Suizidhinterbliebene Mutter „Warum habe ich nichts bemerkt?“

Sonja Thum im Zimmer ihres Sohnes Lukas. Dort ist alles, wie er es vor dreieinhalb Jahren verlassen hat. Foto: © sichtlichmensch/Andy Reiner

Sonja Thums 17-jähriger Sohn Lukas hat sich das Leben genommen. Sie erzählt ihre und seine Geschichte, um anderen Familien zu helfen und weitere Fälle zu verhindern, sagt sie.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Es geschieht am 11. Mai 2022. Sonja Thum ist bei der Arbeit, zwei Tage die Woche muss sie ins Büro, das verlangt der Arbeitgeber. Sie macht Buchhaltung, Zahlen sind ihr Ding. Sonjas 17-jähriger Sohn Lukas ist zu Hause. Er müsste zur Schule. Doch das geht nicht mehr, er ist in therapeutischer Behandlung. Eine mittelschwere Depression. Die Schule ist sein Stressort, sagt der Therapeut. Dort grenzten ihn andere aus.

 

Es ist ein außergewöhnlich heißer Maitag auf der Ostalb. Als Sonja Thum an diesem Mittwochnachmittag von der Arbeit nach Hause kommt, fällt ihr auf, im oberen Stock ist der Rollladen unten. Sie denkt, gut, Lukas hat die Läden geschlossen, damit es nicht so warm wird. Oben findet sie ihren Sohn. Lukas ist tot. Der 11. Mai 2022 teilt Sonjas Leben in ein Davor und ein Danach. Es ist der Tag, an dem sie ihren Sohn verliert.

Sonja ist nach dem Tod ihres Sohnes im freien Fall

Was ist Zeit? Eine Reihe von Momenten. Unwiederbringliche Sekunden, Minuten, Jahre. Was, wenn wir die Zeit anders erfahren könnten? Uns in ihr vor und zurück bewegen. In dem amerikanischen Zukunftsfilm „Arrival“ von Denis Villeneuve erinnert sich eine Frau scheinbar in Rückblenden an das Leben mit ihrer früh verstorbenen Tochter. An den Alltag, ihr Lachen. Erst ganz am Ende des Films versteht man, dass dieses Leben mit der Tochter noch nicht geschehen ist, die Mutter in die Zukunft schaute. Trotz des Wissens um den frühen Tod ihrer Tochter entscheidet sie sich bewusst für ein Leben mit ihr. Sie fragt ihren Mann: „Wenn du dein ganzes Leben sehen könntest, vom Anfang bis zum Ende, würdest du etwas ändern?“

Sonja ist nach dem Tod ihres Sohnes im freien Fall. Sie weiß nicht mehr, wer sie ist. Alles ist weg. Um sie ist nur noch Dunkelheit.

Irgendwann fängt sie dennoch wieder an zu arbeiten. Es geht nicht lange gut. Die Zahlen sagen ihr nichts mehr, sie sind ihr fremd geworden. Sonja fährt jeden Tag ans Grab von Lukas. Auf der Alb geht alles wie gewohnt weiter. Lukas’ Mitschüler machen Abitur, ziehen weg zum Studieren. Sie beginnen ihr Leben. Lukas hat seines beendet.

Sonja kann sich lange nicht für einen Grabstein entscheiden, einmal hört sie, wie drei alte Frauen am Friedhof schwätzen: Wie hat der Bub das nur machen können? Es werde schon seinen Grund haben, dass der immer noch keinen Grabstein habe. Manche im Ort sagen: „Sonja, wir fragen uns ja schon, warum? Er hat doch alles gehabt.“ Sonja sagt: „Wenn Liebe reichen würde, gäbe es keinen Suizid.“ Sonjas Mann geht anders als sie mit dem Schmerz um, erzählt sie. Die Leute sagen: „Toll, wie ihr das gemeinsam meistert.“ Doch Sonja weiß eigentlich nicht, was damit gemeint sein soll.

Sonja fragt sich oft: Warum hatte ich kein Bauchgefühl?

Sonja besucht eine Reha. Lernt Leute aus Köln kennen. Sie, das Landei, wie sie selbst sagt, kriegt es irgendwie hin und fährt allein zu Besuch nach Köln. Die Stadt fasziniert sie: Einfach aus dem Zug steigen, und dann ist da echt gleich der Dom. Sonja trägt viel Schwarz, immer schon. Jetzt noch mehr. Nur bruchstückhaft dringen Licht und Farben wieder in ihr Leben, wie durch die kleinen bunten Mosaikfenster im Dom.

In Lukas’ Zimmer ist alles wie am letzten Tag. Auch der Schulranzen steht dort. Süßigkeiten liegen in einer Schale. Sonja fragt sich: Warum habe ich nichts gemerkt? Sie geht im Kopf jede Äußerung durch, jedes Gespräch der letzten Tage mit Lukas. Von einer Fahrradtour hatte er erzählt. Das war schon ungewöhnlich. Sonja dachte damals, vielleicht geht es ihm schon wieder besser? Hätte sie als Mutter nicht etwas merken müssen? Das fragt sich Sonja oft. Sie hatte kein Bauchgefühl. Die Therapeutin sagt, sie soll sich diese Fragen auch nicht verbieten.

Sonja Thums Tätowierungen Foto: © sichtlichmensch/Andy Reiner

Bei Lukas’ Beerdigung trifft Sonja am Grab seine beste Freundin. Mit ihr war er immer zusammen, eine platonische Liebe, wie er sagte. Eine Freundschaft. Sonja hatte immer das Gefühl, da steckte mehr dahinter, das war eine erste große Liebe. Einmal hat sie Lukas danach gefragt, er darauf: „Ich weiß es nicht, aber wenn ich es anspreche, geht dann nicht vielleicht alles kaputt?“ Am Grab legt die Freundin einen Brief ab, Sonja nimmt sie in den Arm und sagt: „Merk dir das für dein Leben, rede mit den Menschen, so lange sie leben.“ Das trägt Sonja heute in sich, nicht ewig warten mit dem, was sie will. Offen sagen, was sie fühlt und denkt: „Wenn ich jemanden mag, sage ich es ihm.“

Am Abend vor seinem Tod schaut Lukas mit seinen Eltern fern. Sie lachen. „Schlaf gut“, sagt Sonja. „Danke, Mama, du auch.“ Er ist nicht aufgekratzt, nie in den letzten Lebenswochen. Der Therapeut sagt nach der ersten Sitzung mit Lukas: „Sie sind noch rechtzeitig gekommen, es ist eine mittelschwere Depression. Jetzt sollte nur nichts mehr oben drauf kommen.“ Dann kommt das Video, erinnert sich Sonja. Das Mobbing.

Unbekannte stellen ein Meme über Lukas ins Internet

Einige Wochen vor seinem Tod stellen Unbekannte ein Meme in ein soziales Netzwerk, das Lukas diffamiert. Sonja glaubt, es waren drei der Mitschüler. In dem Meme tritt eine Figur in einen Hundehaufen. Auf dem Haufen ist ein Video verlinkt, das Lukas und eine Mitschülerin im Auftrag der Lehrer gemacht hatten, um die neuen Fünftklässler zu begrüßen. Sonja erinnert sich, wie Lukas ins Wohnzimmer stürmt und ihr das Meme auf seinem Handy zeigt, wie er in Schluchzen ausbricht. So hat sie ihn seit der Grundschule nicht mehr weinen sehen, sagt sie.

Sonja benachrichtigt die Schule, der Schulleiter holt Lukas zu sich, fragt ihn: „Sollen wir nach den Verursachern suchen?“ Lukas verneint. „Welches gemobbte Kind würde da Ja sagen?“, fragt Sonja und fühlt sich enttäuscht und hilflos. Heute bereut sie es, nicht mehr darauf gedrängt zu haben, das Mobbing in der Schule aufarbeiten zu lassen. Als Lukas immer öfter zu Hause bleibt, nicht mehr zum Sport geht, fast nichts isst, meldet sich kaum einer. Kein Schulsozialarbeiter. Nur ein Lehrer ruft ab und zu an.

Einige Monate zuvor kommt Lukas abends zu seinen Eltern ins Wohnzimmer. Seine Gedanken drehen sich im Kreis, sagt er, er müsse mal mit jemandem sprechen, am besten nicht mit seinen Eltern, sondern jemand Professionellem. Lukas ist sehr reflektiert, sagt Sonja, er will offen mit seinen psychischen Problemen umgehen. Der Kinderarzt vermittelt ihn an den Therapeuten.

Auch die Coronapandemie setzt Lukas zu. Nach den ersten Lockdowns gehen die Jugendlichen wieder in die Schule. Der Klassenverbund ist aufgelöst, im neuen Schuljahr beginnt die Kursstufe. Lukas sagt eines Abends: „Weißt du, Mama, wir waren so lange voneinander getrennt, und jetzt erwartet jeder, dass es einfach so weiter geht. Aber wir waren doch ewig nur zu Hause.“

Bei den 10- bis 25-Jährigen ist Suizid im Jahr 2023 die häufigste Todesursache

Sonja glaubt, die ehemaligen Freunde können es damals nicht ertragen, dass Lukas während der Pandemie so anders geworden ist. Sie machen sich über die Kleidung von Lukas lustig, über seine Art zu sprechen, erzählt Sonja. Jeder sechste Schüler ist laut aktuellen Erhebungen regelmäßig von Mobbing betroffen. Bei den 10- bis 25-Jährigen ist Suizid im Jahr 2023 die häufigste Todesursache. Dennoch, sagt Sonja, geschieht zu wenig, um die psychische Gesundheit der Jugendlichen zu stabilisieren. Gerade mit sozialen Medien seien Schulen und Institutionen überfordert, glaubt sie. Auch deswegen erzählt Sonja die Geschichte von Lukas. Damit endlich etwas geschieht, um die Jugendlichen besser zu schützen.

Wann das Mobbing bei ihrem Sohn wirklich angefangen hat, weiß Sonja nicht. Vielleicht ging es schon sehr lange. Er hat einiges wohl gar nicht zu Hause erzählt, glaubt sie, hat es mit sich selbst ausgemacht.

Lukas ist seit jeher ein interessierter Schüler, er liebt Philosophie, Politik, Geschichte. Lukas hat seinen eigenen Kopf, diskutiert bei „Jugend debattiert“. Er zockt gern, informiert sich im Internet auch über Philosophie. Er liebt Seneca. Nach der Schule, davon spricht Lukas oft, will er in Tübingen Philosophie und Theologie studieren. Ihm fliegt vieles zu, er ist ein guter Schüler, bekommt Belobigungen. Er ist Klassen- und Kurssprecher, beliebt bei den Lehrern. Er hasst Fußball, ist aber leidenschaftlich gern im Judo, macht den Assistenztrainerschein.

Lukas ist nicht unbeliebt – doch manchen gefällt sein Stil nicht

Lukas trägt karierte Hosen und bunte Strümpfe. Im Sportshirt würde er nie zur Schule gehen. Seine Sneaker bemalt er selbst, trägt manchmal dunkelblaue Wildlederschuhe. Lukas liebt Falco, hört die alten Lieder rauf und runter. Sonja fällt damals schon auf, dass ihr Sohn heraussticht. Doch er ist nicht unbeliebt, gefällt auch den Mädchen, hat schon mit 14 eine erste Freundin. Nur manchen gefällt sein Anderssein eben nicht. Schon wer im Dorf kein Fußball spielt, tut sich natürlich schwerer.

Wie wäre Lukas wohl aufgeblüht in Tübingen oder gar in einer Stadt wie Berlin oder Köln eines Tages? Im Seminarraum der Philosophen, wo er unter seinesgleichen hätte sitzen können? Wo nicht mehr er anders gewesen wäre, sondern ein Fußballer von der Alb wohl nicht hingepasst hätte.

Lukas ist ein ruhiges Kind. Er ist nicht schüchtern, aber auch nicht frech. Im Kindergarten liebt er Aufführungen, er kann meist auch gleich den Text von allen anderen Kindern auswendig. Lukas ist ein großer Dampflokliebhaber, kann mit drei ganze Bücher über die Loks frei aufsagen. Er liebt es, wenn im Kindergarten wegen der Schulferien nur wenige Kinder da sind. Da er nicht an Trubel und Krawall gewöhnt ist, fühlt er sich in der kleinen Gruppe richtig wohl.

Sonja nimmt Lukas als kleines Kind überall mit hin

Lukas fängt spät an zu sprechen. Lieber hört er sich erst gründlich an, wie das geht mit den Wörtern, erinnert sich seine Mutter. Sonja schaut dem Kleinkind tief in die Augen: „Lukas, sag doch mal Mama, M-A-M-A.“ – „Onkel“, sagt Lukas dann. Sonja verbringt jede freie Minute mit ihrem Kind. Sie arbeitet bald nach seiner Geburt wieder, deswegen ist ihr das Zusammensein mit Lukas so wichtig nach Feierabend. Wenn die anderen Hausfrauenmütter über die viele Arbeit mit den Kindern klagen, kann sie das kaum verstehen. Sonja nimmt Lukas überall mit hin.

Lukas ist ein Wunschkind. Als Sonja von ihm erfährt, ihn zum ersten Mal im Ultraschall sieht, ist es doch überraschend. Am 28. Januar 2005 wird Lukas geboren, im Sternzeichen Wassermann. Und Sonja hält ihren kleinen Sohn endlich im Arm.

Wenn Sie selbst Suizidgedanken haben, wenden Sie sich an die Telefonseelsorge. Auch wenn eine nahestehende Person betroffen ist, zögern Sie nicht, die Telefonseelsorge zu kontaktieren. Telefonnummer: 0800 1110 111. Hier gibt es Hilfe: www.deutsche-depressionshilfe.de. Info-Telefon Depression für Betroffene und Angehörige: 0800 33 44 5 33. E-Mail-Beratung: bravetogether@deutsche-depressionshilfe.de. Kinder und Jugendtelefon: 116 111 (Montag bis Samstag 14 bis 20 Uhr). Hilfsangebote gibt es unter: https://www.suizidprophylaxe.de

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