Suizid einer Oberärztin Krisenklinik Friedrichshafen zieht personelle Konsequenzen
Nach der Selbsttötung einer Oberärztin Ende November wird nun ein Chefarzt gekündigt. Seit Januar laufende interne Untersuchungen gehen weiter.
Nach der Selbsttötung einer Oberärztin Ende November wird nun ein Chefarzt gekündigt. Seit Januar laufende interne Untersuchungen gehen weiter.
Das Klinikum Friedrichshafen will sich von einem Chefarzt trennen, der schon seit Beginn des Jahres freigestellt war. Den Beschluss zur Kündigung fasste am Dienstagabend der Aufsichtsrat der kommunalen Klinikum Friedrichshafen GmbH unter Vorsitz des Friedrichshafener Oberbürgermeisters Andreas Brand (parteilos). Die Geschäftsführung des Klinikums habe sich der Entscheidung angeschlossen, so Brand am Mittwoch bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz. Lediglich der Betriebsrat müsse zur beabsichtigten Beendigung des Arbeitsverhältnisses noch gehört werden.
Die Personalie steht im Zusammenhang mit der Selbsttötung einer Oberärztin Ende November vergangenen Jahres. Die Medizinerin nahm sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben, kurz nachdem sie erfahren hatte, dass sie fristlos gekündigt werden sollte. Neben minutiösen tagebuchartigen Notizen, hinterlegt bei einem Anwalt, hinterließ sie am Ende auch einen Abschiedsbrief. Über Monate zuvor hatte die Frau intern Missstände in der Patientenversorgung angeprangert und auch Todesfälle beschrieben, die ihrer Darstellung nach durch ärztliche Inkompetenz und personelle Unterbesetzungen in der Intensivstation eintraten. Die Klinikleitung wies die Vorwürfe mit Verweis auf ein eigenes Auftragsgutachten, in dem die Oberärztin ihrerseits des ärztlichen Fehlverhaltens beschuldigt wurde, stets zurück.
Die Haltung der Klinikleitung, die der Gemeinderat mittlerweile unter Regie der Sana AG stellte, ist nun durch eigene, interne Untersuchungen teilweise aufgeweicht. Mehrere Monate ermittelte im Auftrag des Aufsichtsrats die auf Compliance-Fragen spezialisierte Frankfurter Kanzlei Feigen Graf unter Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, als Deadline galten die Gemeinderatswahlen im Juni, in deren Folge auch der Klinik-Aufsichtsrat neu formiert werden muss. Vieles müsse ausgeleuchtet werden, beispielsweise, ob es systematisches Mobbing gegeben habe, wie von der Oberärztin dargestellt, sagte am Mittwoch Andreas Minkoff von der Kanzlei Feigen Graf. Bei dem genannten Chefarzt jedoch habe sich der „dringende Verdacht ärztlicher und arbeitsvertraglicher Pflichtverletzungen“ ergeben.
Dieses Ergebnis habe ein unterbeauftragter medizinischer Gutachter zutage gefördert. Den Namen des Gutachters nannte Minkoff nicht. Der Chefarzt wurde offenbar Anfang Juli informiert und reichte eine Stellungnahme zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen ein. Über einen Anwalt ließ der Mediziner noch am Dienstag gegenüber mehreren Medien verlauten: „Wir können Ihnen bereits jetzt proaktiv mitteilen, dass unser Mandant die ihm im Rahmen der Compliance-Prüfung gemachten Vorwürfe angeblicher Behandlungsfehler, die im Wesentlichen auf der Aussage eines Gutachters beruhen, in einer umfangreichen und fundierten Stellungnahme zurückgewiesen hat. Dieser Stellungnahme hat er zahlreiche Belege, die die pflichtgemäße Erfüllung seiner Aufgaben nachweisen, beigefügt.“
Obwohl den Compliance-Prüfern am Ende die Zeit für einen voll umfassenden Bericht fehlte, reichten die Ressourcen offenbar, um der toten Ärztin posthum eigene schwere Verfehlungen zu attestieren. Der Gutachter von Feigen Graf will belegt haben, so hieß es am Mittwoch, dass die Oberärztin in einem Fall ihrerseits den Tod eines Patienten verursacht habe, indem sie eine „Entscheidung zum vorzeitigen, nicht richtlinienkonformen Abbruch der Therapie“ getroffen habe. Der Anwalt Detlef Kröger, der die Oberärztin bis zu ihrem Freitod im arbeitsrechtlichen Verfahren vertrat, kennt den Fall, hält ihn für konstruiert. Inzwischen arbeitet er für die Schwester der Toten, mit dem Auftrag, den tragischen Fall möglichst aufzuklären. Die jetzt geäußerten Behauptungen nennt er „pietätlos und völlig niveaulos“, so Kröger gegenüber unserer Zeitung. Seine frühere Mandantin „kann sich dagegen gar nicht mehr wehren“.
Aus seiner Sicht, so der Anwalt, sei der Zeitpunkt gekommen, „danke zu sagen“ bei der toten Medizinerin. Sie habe die gesamte Aufklärung rund um die Klinik erst möglich gemacht und dafür „mit ihrem Leben bezahlt“. Das betreffe den Abgang des Chefarztes ebenso wie die organisatorische Neuaufstellung der Intensivstation des Klinikums seit Mitte Mai. Über die interdisziplinäre Neuausrichtung hatte die Klinikgeschäftsführung in einer eigenen Pressemitteilung informiert und eine „bessere Belegungsplanung“ angekündigt. Nun endlich könne die Klinik einen Neuanfang beginnen, so Kröger.
Wie viel die jetzt vorgelegte interne Untersuchung wirklich wert ist, wird sich in weiten Teilen aber noch zeigen müssen. Weiterhin läuft das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Ravensburg gegen fünf aktuelle und ehemalige Mediziner des Klinikums, unter anderem wegen des Verdachts der Körperverletzung, unterlassenen Hilfeleistung und fahrlässigen Tötung, außerdem wegen des Verdachts des Abrechnungsbetrugs. Am Werk: weitere medizinische Gutachter.