Subkultur am Schlossplatz Sanctuary in Stuttgart: Zwischen Lack, Leder und Postapokalypse im Pop-up-Club

Die ausverkaufte Sanctuary-Party in der Lerche 22 war ein voller Erfolg. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

600 Gäste, atemberaubende Kostüme und sexpositive Vibes: Die Kinky-Party „Sanctuary“ verwandelte die Stuttgarter Lerche 22 in eine dystopische Welt. Wie war’s?

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

Schon um 22 Uhr stehen vor der Lerche 22 am Schlossplatz zahlreiche Menschen Schlange. Manche sind aus Stuttgart, andere aus dem Speckgürtel und wieder andere von ganz weit weg. „Winnenden“ und „Karlsruhe“ hört man, als man sich durch die anstehende Menge fragt. Viele sind bereits zum dritten Mal da, gehören zur festen Fangemeinde der Partyreihe.

 

Insgesamt sind 600 Menschen sind gekommen, um am Samstagabend die sexpositive Motto-Party Sanctuary im neuen Pop-up-Club Lerche zu feiern. Das Event ist seit Langem ausverkauft. Das Konzept, das kinky Party mit postapokalyptisch-dystopischer Motto-Party verbindet, ist beliebt in der Szene. Für eine Nacht wird die Flucht in eine andere Realität möglich. Besondere Outfits sind erwünscht, es kann gar nicht verrückt genug sein. Und was unter den langen Mänteln, die die Anstehenden tragen, liegt, enttäuscht nicht.

Lack und Leder dürfen auf einer sexpositiven Party natürlich nicht fehlen, genauso wenig wie Netz, Ketten, Nieten, Glitzer und das wichtigste Kleidungsstück, nackte Haut. Viele haben bei ihren Outfits auch das postapokalyptische Motto mit einfließen lassen. Gasmasken, Körperbemalungen und Tech-Wear à la Mad Max gibt es zu sehen. In Kombination mit den verschachtelten Kellergewölben der Lerche 22, wummerndem Techno-Sound und der zahlreichen, vom Team selbstgebauten Deko – „an der Lichtinstallation habe ich sieben Wochen gearbeitet“, verrät Veranstalter Elmar Jäger – wird die Immersion zum leichten Spiel.

Sexpositive Party mit Anspruch an die Verkleidung

Es gibt große Ohren, kleine Ohren, Hasenohren, irgendwo laufen Nonne, Furry, Dienstmädchen und jemand, der als Immortan Joe durchgeht, vorbei. Der halbbedeckte bis blanke Arsch ist das Must-have des Abends, egal, ob männlich, weiblich oder divers. Es wird gezeigt, wieviel Holz man hinter der Hütte hat. Auf einer Showbühne findet eine Shibari-Fesselshow vom Künstlerkollektiv Dreamweavers statt, während auf der Bühnenkante geknutscht wird.

Walking Acts – Verkleidungskünstler, die vom Veranstalter für die Party gebucht wurden – mischen sich unters Partyvolk, Tech-Ritualisten, schwarze Engel, Dunkelelfen. Zwischendrin schieben sich die einzigen weiß gekleideten Personen durch die Menge; das Sanctuary-Awareness-Team, das dafür sorgt, dass Grenzen respektiert und eingehalten werden. Ob es schon einen Vorfall gab, bei dem sie alarmiert worden sind? „Nein, bisher alles ruhig.“ Stand: Mitternacht.

Das Duo „Deathdrinkers“ hat mit anderen Performance-Künstlern dafür gesorgt, dass in den Kellergewölben der Lerche 22 ein Gefühl von Immersion entstanden ist. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt/Christoph Schmidt

Kurz nach zwölf sieht man Veranstalter Elmar Jäger endlich in seiner Partykutte, statt seinem Mitarbeiter-Shirt durch die Menge laufen und befreundete Gäste willkommen heißen. „Irgendwann muss man einfach loslassen“, sagt er und meint damit, alles managen zu wollen, was womöglich nicht so läuft, wie man es sich erhofft hat. Etwa die lange Schlange vor der Garderobe, weil mehr Gäste als gedacht, mit großen Taschen, in denen sie ihre Verkleidungen verstaut haben, um sich vor Ort umzuziehen, gekommen sind. Oder Gäste, die nicht verstanden haben, dass unterschiedliche Einlassslots auf dem Ticket dafür da sind, um die Menschenmengen am Eingang zu regulieren und deswegen auch eingehalten werden müssen. Irgendwas ist halt immer.

Sanctuary Party bleibt Stuttgart-exklusiv

Der Stress der letzten Tage und Stunden steht Jäger noch ins Gesicht geschrieben, seit Mittwoch läuft der Aufbau, „eigentlich bin ich mit zehn anderen Helfern seitdem jeden Tag hier gewesen“, verrät er. In seiner 2019 gegründeten Partyreihe steckt sehr viel Arbeit und Liebe zum Detail, dass seine Sanctuary-Party jetzt so durch die Decke geht, liegt nicht nur daran, dass kinky Partys gerade im Trend liegen. In andere Städte expandieren möchte er mit ihr dennoch nicht. „In den meisten Großstädten gibt es schon ähnliche Anbieter. Da macht man sich in der lokalen Szene keine Freunde, wenn man als Externer auch noch mitmischen möchte“, weiß er.

Vor Ort hatte der Stuttgarter Traditionssexshop Frau Blum auch einen kleinen Store eröffnet. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt/Christoph Schmidt

Nachdem sich die Schlange an der Garderobe gelichtet hat und der zweite Dancefloor eröffnet wurde, hat sich auch das bisweilen zurückhaltende Publikum eingegroovt. In den Ecken und auf den Sitzgelegenheiten machen Pärchen rum, vor dem Play Room, aus dem es klatscht (aber keinen Beifall), bildet sich eine Schlange, sexuelle Energie liegt in der Luft. Bühnenperformances mit Feuer, Schlagwerkzeug und mehr heizen dem Publikum ein. Die Tanzflächen sind voll, es wird ausgelassen gefeiert.

Wenn man Gäste nach ihrem Eindruck fragt, sind sie restlos begeistert. „Wir sind zum ersten Mal hier“, berichtet ein Freundinnen-Duo, „und finden es großartig. Jeder kann sich unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und Sexualität ausleben und in eine andere Rolle schlüpfen. Die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern stehen zur freien Definition.“ Durch das Awareness-Team würde man sich im Club außerdem als Frau sicherer fühlen als draußen auf der Straße. Eine von beiden ist eine „asexuelle, jüdisch-orthodoxe radikale Feministin“, wie sie sagt. „Für mich ist das kein Widerspruch“, findet sie, „im Gegenteil.“ Sie sei wegen der Atmosphäre gekommen. Denn Räume wie diese, in denen sich Frauen selbstermächtigen können, gäbe es sonst nicht viele.

Offene und respektvolle Community auf der kinky Party

Hinter jedem Gast steckt eine spannende Geschichte. Auffällig sind dabei der gegenseitige Support, das Verständnis und der Respekt, den man füreinander hegt. Es werden sich gegenseitig Komplimente fürs Outfit gemacht, man stellt sich an der Bar brav in die Schlange, lacht und entwurstelt gemeinsam, wenn Nieten und Netz sich auf der Tanzfläche ineinander verheddern. Und auch nach vier Stunden Party hat das Awareness-Team keine Vorfälle zu vermelden. Im Großen und Ganzen ist alles sehr gut gelaufen.

Die nächsten Sanctuary-Partys finden im Übrigen am 27. Juni und 17. Oktober wieder im Stammclub Proton statt. Der Ticketverkauf wird bald auf der Homepage freigeschaltet.

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