Stuttgarterin berichtet Für Hausgeburt entschieden – „Ich war so stolz auf mich“

Hebamme Hannah Hien (links) kümmert sich auch nach der Geburt um Jana Jesse und ihre Tochter. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Nur zwei Prozent der werdenden Mütter in Deutschland entscheiden sich für eine außerklinische Geburt. Eine Mutter und eine Hebamme berichten, wie eine Hausgeburt sicher ablaufen kann.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Carolin Klinger (klic)

Wenn Jana Jesse darüber spricht, dass sie eine Hausgeburt hatte, erntet sie oft die Reaktion: „Das ist aber mutig!“ Darüber wundert sie sich, denn: „Es klingt für mich, als hätte ich fahrlässig gehandelt.“ Dabei hatte sich die 34-jährige genau überlegt, was ihr bei der Geburt ihres zweiten Babys wichtig ist. „Sicherheit“ hatte sie sich sowohl bei ihrer ersten, als auch bei der zweiten Schwangerschaft gewünscht, jedoch festgestellt, dass sich ihre Einstellung geändert hatte, was ihr dieses Gefühl vermittelt.

 

Während bei ihrer ersten Geburt noch die medizinische Versorgung in einer Klinik für ein gutes Gefühl sorgte, schoben sich nun noch andere Aspekte in den Vordergrund. „Ich habe bemerkt, dass es mir Sicherheit gibt, wenn eine mir bekannte Hebamme bei der Geburt dabei ist, die auch mich und meine Wünsche und Vorstellungen genau kennt. Und die wirklich da ist und nicht zum Schichtwechsel gehen muss“, sagt die Stuttgarterin.

Keine schlechten Erfahrungen in der Klinik

Bei der Geburt ihres Sohnes in der Filderklinik hatte sie durchaus keine schlechten Erfahrungen gemacht. Doch dass die zuständigen Hebammen zwar immer wieder nach ihr schauten, sich dann aber wieder anderen Patientinnen widmen mussten – überhaupt die ganze Atmosphäre eines Krankenhauses – hinderten sie daran, sich fallenzulassen: „Irgendwann war ich gar nicht mehr wirklich bei mir und habe nicht mehr richtig geatmet.“

Obwohl sie die Geburt ihres Sohnes trotzdem positiv in Erinnerung hat, kam der Wunsch nach einem anderen Weg vor der Niederkunft ihres zweiten Kindes auf. Da Jana Jesse das Geburtshaus in Stuttgart schon von Vorbereitungskursen gut kannte, wollte sie ihr Baby dort zur Welt bringen, denn sie vertraute den Hebammen aus vollem Herzen. Als es so weit war, lief es doch anders als geplant, denn bei ihrem zweiten Kind ging alles viel schneller. Zwar wäre es möglich gewesen, in das Geburtshaus zu fahren – doch Jana Jesse fühlte sich plötzlich eher danach, im vertrauten Umfeld zu bleiben. Also kamen die zwei Hebammen zu ihr nach Hause.

Zwei Prozent der Frauen entscheiden sich für außerklinische Geburt

Im Geburtshaus Stuttgart ist die Atmosphäre angenehm und entspannt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Zu einer Überleitung in eine Klinik in Ruhe und in Begleitung der betreuenden Hebamme kam es in 16,7 Prozent der Fälle. 0,9 Prozent der Frauen wurden in Eile in die klinische Versorgung übergeleitet. Keine der Mütter ist diesem Bericht zufolge im Zusammenhang mit Schwangerschaft, Geburt oder bis zu 42 Tage danach verstorben. Von 1000 Kindern ist ein Kind dokumentiert, das vor, während oder innerhalb von sieben Tagen nach der Geburt gestorben ist. Die QUAG kommt zu dem Ergebnis, dass die außerklinische hebammenbegleitete Geburtshilfe unter bestimmten Voraussetzungen sicher ist. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe spricht sich dennoch dagegen aus und hält die medizinische Versorgung in Kliniken für ausschlaggebend.

Betreuung bei der außerklinische Geburt großer Vorteil

Hannah Hien, die zuvor als Beleghebamme in einer Klinik arbeitete und daher beide Arbeitsweisen kennt, sieht in der engen Betreuung zwischen Hebamme und Mutter schon während der Schwangerschaft den großen Vorteil einer außerklinischen Geburt: „Für eine sichere Geburtshilfe finde ich ein Vertrauensverhältnis zwischen Hebamme und gebärender Mutter ganz elementar.“ Außerdem werde durch die 1:1-Betreuung des Paares statistisch gesehen weniger in den natürlichen Geburtsverlauf eingegriffen.  

Allerdings ist die außerklinische Geburt nicht für jede werdende Mutter möglich; es gibt strenge Ausschlusskriterien. So müssen Mutter und Baby gesund sein und es darf im Falle einer vorangegangenen Geburt keine Komplikationen gegeben haben. Während der Schwangerschaft können ebenfalls Veränderungen auftreten, die die Niederkunft in einer Klinik erforderlich machen. Die Wohnsituation spielt ebenfalls eine Rolle: für den Fall einer Verlegung während der Geburt muss die Mutter schnell in eine Klinik gebracht werden können.

Paare werden von den Hebammen gut aufgeklärt

„Wir klären die Paare genau darüber auf, welche Situationen zu einer Verlegung führen können und wie das ablaufen würde“, sagt Hannah Hien. Ihr sei es wichtig, dass das Paar wisse, worauf es sich einlasse. Meistens sei der Grund für eine Verlegung der Wunsch nach Schmerzmitteln oder weil die Geburt ins Stocken gerät. „Das sind Situationen, in denen für Mutter und Kind keine Gefahr besteht“, sagt die Hebamme. Durch die enge Betreuung erkenne sie rechtzeitig die Signale von Mutter oder Baby, die einen Wechsel in die Klinik erforderlich machten. „Wir würden nie etwas riskieren, was die Gesundheit von Mutter und Baby gefährdet“, betont sie. Auch für den Notfall sind sie geschult und ausgerüstet – mit Notfallmedikamenten, Sauerstoff für eine Reanimation oder Beatmungsbeuteln für Neugeborene.

Hannah Hien will niemanden zu einer außerklinischen Geburt überreden – „doch ich will darüber aufklären, dass es in Deutschland die freie Wahl des Geburtsortes gibt. Und wenn die außerklinische Geburt nicht sicher wäre, würde es sie nicht mehr geben.“

Hebammen hatten für schöne Stimmung gesorgt

Jana Jesse kann ebenfalls jeden verstehen, der lieber in einer Klinik gebären möchte. Doch sie freut sich über ihre schöne Erfahrung in den eigenen vier Wänden. Ihre begleitenden Hebammen hatten sie während der Geburt ermutigt, sie wertschätzend behandelt, ernst genommen und sich an ihren Bedürfnissen orientiert. „Ich war so stolz auf mich“, erinnert sie sich. Die Hebammen hatten für eine schöne Stimmung gesorgt – auch hinterher, als sie dem Paar Zeit gaben, ihr Baby kennenzulernen. „Wir haben gehört, wie sie sich fröhlich in der Küche unterhalten und Pizza gegessen haben. Das war so entspannt.“ Als am Morgen danach ihr Sohn nichts ahnend erwachte, war die kleine Schwester einfach schon da.

Dokumentation der außerklinischen Geburtshilfe
Im Qualitätsbericht der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe e. V. (QUAG) werden jährlich die Ergebnisse der bundesweiten Untersuchung über Geburten zu Hause und in von Hebammen geleiteten Einrichtungen veröffentlicht. Seit 2015 sind alle Hebammen, die Hausgeburten betreuen, verpflichtet, an der Perinatalerhebung von QUAG teilzunehmen. Die Erhebung von Geburtshäusern erfolgt auf freiwilliger Basis.

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