Die B-27-Körschtalbrücke muss erneuert werden. Foto: Ferdinando Iannone/Lichtgut
Wassereintritte an den Fahrbahnübergängen, Betonschäden und Risse: Die 60 Jahre alte Brücke übers Körschtal bei Möhringen muss neu gebaut werden. Eine logistische Herausforderung, denn auf der B 27 passieren rund 50 000 Fahrzeuge täglich die Brücke.
Uli Nagel
05.11.2024 - 16:42 Uhr
Zahlreiche Brücken im Land haben mittlerweile ein Alter erreicht, in dem sie dringend erneuert werden müssen. Dazu gehört auch die B-27-Körschtalbrücke in Möhringen. Auch bei diesem 60 Jahre alten Bauwerk haben Experten rechnerische Tragfähigkeitsdefizite in Bezug auf die heutigen Bemessungsverfahren und einen schlussendlich kritischen Bauwerkszustand festgestellt.
Laut Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hat das Land den Ersatz von 31 sanierungsbedürftigen Brücken in der Baulast des Bundes in einem Auftrag in die Wege geleitet. Für die Planungen stehen rund 30 Millionen Euro zur Verfügung. Das Ministerium schätzt die Investitionskosten für die 31 Bauwerke auf aktuell rund 150 Millionen Euro. Allein die B-27-Körschtalbrücke, die laut Regierungspräsidium Stuttgart (RP) abgerissen und neu gebaut werden soll, schlägt nach ersten Schätzungen mit 23,2 Millionen Euro zu Buche. Einen genauen Zeitplan gibt es aber noch nicht.
Viel befahrene Körschtalbrücke
Das Bauwerk, auf dem täglich rund 50 000 Fahrzeuge unterwegs sind, wird entsprechend der DIN 1076 alle drei Jahre unter die Lupe genommen, wobei eine Hauptprüfung nur alle sechs Jahre stattfindet. „Solch ein Check auf Herz und Nieren wurde an der Körschtalbrücke zuletzt 2020 durchgeführt“, erklärt Julia Pieper, stellvertretende Pressesprecherin beim RP. Im vergangenen Jahr gab es dagegen turnusmäßig nur eine einfache Prüfung. Dabei haben die Experten nur jene Bauteile geprüft, die ohne die spezielle Zugangstechnik erreichbar sind.
Mutmaßliche „Schwachstellen“
„Alle jetzt entdeckten Abdichtungsschäden sind altersbedingt“, sagt Julia Pieper. Sie betreffen bei beiden Teilbauwerken die Fahrbahnübergänge und die darunter liegenden Bauteile. Solche mutmaßlichen „Schwachstellen“ müssen die Brückeningenieure jedoch einplanen, da Temperaturschwankungen und Verkehrsbelastungen an größeren Bauwerken wie etwa der Körschtalbrücke zu Längenänderungen im Meterbereich führen können. Aus diesem Grund wird ein sogenannter „Fahrbahnübergang“ eingebaut, der sich auseinander- und zusammenschieben kann. Diese Fahrbahnübergänge sind mittlerweile an einigen Stellen undicht geworden, sodass es in diesen kritischen Bereichen der Körschtalbrücke zu Wassereintritten kommt.
Zudem ist an den Überbauten Beton abgeplatzt und es gibt Risse. Außerdem wurde eine Durchfeuchtung im Bereich der Stützen und Pfeiler sowie Schäden an den Brückenlagern entdeckt. „Doch die kritischsten Schäden sind im Bereich der Bauwerksabdichtung zu finden“, sagt Pieper. Insgesamt befinden sich beide Teilbauwerke mit einer Zustandsnote von 2,7 beziehungsweise 2,8 in einem altersgemäßen Zustand.
Schadenszahl spielt keine Rolle
Sämtliche Schäden würden in den Kategorien Standsicherheit, Verkehrssicherheit und Dauerhaftigkeit jeweils mit einer Note von 1 bis 4 bewertet, erklärt die RP-Sprecherin. Je höher die Benotung, als desto kritischer gilt ein Schaden. Aus Sicht des Erhaltungsmanagements befindet sich ein Bauwerk bereits dann in einem „kritischen Zustand“, wenn nur ein einziger Schaden entsprechend hoch bewertet ist. Julia Pieper: „Die Anzahl der Schäden spielt hierbei keine Rolle, sodass die Zustandsnote nicht den globalen Bauwerkszustand kennzeichnet, sondern als Indikator zu verstehen ist, der die Dringlichkeit einer Instandsetzungsmaßnahme signalisiert.“
Einen genauen Zeitplan für den Neubau gibt es noch nicht. Foto: Lichtgut / Ferdinando Iannone
Akute Einsturzgefahr bestehe nicht. „Die Lastannahmen für Brücken, die Berechnungsmethoden, die Bemessungsverfahren und die Materialien des Brückenbaus haben sich jedoch in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich weiterentwickelt“, erklärt Pieper. Angesichts der Anforderungen aktueller Normen und Richtlinien wiesen alte Bauwerke wie die B-27-Körschtalbrücke zwangsläufig rechnerische Tragfähigkeitsdefizite auf, mit denen in geeigneter Weise umgegangen werden müsse, erläutert die Sprecherin.
Eine Ertüchtigung des Bauwerks auf das Niveau sei bei der 60 Jahre alten Brücke wirtschaftlich jedoch nicht sinnvoll. „Wir werden deshalb die gesamte Brücke neu errichten“, sagt die RP-Sprecherin. Für beide Teilbauwerke wurden die Baukosten auf jeweils rund 11,6 Millionen geschätzt, also insgesamt 23,2 Millionen Euro. Bereits in absehbarer Zeit sollen die Planungen beginnen.
Die B-27-Körschtalbrücke
Zahlen Die B-27-Körschtalbrücke besteht aus zwei getrennten Bauwerken für jede Fahrtrichtung, einem westlichen und einem östlichen Teil. Sie wurde 1964 errichtet, hat eine Länge von 287 Metern und eine Breite von 12,3 Metern je Teilbauwerk.
Verkehrsmengen Rund 53 500 Kraftfahrzeuge fahren täglich über die Brücke, darunter etwa 1000 Lastwagen.
Sanierungen Die letzte Sanierung der Körschtalbrücke datiert aus dem Jahr 2011. Davor wurden 1970 und 1975 Bauwerksinstandsetzungen durchgeführt. Zudem erhielt die Fahrbahn 2013 einen neuen Belag.