Suchtkranke in Plochingen
: Zufrieden abstinent mit Hilfe des Freundeskreises

Wer von der Sucht weg will, braucht anderen Halt: Deshalb gibt es in Plochingen seit 50 Jahren einen Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe.
Von
Karin Ait Atmane
Stuttgart
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Beim Freundeskreis wird auch gelacht – bei der Ehrung von Hanno und Heidi Klembt (Mitte) sowieso. Links Jürgen Feller, Leiter des Plochinger Freundeskreises, rechts Thomas Uehling vom Landesverband.

Matthias Drissner

„Nur du alleine schaffst es – aber alleine schaffst du es nicht.“ Mit diesem Motto bringt der Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe auf den Punkt, wofür er steht: für Hilfe zur Selbsthilfe, aber auch für Gemeinschaft und Rückhalt. Kürzlich hat die Plochinger Gruppe ihr 50-jähriges Bestehen gefeiert.

Manchmal holen sich Menschen, die ein Suchtproblem haben, die Hilfe lieber im Nachbarort. Das kann man nachvollziehen, aber eigentlich sei es sinnlos, sagt Heidi Klembt, die 18 Jahre lang den Plochinger Freundeskreises geleitet hat und nun Stellvertreterin des Leiters Jürgen Feller ist. Denn wenn Betroffene sich selbst eingestünden, dass sie ein Problem haben, wisse das Umfeld meistens schon längst Bescheid – nur spreche in der Regel niemand darüber. Das war vor 50 Jahren so, als der Plochinger Freundeskreis sich gegründet hat, und ist heute nicht anders. Umso wichtiger, dass es einen Rahmen gibt, in dem das Tabu keines ist. Ein offenes Miteinander und der Raum, über Gefühle und schmerzvolle Erfahrungen zu reden, seien essenziell, um abstinent zu bleiben, sind sich die Freundeskreis-Mitglieder einig.

Der Freundeskreis sei „eine offene Gesprächsrunde, wo Sie wirklich Antwort auf Ihre Fragen bekommen“, sagt Heidi Klembt. Betroffene sind ebenso willkommen wie Angehörige oder beide zusammen. Und das bedingungslos. „Man kann auch kommen, wenn man nicht trocken oder ‚clean’ ist“, so Klembt. Geleitet werden die Gruppen von geschulten Ehrenamtlichen, die selbst Erfahrung mit einer Suchterkrankung haben. Der Plochinger Kreis trifft sich jede Woche. Denn schon dieser feste Termin gebe Halt, weiß Klembt, die selbst von Anfang an von ihrem Mann begleitet wurde und seit 30 Jahren kaum einen Termin verpasst hat. Im Rahmen der Jubiläumsfeier wurden beide für ihr Engagement geehrt.

Positives Lebensgefühl ohne Suchtmittel

Heidi Klembt unterstützt schon lange andere, sie weiß aber auch: „Wenn Sie einmal abhängig waren, gibt es kein Zurück mehr“. Im Grund bleibe die Sucht lebenslang bestehen. Die Freundeskreise streben deshalb die „zufriedene Abstinenz“ an: ein erfülltes und positives Lebensgefühl ohne Suchtmittel. Immer wieder schaffen Betroffene diesen Weg mit ihrer Unterstützung alleine, andere brauchen eine darüber hinaus gehende Langzeit-Therapie, bei der der Freundeskreis sie begleitet.

Esslingen

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Dass die Angehörigen eine entscheidende Rolle spielen, war in der Plochinger Gruppe von Anfang an unumstritten und wurde schon in einer Notiz vom Gründungstag thematisiert. Heidi Klembt findet das richtig. „Die Angehörigen sind ziemlich lange auf der Strecke geblieben“, sagt sie, sie hätten aber eine wichtige Funktion und seien immer mitbetroffen. Denn Sucht sei eine Krankheit, die die ganze Familie in Mitleidenschaft ziehe – und nach dem körperlichen Entzug fange der neue Weg erst an.

In den Runden wird auch viel gelacht

Das gilt heute wie vor 50 Jahren oder auch schon vor 70, als sich der erste baden-württembergische Freundeskreis in Reutlingen gründete. Seitdem sind neue Suchtformen dazugekommen, Spiel- und Mediensucht beispielsweise. Auch sie haben in den Selbsthilfegruppen grundsätzlich eine Anlaufstelle.

Den Begriff Freundeskreis kann man durchaus wörtlich nehmen. Dank regelmäßiger Treffen, gemeinsamer Ausflüge und Unternehmungen „entwickeln sich wirklich schöne Freundschaften“, sagt Heidi Klembt. Das ist umso wichtiger, als die vorherigen Beziehungen häufig wegbrechen oder sich verändern. Und in den Gesprächsrunden werde, allen Problemen zum Trotz, auch viel gelacht und vieles mit Humor genommen, versichert sie.

Im August hat der Freundeskreis seinen runden Geburtstag gefeiert. Er ist heute keinesfalls überflüssig, sondern so wichtig wie eh und je, wie Freundeskreis-Leiter Jürgen Feller betont: „Der persönliche Kontakt, das offene Gespräch und die gegenseitige Ermutigung“ seien weiterhin ganz entscheidend für den Weg aus der Sucht.