Stuttgarterin erzählt über offene Beziehung „Andere Leute gehen tanzen, wir hatten halt Gruppensex“

Lange Gespräche gehören zur offenen Beziehung dazu: Was ist erlaubt, was nicht? Foto: imago/Panthermedia

In den Swingerclub mit dem Freund, Sex mit verschiedenen Partnern: Sarah führt jahrelang eine offene Beziehung. Was die Stuttgarterin dabei erlebt und welche Rolle Eifersucht gespielt hat.

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

Sarah* legt ihren Mantel ab und setzt sich auf eine gepolsterte Bank in einem Stuttgarter Lokal. Sie schiebt einen Zettel auf den Tisch. Darauf hat sie sich die Mittzwanzigerin Notizen gemacht, worauf es bei einer offenen Beziehung ankommt, also einer Beziehung, bei der man auch mit Menschen außerhalb der Partnerschaft Sex hat. Für die Stuttgarterin – dunkelblond, mittelgroß, mit Brille und in Wollpulli – ist es das beste Beziehungsmodell, etwa fünf Jahre hat sie es gelebt. Es sei eines, das dazu führt, dass man sich selbst und den Partner besser kennenlernt. Aber auch eines, das viele Regeln braucht und bei dem man trotzdem nicht immer ohne Verletzungen und Eifersucht auskommt, sagt Sarah. Hier spricht sie über ihre Erfahrungen, ihr Name und einzelne biografische Details sind auf ihren Wunsch geändert.

 

Sie will keine monogame Beziehung mehr

Immer mehr Menschen entscheiden sich für eine offene Beziehung. Fast die Hälfte der Menschen zwischen 18 und 29 Jahren glaubt laut einer repräsentativen Umfrage des Partnerportals Elitepartner, dass offene Beziehungen in Zukunft häufiger werden, immerhin 10 Prozent der Frauen und 19 Prozent der Männer in dem Alter haben demnach schon einmal eine offene Beziehung geführt. Laut der Forschung sind weder Menschen in monogamen noch in offenen Beziehungen dezidiert glücklicher. Für Sarah dagegen ist klar: Sie will keine monogame Beziehung mehr führen. Da würde sie sich eingeschränkt fühlen.

Sarah wächst in der Nähe von Ludwigsburg in einem Dorf auf, sie beschreibt ihre Familie als liebevoll. Aber Berührungspunkte zu freier Liebe gibt es keine. In der Schulzeit bemerkt sie, dass sie neben Jungs auch Mädchen gut findet. In einer Beziehung in der Teenagerzeit mit einem Jungen hat sie auch die Erlaubnis, mit anderen Mädchen rumzuknutschen. Ein erster Gehversuch in Sachen offene Beziehung.

Es geht nur um Sex, Verlieben ist tabu

Als sie mit 21 mit ihrem langjährigen Freund zusammenkommt, ahnt sie wahrscheinlich noch nicht, dass sie sich später mit anderen Paaren zum Sex verabreden, in Swingerclubs gehen werden. Am Anfang der Beziehung ist Intimität nur den beiden zusammen vorbehalten, Mann, Frau, monogam, das am weitesten verbreitete Beziehungsmodell. Dann geht Sarahs Freund für sechs Monate ins Ausland. Eine Zeit, in der ihnen die körperliche Nähe aber fehlt. Sie entscheiden sich für eine offene Beziehung. „Es war furchtbar anstrengend“, sagt Sarah.

Sie verbringen viel Zeit damit, die Grenzen abzustecken: Man darf sich jeweils nur ein Mal mit einer Person treffen. Es geht nur um Sex, Verlieben ist tabu, Sarah und ihr Freund bleiben die primären Beziehungspersonen füreinander. Übernachtet wird bei anderen nur, wenn es unbedingt sein muss. Freunde sind für diese Treffen ausgeschlossen. Kein Sex ohne Kondom. Bei jedem Gespräch kommen neue Regeln dazu. Die Gespräche seien mühsam, aber nötig gewesen, um ein stabiles Miteinander zu schaffen, sagt Sarah.

Wie umgehen mit der Eifersucht?

Natürlich ist Eifersucht ein Thema. Sarah und ihr Freund arbeiten für sich heraus: Wann handelt es sich eigentlich um Neid, weil der Partner gerade ein Date nach dem anderen hat, man selbst aber nicht. Und was ist echte Eifersucht, weil man sich zurückgewiesen fühlt?

Einmal trifft sich Sarahs Freund mit einer Frau. Sarah weiß wenig darüber, was zwischen den beiden passiert. Ein Gedankenkarussell beginnt: Findet er sie besser als mich? Sie entscheidet sich, das offen anzusprechen, die Eifersucht, und dass es für sie wichtig ist zu wissen, was er macht. Noch so eine Regel: Auf Fragen zu den Treffen muss man ehrliche Antworten geben. Nachdem sie offen darüber geredet hätten, sei die Eifersucht kein Thema mehr gewesen, sagt Sarah. Eine Schule der Kommunikation nennt Sarah deswegen offene Beziehungen auch. Was einen beschäftigt, solle man sofort und klar ansprechen, sagt Sarah.

Ein weiteres Beispiel: Nach einem Date hat Sarah Schmetterlinge im Bauch, ein Regelbruch. Erst fällt es Sarah schwer, ihrem Freund davon zu erzählen. Als sie es dann tut, habe er geantwortet: „Es ist gut, dass du es gesagt hast“, erzählt Sarah. Er habe auch nachgefragt, warum das bei diesem Date der Fall gewesen sei und bei anderen nicht. „Nach dem Punkt hatte ich das Gefühl, ich kann ihm alles sagen“, sagt Sarah.

Sie treffen sich mit anderen Paaren

Als der Auslandsaufenthalt von Sarahs Freund endet, endet erst einmal auch das Kapitel der offenen Beziehung. Es habe gut getan, sich wieder nur auf ihren Freund zu konzentrieren, sagt Sarah. Aber bald beginnen sie etwas Neues: Sie melden sich auf Joyclub an, einer Kontaktbörse für sexuelle Abenteuer, und suchen nach anderen Paaren für Sex mit mehr als nur zwei Personen. Bald kommt es zu den ersten Treffen.

Diese Abende dauerten sehr lange, sagt Sarah. Man müsse abchecken, ob man sich sympathisch und der Umgang respektvoll ist. Eine Red Flag, also ein Ausschlussgrund, sei für sie etwa, „wenn ich merke, dass eine Person von der anderen sehr stark überredet wird“, sagt Sarah. Sie habe das sowohl bei Männern als auch bei Frauen erlebt.

Für sie war außerdem wichtig, dass sich die Frau auch für sie interessiert, diesen Teil ihrer Sexualität kann sie damals nur bei diesen Treffen ausleben. Einer der großen Vorteile der offenen Beziehung: Ein Partner muss nicht alle sexuellen Bedürfnisse erfüllen.

Vieles hätten sie im Vorfeld als Paar abgesprochen, etwa: Geschlechtsverkehr mit oder ohne Partnertausch, ist küssen okay? „Man agiert als Team und ist dabei im Spannungsfeld zwischen eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen des Freundes. Und alles muss im Einklang mit der Beziehung sein“, sagt Sarah.

Sarah mag die Atmosphäre im Swingerclub

In dieser Zeit gehen Sarah und ihr Freund auch erstmals in einen Swingerclub im Westen Baden-Württembergs. Etwa fünf bis zehn Mal gehen sie in ähnlichen Clubs. Es sei ihr dabei weniger um Sex gegangen, sagt Sarah. Sie habe sich dort wohlgefühlt, die Atmosphäre geschätzt. Die Menschen seien verständnisvoll, offen und würden einen niemals bewerten. „Man wird viel weniger komisch angemacht als in jedem regulären Club“, sagt Sarah. Sie und ihr Freund nutzen die Besuche vor allem, um weitere Paare für Vierer-Sex-Dates kennenzulernen. Die offene Beziehung ist da längst zum zeitintensiven Hobby geworden. „Andere Leute gehen mit ihrem Partner tanzen, wir hatten halt Gruppensex“, sagt Sarah.

Durch den intensiven Austausch habe die Beziehung noch mehr Tiefgang bekommen, sie hätten sich zu 100 Prozent vertraut, sagt Sarah. In einer Beziehung, in der fast alles erlaubt ist, solange man darüber spricht, könne man sich schließlich auch kaum betrügen. Seit etwa einem Jahr sind sie nicht mehr zusammen, die offene Beziehung habe dabei aber keine Rolle gespielt, sagt Sarah.

Was würde Sarah anderen empfehlen, die auch eine offene Beziehung eingehen wollen? „Die Beziehung muss gefestigt sein“, sagt sie. „Wie ein Baum, der erst feste Wurzeln braucht“, sagt sie. Deswegen würde sie es nicht am Anfang einer Beziehung machen. Man solle die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und dem Partner oder der Partnerin mitteilen, sagt Sarah. „Nicht jeder soll mit jedem was haben. Aber wenn das Bedürfnis da ist, sollte man darüber reden“, sagt Sarah.

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