Suche nach dem richtigen Outfit in Stuttgart Luxus oder sinnvolle Hilfe? Unterwegs mit einer Personal Shopperin

Manche Kundinnen gehen einmal im Jahr mit Claudia Unger groß shoppen und statten ihre Garderobe mit neuen Teilen aus. Andere – wie diese Kundin – suchen ein Outfit für einen bestimmten Anlass. Foto: Ferdinando Iannone/Lichtgut

Wer nimmt die Dienste einer Personal Shopperin in Anspruch? Leute, die viel Geld, aber wenig Zeit haben? Nicht nur. Unterwegs mit Claudia Unger, die mit und für ihre Kunden einkaufen geht.

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

Bevor es losgeht, trinken sie noch einen Espresso. Claudia Unger sitzt an der Bar im Gastrobereich eines eleganten Stuttgarter Kaufhauses. Auf dem Barstuhl neben ihr: ihre Kundin. Auch wenn Karin Hirtle (Name geändert) über die Jahre, die sie sich kennen, eher eine Freundin geworden ist. Aber heute hat Hirtle einen Auftrag für Claudia Unger: Sie soll mit ihr shoppen gehen. Nicht als Freundin, sondern als Fachfrau. Professionell. Ehrlich. Unbestechlich.

 

Claudia Unger ist Personal Shopperin. Sie geht mit Menschen einkaufen – oder kauft für sie ein. Eigentlich ist die 54-Jährige Kostümbildnerin. Die Liebe zur Mode hat sie in den Genen. Beide Großmütter waren Schneiderinnen. Schon als Kind näht sie ihren Barbies neue Outfits auf den Plastikleib. Nach dem Abitur macht sie eine Schneiderlehre, anschließend studiert sie in Wien Bühnen- und Theaterschneiderei. Zurück in Stuttgart beginnt sie beim Süddeutschen Rundfunk als Schneiderin und Garderobiere. Später zeichnet sie selbst als Kostümbildnerin für TV-Produktionen und Filme verantwortlich. Über die Jahre hat sie Ulrike Folkerts als Lena Odenthal die verlebte Lederjacke angezogen oder den Jugendlichen der SWR-Kinderserie „Fabrixx“ Kapuzenpullis und Skater-Turnschuhe verpasst.

Passendes Outfit für einen Videodreh

„Die Kostümbildnerei ist mein Herzensjob“, sagt Claudia Unger. Permanent sei sie auf der Suche nach Kleidern gewesen – in Kaufhäusern, in kleinen Boutiquen, in Second-Hand-Läden und auf Flohmärkten. Und irgendwann fragten erst Freunde und nach und nach auch Freunde von Freunden: „Kannst du nicht auch mal mit mir einkaufen gehen?“ So wurde daraus ein Job, ihr zweites Standbein. „Mein Hintergrund hilft mir beim Personal Shopping – ich bin daran gewöhnt, mich in Persönlichkeiten reinzudenken und mir zu überlegen, welche Kleider zu diesem Menschen passen würden.“

Als Kostümbildnerin kann sich Claudia Unger gut in Persönlichkeiten eindenken. Foto: Lichtgut / /Ferdinando Iannone

Manche Kundinnen gehen einmal im Jahr mit Claudia Unger groß shoppen und statten ihre Garderobe mit neuen Teilen aus. Andere suchen ein Outfit für einen bestimmten Anlass – der Trauzeuge für eine Hochzeit, die Berufseinsteigerin für ein Bewerbungsgespräch. Auch Karin Hirtle will an diesem grauen Montag im November etwas ganz Bestimmtes: Die Unternehmerin plant ein Image-Video, in dem sie sich und ihr Business vorstellen will. Dafür muss ein neues Outfit her. Ein Kleid wäre schön oder eine Tunika. „Wenn ich selbst einkaufe, greife ich häufig zum selben“, sagt sie. „Und es schaut oft ein bisschen öko aus.“ Sonst noch was, das die Personal Shopperin wissen muss? „Kein Grau und kein Rosa.“

Ziemlich zügig geht Claudia Unger zwischen den Kleiderständern umher, prüft da mit einem Handgriff ein Material („100 Prozent Polyester, das wollen wir nicht“), schaut dort nach dem Schnitt. Eine Stange mit Oberteilen, Hosen und Röcken in Camel, Burgunder und Ocker lässt sie nach einem Blick links liegen. Karin Hirtle ist ein kühler Sommertyp, warme Farben stehen ihr nicht. Die Personal Shopperin, die an diesem Montag selbst Schwarz als Komplettlook vom Oversize-Blazer bis zu den Turnschuhen trägt, bietet in ihrem Atelier im Stuttgarter Süden auch Farb- und Stilberatungen an. Claudia Unger zieht eine Seidenbluse in Vergissmeinnichtblau hervor. „Gefällt dir dieser Ton?“ Er gefällt, die Bluse kommt mit. Genauso wie ein Strickoberteil in einem zarten Flieder-Grauton und ein graues A-Linien-Kleid. Keine zehn Minuten später steht Hirtle schon in der Umkleidekabine – Personal Shopping ist eine flotte Angelegenheit. Das Kleid fliegt schnell raus: „Zu straight, zu dunkel, zu wenig Beweglichkeit. Und Grau wolltest du ja eigentlich nicht.“ Die Bluse hat die perfekte Farbe, aber die Kundin hadert mit den weiten D’Artagnan-Ärmeln. An dem Strickoberteil zupft Karin Hirtle indes so viel rum, dass Claudia Unger ein Machtwort spricht: „Du fühlst dich darin nicht wohl, sonst würdest du nicht so dran rumzuppeln.“

Viele ihrer Kundinnen haben keine Lust aufs Shoppen

Wer nimmt die Dienste einer Personal Shopperin in Anspruch? Leute, die viel Geld, aber wenig Zeit haben? Auch, sagt Claudia Unger. Manche ihrer Kundinnen (und Kunden, auch wenn Männer seltener zu ihr kommen) hassen es, Klamotten einkaufen zu gehen. „Die sagen zu mir: Mach du das, das erspart mir Ärger und Stress.“ Sie geht dann ein paar Tage vorher in die Läden, lässt sich Kleider zurücklegen oder nimmt sie zur Auswahl mit. Andere gönnen sich den Termin bei der Expertin, sparen vielleicht sogar darauf, weil sie mit Claudia Ungers Hilfe ihren Stil finden wollen. Sie haben Fragen: Was passt zu mir? Warum laufe ich als Frau im mittleren Alter immer noch wie eine Studentin herum? Gibt es noch was anderes als Jeans und Pulli? Manche haben die Karriereleiter erklommen und plötzlich passt ihr Look nicht mehr zu ihrer Position. Andere wollen nach Jahren, in denen die Kinder an erster Stelle kamen, endlich was für sich tun. Sie haben ab- oder zugenommen und nichts passt mehr. Oder sie stecken mitten in der Geschlechtsanpassung und müssen erst lernen, was sie als Mann oder Frau tragen wollen.

Beim ersten Aufschlag war für Hirtle noch nicht das Traumteil dabei. Claudia Unger und ihre Kundin suchen weiter. Das kühle Blau hat es Hirtle angetan, es passt schön zu ihren Augen und ihrem grau melierten Haar. Also schaut die Personal Shopperin gezielt nach einem Teil in einer ähnlichen Farbe. Aber das ist nicht so einfach. Ein Oberteil scheidet aus: „Das ist nicht deine Farbe, die macht deine Haut ganz gelblich.“ Ein gemustertes Teil gefällt zwar, könnte aber vor der Kamera zu unruhig wirken. Kein Kleid nirgends. „Allein hätte ich jetzt schon aufgehört“, sagt Karin Hirtle. Zur Sicherheit noch ein Kontrollgang durch die Strickabteilung, aber das Lieblingsteil will auch hier nicht auftauchen. Und Hunger hat Hirtle jetzt auch.

Die Personal Shopperin bietet in ihrem Atelier auch Stil- und Farbberatung an. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Auch Claudia Unger hat genug gesehen. „Wir sollten an der Stelle eine Pause machen“, entscheidet sie. „Hunger ist immer ein Argument.“ Auch eine Personal Shopperin kann das perfekte Kleid nicht auf Knopfdruck herbeizaubern. Ihre Kundinnen wissen zu schätzen, dass Claudia Unger ihnen nichts verkaufen will. Sie hat nichts davon, wenn jemand mit einer Hose nach Hause geht, die nur so lala sitzt oder mit einem Pulli, der sich hinterher als Fehlkauf erweist. „Ich bin es meinen Kunden schuldig, ehrlich zu sein. Ich sage ihnen, wenn der Schnitt oder die Farbe nicht stimmt.“ Anders als eine beste Freundin oder der Partner hat die Personal Shopperin einen neutralen, unvoreingenommenen Blick – und ist vom Fach. „Ich zeige, was stimmig ist.“ Claudia Unger kommt bei Bedarf auch nach Hause und durchforstet dort den Kleiderschrank. „Da finde ich Dinge, die die Kundin komplett vergessen hatte und die sich zu einem ganz neuen Outfit kombinieren lassen.“ Im Zweifel leistet sie aber auch moralischen Beistand beim Ausmisten.

Viele Frauen, sagt die 54-Jährige, hätten einen sehr kritischen Blick auf sich selbst und ihren Körper. „Vor allem die Jungen. Die sehen die perfekt retuschierten Bilder auf Instagram und sagen sich: Da reiche ich nicht ran.“ Manche Frau habe stets die nächste Wegmarke vor Augen: Ich nehme drei Kilo ab und dann sehe ich in diesem Kleid endlich so aus, wie ich mir das vorstelle. „Ich möchte, dass sich meine Kundinnen mit einem wohlwollenden Blick betrachten, weniger streng mit sich selbst sind.“ Deshalb wird bei ihr beim Shoppen viel gelacht. „Wenn es gut läuft, haben wir am Ende mehr davon als nur ein neues Kleid.“

Erfolgserlebnis im Second-Hand-Laden

Aus dem überheizten Kaufhaus treten die beiden Frauen in die kühle Luft des Stuttgarter Spätherbstnachmittags und schnaufen erst einmal durch. Sie wollen etwas essen gehen und danach in einem anderen Laden weiterschauen.

Am nächsten Tag meldet sich Claudia Unger und erzählt, wie der Nachmittag noch gelaufen ist. Nachdem der Blutzuckerspiegel wieder stabil ist, schauen die beiden Frauen in der Tübinger Straße in einem Secondhand-Laden vorbei. Und plötzlich geht es ganz schnell. In kürzester Zeit erstehen die beiden Frauen: einen schmalen Rock, einen Pulli in Wollweiß, einen grau melierten Businessmantel und einen blauen Pulli mit Fledermausärmeln.

Bloß ein Kleid, das hat Karin Hirtle immer noch nicht. Macht aber nichts. „Manchmal finden wir vielleicht nicht genau das, an was die Kundin ursprünglich gedacht hatte, aber ein anderes Teil erfüllt den Zweck genauso gut oder vielleicht sogar besser“, sagt die Personal Shopperin Claudia Unger. In Hirtles Fall ist das ein weichfallendes Oberteil mit Manschettenärmeln. Das will Karin Hirtle bei ihrem Videodreh zu einer dunklen Jeans tragen. Es ist übrigens grau. Und irgendwie doch ziemlich genau das, was in ihrem Kleiderschrank noch gefehlt hat.

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