Stuttgarter:innen erzählen Ist man mit Ende 20 zu alt für ein neues Hobby?

Neue Hobbys wie Töpfern auszuprobieren fühlt sich mit Ende 20 oft ‚zu spät’ an. Doch woher kommt dieses Gefühl? Foto: Imago/Zoonar

Gitarre lernen, Salsa tanzen, mit dem Malen anfangen – mit Ende 20 fühlen wir uns dafür oft schon zu alt. Warum eigentlich? Die Neurowissenschaft hat überraschende Antworten.

Rund eineinhalb Jahre ist es her, schätzt Robin Kleemann (28), dass er von seinen Eltern einen Gutschein erhielt. Der Inhalt: ein Kurs im Werkstatthaus im Stuttgarter Osten. Das Angebot der Einrichtung an der Lessinghöhe reicht von der Bildhauerei über Keramik und Modedesign bis hin zur Fotografie. Kleemann hatte das Angebot schon länger ins Auge gefasst und sich den Gutschein deshalb explizit gewünscht.

 

Und doch wurde aus dem Plan erst einmal nichts. Monat um Monat verstrich, während der Gutschein unangetastet liegen blieb. Erst vor einigen Wochen habe er sich dann tatsächlich zu einer Anmeldung für einen Bildhauerei-Kurs durchringen können, erzählt Kleemann.

Neues Hobby auf langer To-Do-Liste

Was Robin erlebt hat, kennt ihr bestimmt auch, oder? Wann habt ihr zuletzt ein neues Hobby angefangen? Mit Mitte/Ende 20 wird die To-Do-Liste immer länger. Zusätzlich zu großen Entscheidungen in Sachen Beruf und Beziehung gesellen sich dann noch die – mal mehr, mal weniger ambitionierten – Freizeitpläne. Endlich mal das Siebdrucken ausprobieren, Spanisch lernen, ins Bouldern einsteigen.

Doch die Realität sieht häufig anders aus. Zwischen dem Wunsch nach einem neuen Hobby und der Umsetzung davon klafft bei vielen Mitt- und Endzwanzigern eine Lücke. Gibt es dafür etwa neurowissenschaftliche Gründe?

Einstieg fällt oft schwer

„Im Kindes- und Jugendalter können Menschen neue Dinge besonders schnell erlernen“, sagt Sebastian Horn, Senior Researcher am Psychologischen Institut der Uni Zürich. Das werde später etwas schwieriger. „Die geistige Plastizität, neue Dinge zu lernen, verändert sich übers Erwachsenenalter allmählich.“

Sich damit abzufinden, kann Überwindung kosten. „Man fühlt sich am Anfang meist schlecht, weil man die neue Sache natürlich noch nicht auf Anhieb kann“, sagt Clara Neumann. Die 27-Jährige arbeitet in Stuttgart als Fotografin und Social-Media-Managerin. Parallel dazu hat sie das Angebot der hiesigen Volkshochschule (VHS) für sich entdeckt. Los ging es im vergangenen Jahr mit Italienischunterricht, dann folgte ein Schauspielkurs, später auch noch Burlesque-Tanz und bald womöglich Gesangsstunden. Angesichts dessen verwundert es nicht, dass Clara sagt: „Ich mag es, neue Sachen anzufangen.“ Und doch falle ihr der Start oft schwer.

Clara Neumann hat über die VHS in Stuttgart schon einige Hobbys ausproiert. Foto: privat

Lernfähigkeit bleibt, Selbstbewusstsein wächst

Gleichzeitig lässt sich die Medaille auch von der anderen Seite betrachten. Über die anfänglichen Rückschläge hinwegzukommen, sich in das neue Hobby reinzufuchsen – das kann mental Auftrieb geben. Zumindest laut Clara. „Ich habe das vor allem bei meinem Tanzkurs gemerkt“, sagt sie. „Da hatte ich richtig viel Energie danach und habe mich ein bisschen selbstbewusster gefühlt.“

Zumal die sich verändernde geistige Plastizität noch lange nicht bedeute, sich deshalb im Erwachsenenaltern gar kein neues Hobby mehr aneignen zu können, sagt Sebastian Horn. Im Gegenteil: „Die Forschung zeigt auch, dass unsere Fähigkeit, Neues zu lernen, grundsätzlich über die gesamte Lebensspanne erhalten bleibt.“

Die Rush Hour des Lebens

Allerdings sind es nicht (nur) mentale Gründe, die Mitt- und Endzwanziger von einem Hobby abhalten. „Eine deutlich gewichtigere Rolle dürfte die Ressourcenknappheit spielen“, erklärt Horn. Bedeutet: Hobbys kosten in der Regel Geld – und vor allem Zeit. Gerade zweitere ist mit Mitte/Ende 20 knapp. „Man kann hier von einer ‚Rush Hour des Lebens’ sprechen“, sagt Horn. „Studien- oder Ausbildungsabschluss, Berufseinstieg, Partnerschaft und oft auch Familiengründung beanspruchen in dieser Phase viel Zeit und Energie.“

Die hart erarbeitete Routine ist dann oft zu eng getaktet, um einen weiteren Punkt unterzubringen – so zumindest die These. Wobei Robin Kleemann hier in vielen Fällen eine Ausrede wittert. „Wenn man sich etwas wirklich vornimmt, dann findet man im Kalender auch einen Platz dafür“, sagt der 28-Jährige. Er selbst jedenfalls ist froh, sich letztlich zur Anmeldung im Werkstatthaus durchgerungen zu haben. In seinem Kurs lernte er das Schweißen und stellte ein Mobile her. Nun, nach dem Ende der sechs Termine, nutzt Kleemann die Räumlichkeiten des Werkstatthauses für eigene Projekte.

Leah und Ann-Kathrin in der Keramikwerkstatt im Werkstatthaus. Foto: privat

Hobbys um neue Leute kennenzulernen

Ann-Kathrin Schnelle ist dort sogar schon seit mehreren Jahren Stammgast. Die 29-Jährige verließ Stuttgart zwischenzeitlich für ein Studium in Schweden, zog dann aber wieder in ihre Heimatstadt. Zurück in Stuttgart, belegte sie im Werkstatthaus schnell eine ganze Reihe von Kursen. Das habe ihr geholfen, sozial anzukommen, erzählt sie. Sie schwärmt vom Zusammentreffen mit Leuten, „die ganz andere Sachen machen als ich und denen ich sonst nie begegnen würde“. So etwa eine Person über 60, mit der Ann-Kathrin inzwischen „total eng befreundet“ sei. „Das empfinde ich wirklich als bereichernd“, fügt sie hinzu.

Außerdem sieht Ann-Kathrin die Zeit im Werkstatt als Gegengewicht zu ihrem Job in der Bildungsforschung. „Durch ein Hobby hat man die Möglichkeit, dass man sich noch über etwas anderes definiert.“

Hier haben Leah und Ann-Kathrin ein XXL-Insektenhotel aus einem alten Beichtstuhl gebaut. Foto: privat

Von dieser Seite aus betrachtet, kann ein Hobby in der „Rush Hour des Lebens“ eben nicht nur Belastung, sondern auch ein wichtiger Ausgleich sein. Vorausgesetzt, der Einstieg ist einmal geschafft.

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