Michi Beck über Mode „Mit Turnschuh kommsch hier ned rein“

Er ist ein Rapper – und er sieht gut aus. Für das STZ Magazin hat Michi Beck gemodelt... Foto: Jens Schmidt/STZ Magazin

Sucht Michi Beck wirklich die Kleidung für die Kollegen der Fantastischen Vier aus? Wie sah er als Teenager aus? Woher bekam er in Stuttgart seine Klamotten? Das verrät er im Interview mit dem STZ Magazin – und liefert eine exklusive Modestrecke ab.

Freizeit & Unterhaltung: Anja Wasserbäch (nja)

Michi Beck gilt als der Chefstyler der Fantastischen Vier. Im Interview erzählt er, wo er in Stuttgart einkaufte, wie verklärt er heute auf seine Heimat blickt und welches Essen er in Berlin vermisst.

 

Michi Beck und Mode, das passt ganz gut zusammen. Wie kam es, dass Sie sich für Mode interessiert haben?

Das ging schon recht früh los. Es gibt Bilder von mir als Kerl mit elf, zwölf Jahren, auf denen ich versuche, mich mit dem Inhalt des Kleiderschranks meines Vaters zu stylen.

Das Interesse hat sich bis heute erhalten. Sie gelten als Chef-Styler bei den Fantastischen Vier, haben Ihr eigenes Modelabel.

Das Modelabel, das ich mit meiner Frau Uli gemacht habe, haben wir eingestellt. Das heißt aber nicht, dass mein Interesse an Mode damit erloschen ist.

Warum gibt es das Label nicht mehr?

Alles hat seine Zeit. Hätte man das Ganze auf ein nächstes Level bringen wollen, wäre das ein Fulltime-Job gewesen. Die Zeit hatten wir beide nicht. Und sonst wäre es nicht mehr als ein aufwendiges Hobby gewesen. So haben wir beschlossen, das Ding im richtigen Moment lieber in Schönheit sterben als langsam ausbluten zu lassen.

Sie wollten ja mal Modedesigner werden.

Ja, als ich in der elften Klasse gemerkt habe, dass das mit der schulischen Laufbahn nichts mehr wird, hatte ich Mode auf dem Plan. Warum sollte ich mich weiter plagen? Ich bin einfach nicht mehr hingegangen, habe angefangen zu zeichnen und mich an der Modeschule in Reutlingen beworben. Die haben mich leider nicht genommen. Dann bin ich über meine Eltern an eine Kaufmannslehre bei Eisen Haller am Pragsattel geraten. Die habe ich auch durchgezogen, aber nur unter Schmerzen und Betäubung.

Einen modischen Stil, mit allen Irrungen und Wirrungen, entwickelt man meist als Teenager. Wie war das bei Ihnen?

Das war die Zeit, als Hip-Hop aufkam und die Streetwear geboren wurde. Eigentlich war Breakdance als Fashion schon vor der Musik nach Deutschland gekommen. Das war modisch meine Erfüllung. Im Großen und Ganzen laufe ich heute noch so rum: hohe weiße Sneakers, weite, oft schwarze Klamotten.

Wo haben Sie diese Klamotten in Stuttgart bekommen?

Man konnte amerikanische Trainingskleidung nirgends kaufen. Außer man kannte jemanden, der Zugang zu den Shops bei den Amis in den Barracks hatte. Dort gab es die wirklich freshen Sachen. Wir hatten aber keine GI-Freunde und haben das halt mit Adidas, Puma und Sachen von Intersport imitiert. Als das mit den Fantas losging, bekamen wir alle ein paar Reebok Pump Sneakers gesponsort. Wie großartig! Das Problem war aber, dass wir in Stuttgart so nicht in die Klubs kamen. Da hieß es an der Türe: „Mit Turnschuh kommsch hier ned rein.“

War Ihnen dann bald klar, dass Sie nur Popstar werden wollten?

Na ja, die Lehre hat mir gezeigt hat, wie es auch laufen kann im Leben. Als sich dann die Chance ergeben hat mit den drei Jungs, haben wir alles daran gesetzt, das auch zu erreichen. Für mich gab es ja keine Alternative. Ich habe zwar durch Schallplatten auflegen etwas Geld nebenher verdient: aber außer Nachtleben oder Popstar mit der Band gab es nichts für mich.

Wie wichtig war die Clubkultur in Stuttgart für Ihre Sozialisation?

Superwichtig. Das war die einzige Möglichkeit, diesen neuen kulturellen Lebensinhalt auch auszuleben. Es war damals natürlich auch richtig krass, weil mit Techno und House sowie Hip-Hop zwei so mächtige neue Subkulturen entstanden sind, die viel bewegt haben. Man konnte sich auf einmal künstlerisch kreativ ausdrücken, ohne singen zu können, oder Instrumente zu spielen. Und das fand eben hauptsächlich in Clubs statt.

In welchen genau?

Meinen allerersten Job als DJ hatte ich im Zorba The Buddha. Aber das war schwierig. Da wurde man in Muster reingepresst, wie man auflegen musste. Im Wildparkstüble ging es dann weiter, und dann natürlich mit Ali Schwarz und Thomas Binder im On-U.

Vor Kurzem wurde die Heidelberger HipHop-Kultur zum immateriellen Kulturerbe der Unesco erklärt. Da bleibt immer die Frage zurück: Wo wurde deutscher Hip-Hop erfunden?

Ich glaube, wir waren relativ zeitgleich. Advanced Chemistry ist zuzusprechen, dass sie den politischen und migrantischen Inhalt von Hip-Hop als Erste auf Deutsch erfunden haben. Wir kamen eher aus der Klub- und Mittelstandszene.

Wenn Sie heute an Stuttgart denken, wie ist Ihr Blick auf die Stadt?

Der Haigst und die Waldau bedeuten für mich Kindheit. Hier bin ich aufgewachsen. Die Tübinger Straße ist eigentlich die wichtigste Straße für mich, dort bin ich zur Schule gegangen, dort war das erste Studio, das Basement von Klaus Scharff, und ich hatte meinen ersten Ferienjob als Beifahrer bei Dinkelacker. Der Stuttgarter Süden hat einen besonderen Platz in meinen Herzen. Aber mein Blick auf Stuttgart ist heute natürlich romantisch verklärt.

Vermissen Sie in Berlin die schwäbische Küche?

Volle Kanne. Es gibt zwar auch in Berlin das eine oder andere schwäbische Restaurant, aber ich gehe hier selten schwäbisch essen, sondern koche das eher selbst. Oder ich warte, bis ich wieder in Stuttgart oder Umgebung bin. Ich bin sehr gespannt auf die neue Kochenbas. Das war immer mein Stammlokal.

Spätestens an Weihnachten könnten Sie da hin. Zu Ihren vorweihnachtlichen Besuchen in Stuttgart gehört auch immer ein Konzert der Fantastischen Vier in der Schleyer-Halle. Wo werden Sie auftreten, wenn es die nicht mehr gibt?

Schwierig. Aber wir müssen dann auf alle Fälle eine Abrissparty machen. Solange sie aber noch steht, spielen wir da.

Zurück zur Mode. Sind Sie immer noch der, der für die Band die Outfits aussucht?

Natürlich. Wer soll es denn sonst machen? (lacht) Aber im Ernst: Ich mache halt Vorschläge. Und ich weiß mittlerweile, was jedem am besten steht und passt: schwarze Klamotten und weiße Turnschuhe. Daran wird sich auch nichts mehr groß ändern. Es sind immer die Feinheiten: Welcher Schnitt, welcher Aufdruck, welches Label?

Gibt es aktuelle Trends, die Sie nicht mehr nachvollziehen können?

Es gibt Trends, die ich nicht mehr mitmache. Ich verurteile sie aber nicht, das wäre borniert. Es ist bei Fashion, Musik oder Kunst immer so, dass Sachen wiederkommen und dann neu interpretiert werden.

Zur Person

Michi Beck
heißt natürlich Michael und kam 1967 in Stuttgart zur Welt. 1987 tat er sich mit Thomas D, Smudo und And.Ypsilon zusammen, aus der Rapcrew wurden Die Fantastischen Vier. Erfolge feierte er auch solo als Hausmarke wie auch im Duo Turntablerocker. Er lebt in Berlin.

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