Fürs Foto soll die Jacke offen sein, damit der cremeweiße Pulli zu sehen ist. Sonst wäre alles – Jacke schwarz, Hose schwarz – ein bisschen sehr schwarz. „Schon die Professoren haben uns im Architektur-Studium beigebracht, uns in Schwarz zu kleiden“, sagt Caroline Thaler, während sie den Reißverschluss ihrer Jacke öffnet. „Bevor ich angefangen habe zu studieren, hatte ich kein einziges schwarzes Stück im Schrank.“
Anderes hingegen sei überhaupt kein Thema an der Uni gewesen, sagt die 29-jährige Kölnerin, die letztlich durch ihren Vater, einem Bauleiter, zum Architekturstudium kam, das sie nach Aachen verschlug: Nämlich die Verantwortung, die die Branche für die Umwelt, das Klima, die Zukunft habe. Schließlich verursachen der Bausektor und der Betrieb von Gebäuden etwa 40 Prozent der Treibhausgasemissionen und 55 Prozent des Müllaufkommens.
Sieben Forderungen für die Bauwende
Während sie an ihrer Masterarbeit saß, habe sie dann aber zusammen mit ein paar anderen Studierenden eine Konferenz zum Thema Bauwende besucht. Diese sei sehr spannend gewesen, dennoch hätten sie hinterher die dort vortragende Professorin gefragt, was sie mit diesem Wissen nun anfangen sollten. Die Antwort sei erstaunlich gewesen: „Gründen Sie doch Architects For Future“.
„Es gab damals bereits die Fridays For Future-Bewegung – und auch Ableger wie etwa die Parents For Future“, sagt Thaler. Und dann – von 2019 an – eben auch die Architects For Future. Die Handvoll an Gründerinnen und Gründer setzten sich zusammen und formulierten sieben Forderungen für eine Bauwende. Diese wurden ganz aktuell überarbeitet und ergänzt – inzwischen sind es zehn Forderungen, darunter „Überdenkt Bedarfe“, „Beschleunigt die Energiewende“, „Entwerft zukunftsfähige Qualität“, „Stärkt die Klimaresilienz“ oder „Erhaltet und schafft Raum für Biodiversität“.
Die Überarbeitung habe fast zwei Jahre gedauert – dennoch hätten viele Forderungen über die Jahre ihre Berechtigung beibehalten – oder seien gar noch wichtiger geworden. So etwa die, Abriss kritisch zu hinterfragen. „Wir müssen dringend lernen, mit dem Bestand besser umzugehen, denn im Altbau steckt schon so viel Energie“, sagt Thaler.
Ihre Hoffnung ist, dass – da jeder irgendwo wohnt – sich „nicht nur die Fachblase angesprochen fühlt, denn das Thema geht alle an“. So müssten vor allem auch Bauherren und Gemeinden umdenken. Diese dazu zu bekommen, sieht sie auch als ihre Aufgabe – sowohl als Architektin als auch als Mitglied von Architects For Future.
Wer also denkt, Thaler will die Architekturbranche raushalten und schützen, liegt falsch. Ganz im Gegenteil. Die 29-Jährige nimmt kein Blatt vor den Mund. „Ich bin der Meinung, dass meine Branche wahnsinnig hinterher ist.“ Das sei vor allem in Sachen Umwelt so: „Es gibt sehr viel Forschung, was wir besser machen könnten und wie wir nachhaltiger bauen könnten, doch es passiert nicht viel“, sagt Thaler.
„Wir müssen alle lernen“
Stößt sie aber nicht ständig selbst an Grenzen? Schließlich lebt sie seit drei Jahren in Stuttgart und arbeitet sie als angestellte Architektin bei Lohrmann Architekten – und muss sich freilich auch mit den Wünschen ihrer Kunden auseinandersetzen. Thaler lächelt und nickt. „Doch, schon. Aber man darf nicht nach dem Prinzip ‚ganz oder gar nicht’ vorgehen – jeder Schritt in die richtige Richtung ist wichtig.“
So sieht sie es als ihre Aufgabe, Bauherren auf die Thematik aufmerksam zu machen, sagt die Architektin, die froh ist, in einem für diese Themen offenen Büro zu arbeiten. Für sie sei es dann etwa ein kleiner Erfolg, wenn sie bei einem Auftrag, bei dem sie mit Stahlbeton arbeiten soll, auf recycelten Beton zurückgreifen kann. Oder wenn sie ein Wärmedämmsystem verwenden kann, das nicht verklebt, sondern geschraubt ist – bei einem späteren Abriss des Gebäudes können die Materialien der einzelnen Schichten so wieder in den Rohstoffkreislauf zurückgeführt werden.
Auch wenn sie einen Stampflehmboden statt Estrich einbauen lassen kann, betrachtet sie das als einen Schritt in die richtige Richtung. Oder wenn sie einen Holzaufzugskern einbauen lässt, statt einem aus Beton. Oder wenn sie Glasschaumschotter, der überwiegend aus recyceltem Altglas besteht, statt XPS-Dämmung aus dem Kunststoff Polystyrol verwendet– und dann auch mal der Handwerker lernen muss, wie man das verlegen muss. „Wir alle müssen lernen“, sagt Thaler.
Den größten Motivator für die Bauwende sieht sie jedoch in der Gesellschaft. Denn diese hat die Themen Umwelt und Klima längst zu Prioritäten erhoben. Auch deshalb hat die Vereinigung inzwischen rund 2000 Mitglieder (viele davon – aber nicht alle – aus der Baubranche) und 35 Ortsgruppen, die mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit hauptsächlich drei Schwerpunkte verfolgen: Öffentlichkeitsarbeit, Netzwerken und Wissensvermittlung. Zu den größten Erfolgen der Architects For Future zählt eine Petition zur Bauwende, die die Marke von 50 000 Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern überschritt und deshalb im Petitionsausschuss des Bundestages behandelt wurde.
Um die Arbeit, die durch die Aktualität und Dringlichkeit des Themas anfällt, noch bewältigen zu können, hat Architects For Future im Oktober 2022 über eine Crowdfunding-Aktion eine feste Stelle geschaffen. „Mein kurzfristiger Wunsch wäre, dass wir das Ehrenamt durch viel mehr Hauptamt unterstützen“, sagt Thaler. Langfristig hoffe sie, dass „wir nicht mehr existieren müssen“. Doch bis dahin ist es wohl noch ein langer Weg. „Die Bauwirtschaft hat viel verschuldet, aber dadurch hat sie auch viele Hebel, an denen sie drehen kann, um es besser zu machen. Wir werden als Player akzeptiert und gefragt“, sagt Thaler und zieht den Reißverschluss ihrer Jacke zu. Schwarz kleidet sich, wer seinen Kopf für Wichtigeres braucht.