblickend als sehr dumm betrachtet. Zum einen habe er den Beschluss gefasst, von diesem Tag an keine Steuern mehr zu bezahlen nach dem Motto: Wenn der Staat mir nicht hilft, kriegt er auch nichts mehr von mir. Für Striebel, der im Oblomow, Keller Klub, Goldmarks, Le Fonque, Universum, Zapata oder in der Rockfabrik, eher „linksalternativen Läden“, wie er sagt, gearbeitet hatte, passte ein bisschen Anarchie da zunächst ganz gut.
Der Betrug am Fiskus und Betrug an sich selbst trieb wilde Blüten. Öffentlich gerierte sich Streibel auch als Wohltäter, gründete den Verein Helfer auf Achse e.V., der Hilfsgüter in Krisengebiete beförderte. Bei der „Allgäu-Orient-Rallye“ fuhr er von 2015 bis 2021 mit seinem Verein Kinderheime und Flüchtlingsheime in Rumänien, Jordanien und in syrischen Grenzgebieten an. Vor Ort wurden Bedürftige mit Hörgeräten, OP-Besteck oder Spielzeug versorgt. Viel Geld habe Streibel in den Verein gesteckt – Geld, das er eigentlich nicht hatte.
In der Retrospektive bereut Peter Streibel natürlich nicht, Kindern in Not geholfen zu haben. „Damals habe ich mich ein bisschen wie Robin Hood gefühlt, wie ein Kämpfer für das Gute.“ Aber heute ist ihm durchaus bewusst: „Das war auch irgendwie der Versuch, was an die Allgemeinheit zurückzugeben, wenn ich schon keine Steuern zahlte.“
Den anderen Teil des betrogenen Steuergeldes investierte Streibel weit weniger wohltätig. Der Vorfall mit den vier gewaltbereiten Männern habe ihm auch psychisch übel mitgespielt, heute betrachtet er es als „Trauma“, was er dadurch erlitten habe. Schlafstörungen begegnete er mit Drogen. Kokain, das eigentlich aufputscht, habe ihm geholfen, die Bilder auszublenden.
Der Konsum steigerte sich über die Jahre in abenteuerliche Mengen. Zuletzt habe Streibel sechsstellige Beträge im Jahr für Kokain verbrannt. „Am Ende war ich nur noch drauf“, sagt der Türsteher. Wahrscheinlich hätte Peter Streibel sich selbst in diesem Zustand nirgendwo mehr reingelassen. Die persönlichkeitsverzerrenden Auswirkungen exzessiven Kokainkonsums hätten auch private Beziehungen zu Menschen in seinem engen Umfeld zerstört, erinnert er sich: „Viele, vor allem meine Partnerin, hatten jahrelang stark unter mir zu leiden.“ Nach außen mühte er sich, das Bild des erfolgreichen und umtriebigen Machers hochzuhalten: „Ich habe damals das Ansehen durch das Rampenlicht gebraucht. Die Aufmerksamkeit durch Gäste, Schulterklopfer und Kollegen, durch Bittsteller und Schmarotzer.“
Dann kam Corona, das Nachtleben war eingefroren. Und zeitlich parallel trat das Unvermeidliche ein: Der Zoll verlangte, die Buchhaltung offenzulegen. Das Kartenhaus brach zusammen. „Ich habe die Hosen runtergelassen, kooperiert.“ Nach einem Strafverfahren wegen Steuerbetrugs kam Streibel mit einer Bewährungsstrafe davon, Steuerschulden und fehlende Einnahmen führten zur Privatinsolvenz, die laut Streibel in etwa zwei Jahren ausgesessen sein dürfte.
„Das war der Zeitpunkt, mit allem reinen Tisch zu machen“, sagt Streibel. Im Mai 2022 habe sich in Therapie begeben: Auf dem Ringgenhof, einer Suchtklinik in Wilhelmsdorf, einem kleinen Ort bei Ravensburg ohne nennenswertes Nachtleben, bekam Streibel seine Abhängigkeit in den Griff. Dort war er erstaunt, auf bekannte Gesichter zu stoßen. „In meiner Zeit in der Einrichtungen waren auch zwei andere Türsteher aus Stuttgart dort,“ sagt Streibel. Namen nennt er natürlich keine. Aber vielleicht ist es bezeichnend, dass der Job an der Tür einige der großen Kerle offenbar doch stärker verschleißt, als sie für gewöhnlich nach außen vermitteln.
„Ich war auch körperlich am Ende“, sagt Streibel – Ärzte hätten einen Körperfettanteil von 44 Prozent gemessen, manche haben ihm prognostiziert, dass er vielleicht noch fünf bis sieben Jahre zu leben hätte, wenn er so weitermache. Für Streibel genug Gründe, das Leben umzustellen: Statt Kokain, Kokain und noch mehr Kokain zählen jetzt Sport, Eisbaden und Yoga zu seinen Freizeitaktivitäten.
Beim KISS Stuttgart, einer Selbsthilfe-Kontaktstelle, hat Streibel außerdem zwei Selbsthilfegruppen gegründet. Er will anderen helfen, ihre Sucht nachhaltig zu bekämpfen, empfiehlt auch alternative Behandlungsmethoden. Zum Beispiel tDCS-Geräte und Neurofeedback, die Hirnströme beeinflussen und therapeutisch Anwendung beim Tagwerk Stuttgart finden, was ihm selbst geholfen habe. „Außerdem setze ich mich für Tierschutz ein“, sagt Streibel.
Solange die Insolvenz noch läuft, backt er deutlich kleinere Brötchen, verdient an der Tür eines Stuttgarter Stripclubs seinen Lebensunterhalt, stottert Schulden ab. „Andere Klientel, weniger Stress als in Läden mit viel Laufkundschaft“, sagt Streibel darüber. Andere Aufträge vermittle er an befreundete Sicherheitsfirmen weiter. „Das hält mir die Tür offen, meine Firma nach der Insolvenz möglicherweise neu zu gründen.“ Von den erfolgreichen Stuttguard-Tagen zeugen heute noch Tätowierungen: Streibel hat sich für jede Tür, an der er länger Stand, eins stechen lassen.
„Als Türsteher bist du derjenige, der für den ersten und letzten Eindruck verantwortlich ist“, sagt Peter Streibel über den Job. Der letzte Eindruck, auf sein Wirken in Stuttgart übertragen, das soll ein anderer sein als der Absturz. Das letzte Wörtchen ist noch nicht gesprochen.