Stuttgarts „Lost Places“ Aufgeben ist keine Option
In Stuttgart lohnt es sich, verlorene Orte zurückzugewinnen, schreibt unser Kolumnist Peter Stolterfoht.
In Stuttgart lohnt es sich, verlorene Orte zurückzugewinnen, schreibt unser Kolumnist Peter Stolterfoht.
Stuttgart - Der Begriff „Lost Place“ ist ein Pseudoanglizismus und steht für einen verlassenen Ort, der im Englischen umgangssprachlich Off the Map heißt.
Unter Fotografen sind diese „Lost Places“ – ebenso umgangssprachlich – der heißeste Scheiß, was eine ganze Menge Bildbände nach sich zieht. Darin sind über Jahrzehnte unbewohnte ehemalige Luxushotels zu sehen, mit Moos überzogene Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg oder außer Betrieb stehende Fabriken, in denen Uraltmaschinen unter einer zentimeterdicken Staubschicht nur undeutlich zu erkennen sind. Die Lost-Places-Fotografen haben sogar einen Ehrenkodex, der es ihnen verbietet, den genauen Ort zu nennen. Auf dass die geheimnisumwitterte Ausstrahlung noch möglichst lang erhalten bleibt.
Stuttgart hat auch seine Lost Places. Bei einigen muss jedoch zwingend gegen den Ehrenkodex der sogenannten Urbexer (Stadterkunder) verstoßen und das Kind beim Namen und mit Anschrift genannt werden. Denn die Rettung vor dem Verfall kann zur Pflicht werden. Nehmen wir nur zwei alte Bekannte auf dem Hasenberg: die Hajek-Villa, die im 13. Winter ihres Leerstandes eine Ruine ist, oder das ehemalige Ausflugslokal Waldhaus, in dem die Umbaumaßnahmen nun auch schon verdächtig lang ruhen. Das hat so gar nichts Faszinierendes, sondern ist vor allem ärgerlich.
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Ein trauriges Bild in dieser Galerie geben auch die Tennisplätze in Sonnenberg ab, wo sich über viele Jahre Leuten, denen die Mitgliedschaft in einem Club zu teuer war, eine stundenweise Mietoption bot. Im Lauf der Zeit sind die Sandplätze zu Rasenplätzen geworden, die sich momentan zu Gestrüpp- und Baum-Spielfeldern weiterentwickeln. Von einem „Pumptrack“, der dort entstehen soll, ist die Rede. Wobei es sich dabei offenbar um ein Übungsgelände für Radfahrer handelt. Zu sehen ist davon aber nichts.
Dass es lohnenswert ist, wenn mehrere Bürger einen Lost Place für sich entdecken, das Potenzial erkennen und auch noch selbst beim Wecken aus dem Dornröschenschlaf helfen, zeigt sich unweit von Sonnenberg, gleich hinter dem Dornhaldenfriedhof. Dort wäre das Garnisonsschützenhaus demnächst in sich zusammengefallen, wenn sich nicht ein Verein zur Rettung dieses Juwels gegründet hätte. Eine Begegnungsstätte soll entstehen, bald beginnt die Renovierung. Die Geschichte des im Schweizerstil gebauten Hauses wird auch erforscht. Gute Arbeit.