Stuttgarter Waldorfschule Was über die Misshandlungen auf der Uhlandshöhe bekannt ist

Ein Lehrer der Waldorfschule auf der Stuttgarter Uhlandshöhe hat Kinder misshandelt – warum blieb das so lange unbemerkt? Foto: Achim Zweygarth/(Archiv)

Ein Lehrer, der Kinder misshandelt – und niemand, der etwas mitkriegt: Ein lange zurückliegender Fall an der Stuttgarter Uhlandshöhe schlägt Wellen – und wirft Fragen auf.

Region: Verena Mayer (ena)

Ein Lehrer an der Waldorfschule Uhlandshöhe misshandelt monatelang Schüler. Er packt sie, schlägt sie, stellt sie bloß – und keiner will etwas gesehen oder bemerkt haben. Wie kann das sein? Antworten auf Fragen zu einem Fall, der lange zurück liegt – aber wieder aktuell wird.

 

Wie kann es sein, dass das Verhalten des Lehrers angeblich unbemerkt blieb?

Wie mit dem Strafverfahren vor dem Stuttgarter Amtsgericht öffentlich wurde, hat der Lehrer Schüler geschüttelt, getreten und so geschubst, dass sie hinfielen. Er hat sie gewürgt, geschlagen, teilweise vor dem Klassenraum. In einem Fall hat er einen Schüler sogar an den Haaren durchs Treppenhaus geschleift. Das zumindest sagten drei seiner ehemaligen Erstklässler vor Gericht, das den Lehrer schließlich zu einer Freiheitsstraße von 22 Monaten verurteilte, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Die Schulleitung jedoch versichert, über diese Art der Misshandlungen nichts gewusst zu haben. Derlei Vorwürfe habe damals niemand erhoben. Christoph Kühl, der zur Schulleitung gehört, zweifelt die Aussagen der Kinder vor Gericht nicht an, aber er sagt: „Wir hatten definitiv davon keine Kenntnis.“

Hätte die Schule schneller reagieren können?

Aus Sicht der Schule hat man schnell reagiert. Eigenen Angaben zufolge hat die Schulleitung erstmals im Herbst 2011 vom Vorwurf der Misshandlung erfahren. Frühere Kritik an dem Lehrer habe sich auf dessen schlechten Kommunikationsstil bezogen. Er soll rechthaberisch und teilweise sehr laut gewesen sein. Das Thema Gewalt jedoch habe bis dahin keine Rolle gespielt. Als sich die Vorwürfe mehrten, durfte der Lehrer nur noch in Begleitung eines Kollegen unterrichten. Drei Wochen später wurde er freigestellt, weil sich der Verdacht nicht ausräumen ließ. Im Juni 2012 kündigte ihm die Schule schließlich, weil sich der Pädagoge weigerte, eine Therapie zu machen. Dabei hätte er lernen sollen, sich besser im Griff zu haben.

Hätte die Schulärztin nichts bemerken können?

Die Uhlandshöhe hat eine eigene Schulärztin mit voller Stelle. Die Schule ist stolz darauf. Mindestens einer der Schüler, der von dem Lehrer misshandelt wurde, zog sich zeitweise fast täglich ins Krankenzimmer zurück – um sich so den Angriffen des Lehrers zu entziehen. Nachdem die Probleme mit dem Lehrer offenbar geworden waren, habe es auch Gespräche mit der Schulärztin gegeben, sagt Christoph Kühl. „Die damals gemachten Vorwürfe des Anbrüllens und Schüttelns waren jedoch nicht so beschaffen, dass man sie hätte medizinisch bemerken können.“ Und dass Kinder morgens ins Arztzimmer kommen und über Bauchweh klagen, sei nicht ungewöhnlich und hänge nicht zwangsläufig mit solch dramatischen Vorfällen zusammen.

Warum hat die Schule den Vorfall so spät der Schulaufsicht gemeldet?

Schwerwiegende dienstliche und außerdienstliche Verfehlungen eines Lehrers müssen der Schulaufsicht gemeldet werden, und zwar „zeitnah“. Das gilt auch für so genannte Ersatzschulen wie es die Waldorfschule eine ist. Doch die Uhlandshöhe hat das zuständige Regierungspräsidium erst im Februar 2016 über die Verfehlungen informiert – als die Anzeige gegen den Lehrer vorlag. „Wir waren erst mal beschäftigt zu klären, ob es überhaupt einen Vorfall gab“, erklärt Christoph Kühl. Man habe dies zwar für „immer wahrscheinlicher“ gehalten, aber nichts beweisen können. Dies war auch ein Problem vor dem Arbeitsgericht, vor dem der Lehrer gegen seine Kündigung klagte. Weil es keine Beweise gab und die Schule, wie sie sagt, Kindern eine Aussage ersparen wollte, kam es schließlich zur Trennung in gegenseitigem Einvernehmen. Der Lehrer bekam dadurch neben einem Zeugnis auch noch eine Abfindung.

Warum dauert es so lange bis zum Urteil?

Die Misshandlungen begannen im Herbst 2009, als der Lehrer die betroffene erste Klasse übernahm, und endeten mit seiner Freistellung knapp zwei Jahre später. Die erste Verhandlung vor dem Amtsgericht fand im Dezember 2020 statt, also elf Jahre später. Einer der Gründe für diesen Zwischenraum: Der Junge, dessen Aussage die juristische Aufarbeitung in Gang setzte, erstattete erst im Herbst 2015 Anzeige. Bis dahin, sagt seine Mutter, habe er nicht darüber reden können, was ihm passiert ist. Doch weil die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe damals als nicht ausreichend fundiert bewertete, stellte sie das Verfahren im Herbst 2018 ein. Erst nach einer Beschwerde wurde es wieder aufgenommen – und im Dezember 2020 kam es zum Prozess. Rechtskräftig ist das Urteil allerdings noch nicht, da beide Seiten Berufung eingelegt haben. Der Termin für die Verhandlung vor dem Landgericht steht noch nicht fest.

Begünstigt die Organisation der Waldorfschule Vertuschung?

Im Gegensatz zu staatlichen Schulen müssen Eltern an einer Ersatzschule strittige Fragen in der Regel mit der Schule ausmachen. An den Waldorfschulen gibt es dafür den Vertrauenskreis oder – auf Bundesebene – eine Schlichtungsstelle. Für den Waldorf-kritischen Blogger Oliver Rautenberg liegt in dieser selbstverwalteten Struktur die Gefahr, „dass vieles unter den Teppich gekehrt wird“. Rautenberg weiß von vielen Fällen, in denen Eltern gewissermaßen gegen Windmühlen kämpften und von den Gremien der jeweiligen Schule abgeblockt wurden. Im Zweifel, sagt er, stören diese Eltern den Schulfrieden – und werden gekündigt oder dazu gebracht zu kündigen. Für Nele Auschra vom Bund der Freien Waldorfschulen ist diese Kritik „absurd“. Vielmehr führe die Organisationsform der Waldorfschulen zu einem hohem Maß an Durchlässigkeit, Teilhabe und Meinungsaustausch.

Grundsätzlich können sich Eltern oder Schüler bei Problemen auch an die Schulaufsichtsbehörde wenden. Doch wegen der gewollten größeren Staatsferne sind die Einflussmöglichkeiten dieser staatlichen Behörde geringer. „Auch darüber müssen sich Eltern im Klaren sein, wenn sie sich für eine Privatschule entscheiden“, formuliert dezidiert das Regierungspräsidium.

Wie hat die Schulaufsicht reagiert?

Bei aller Unabhängigkeit – ein rechtsfreier Raum ist eine Privatschule nicht. Die Ersatzschulen müssen schwerwiegende dienstliche und außerdienstliche Verfehlungen des Leiters und der Lehrkräfte deshalb der oberen Schulaufsichtsbehörde schriftlich mitteilen, damit entsprechende Konsequenzen gezogen werden können. Dass die Uhlandshöhe das RP erst im Februar 2016, also mehr als vier Jahre später, informiert hat, blieb ohne Konsequenzen. Wohl auch deshalb, weil ihr Umgang mit der Situation damals „nicht zu beanstanden war“. Allgemein gilt: Kommen Ersatzschulen dauerhaft ihrer Meldepflicht nicht nach, wird geprüft, ob die persönliche Zuverlässigkeit noch gegeben ist.

Was hat die Uhlandshöhe für die Betroffenen getan?

Die Schulleitung hat sich entschuldigt und den Schülern und Eltern Hilfsangebote gemacht. Nach Angaben von Christoph Kühl hat sich dafür jedoch kein Schüler oder Elternteil an die Schule gewandt. In einem internen Schreiben der Schule an die Schulgemeinschaft vom Dezember erneuert Christoph Kühl im Namen der Schulführung dieses Angebot. „Wir entschuldigen uns bei den betroffenen Schülern. Sollten wir sie unterstützen können, wären wir froh, wenn sie sich uns gegenüber offenbaren würden.“

Was hat Jan Böhmermann mit dem Fall zu tun?

Der Unterhaltungskünstler verpasst den Geschehnissen auf der Uhlandshöhe zumindest indirekt zusätzliche Brisanz. Böhmermann hatte im „ZDF Magazin Royale“ vom 19. November kritisch das Prinzip Waldorfschule und ihre Pädagogik auseinandergenommen. Die Sendung provozierte viele Reaktionen, im Gespräch mit unserer Zeitung äußerte sich unter anderem die Stuttgarter Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle, selbst einst ehemalige Waldorfschülerin und später Mitglied im Kuratorium auf der Uhlandshöhe. Auch Kienzles Tochter besuchte die Uhlandshöhenschule und habe dort, so Kienzle, „vom ersten bis zum letzten Tag eine gute und glückliche Schulzeit“ gehabt.

Brisant erscheint dies deshalb, weil Kienzles Tochter dort auch Schülerin des verurteilten Lehrers gewesen ist. Allerdings besuchte das Mädchen die Schule in einem Zeitraum, bevor der Lehrer die Klasse übernahm, in der er Kinder misshandelt haben soll. Doch schon damals gab es Probleme mit dem Mann, weil er, wie eine Zeugin vor Gericht sagte, „permanent sehr laut rumgeschrien“ habe, ungerecht sei und den Kindern „näher komme als man möchte“.

Veronika Kienzle sagt, dass sie selbst damals „keinen direkten Kontakt oder Konflikt“ mit dem Lehrer gehabt habe. Dennoch habe sie, als 2007/2008 die Kritik an cholerischen Wutausbrüchen des Lehrers in den Elternabenden konkreter wurde, die Sprechstunde der Schulleitung aufgesucht und darum gebeten, sich mit den Vorwürfen gegen den Lehrer zu befassen. Einige Eltern dieser Klasse hatten zudem per Unterschriftenliste gemahnt, dem Lehrer keine erste Klasse anzuvertrauen. Ohne Erfolg, wie man heute weiß.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Stuttgart Waldorfschule Gericht