Syrischer Asylbewerber wartet in Stuttgart Sein Sohn ruft jeden Tag an und fragt: „Baba, wann sehen wir uns wieder?“

Faisal Haidar lebt seit dem Umsturz in Syrien nun in einer Stuttgarter Flüchtlingsunterkunft in Unsicherheit. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Weil das Bundesamtes für Migration gerade keine Anträge syrischer Asylbewerber bearbeitet, hängt Faisal Haidar völlig in der Luft. Er ist in Stuttgart, seine Familie ist in Aleppo. Wir haben mit dem Vater darüber gesprochen, was er sich jetzt wünscht.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Vor dem Krieg sei das gewesen, sagt Faisal Haidar auf die Frage, wann die guten Zeiten in seinem Leben gewesen seien. Irgendwann vor 2011 war das. Er meint den Bürgerkrieg in Syrien. Mit ihm kamen Zerstörung, Bomben, Angst und die Flucht aus der Heimat in das Leben seiner Familie. Seine Tochter war zwei Jahre alt, als er mit seiner Frau aus Aleppo in den Libanon floh. Dass seine privaten Pläne immer wieder durch politische Entwicklungen über den Haufen geworfen werden, ist wohl einer der Grunderfahrungen, die der 39-Jährige in den letzen eineinhalb Jahrzehnten gemacht hat.

 

Die Entscheidung über Faisal Haidars Asylantrag liegt auf Eis

Jetzt sitzt Faisal Haidar in einer Flüchtlingsunterkunft in Stuttgart – und es bleibt ihm schon wieder nichts anderes übrig, als abzuwarten. Der Tag, als die islamistischen HTS-Kämpfer Syrien eroberten und die Terrorherrschaft Baschar al Assads beendeten, war auch für den kurdischen Syrer ein Freudentag. Auf dem Stuttgarter Schlossplatz hat er mit seinen Landsleuten gefeiert. Aber bei aller Erleichterung sagt er auch: „Wir wissen nicht, was passiert, wir müssen abwarten!“ Für ihn gilt das nicht nur mit Blick auf die politische Entwicklung in seinem Heimatland.

Faisal Haidar ist einer von circa 47 000 Syrern und Syrerinnen, deren Asylantrag beim Bundesamt für Migration (Bamf) anhängig ist. Zwei Anhörungen hatte er schon. Vor einem Monat hat er eine Mail an das Bamf geschrieben, wie lange er noch auf eine Entscheidung warten müsse. Eine Antwort bekam er nicht. Die hat er jedoch indirekt bekommen, als das Bamf am Montag bekannt gab, alle Entscheidungen im Falle syrischer Asylbewerber bis auf weiteres auszusetzen. Einer dieser ausgesetzten Anträge ist der von Faisal Haidar. „Ich bin verwirrt“, sagt er. Über die sozialen Medien weiß er, dass bereits am Tag eins nach dem Sturz Assads eine politische Diskussion entbrannt ist. Asylgrund erledigt, sagen die einen. Abwarten, die anderen. Der Plan, den er und seine Frau hatten, in spätestens zwei Jahren im Rahmen eines Familienzusammenzugs wieder vereint zu sein, hat sich zerschlagen oder ist zumindest in weite Ferne gerückt.

Auch im Libanon werden er und seine Familie mit dem Tode bedroht

Äußerlich wirkt Faisal Haidar gelassen. Er hat ja auch Erfahrung mit den Volten des Lebens. Immer wieder kam es anders als erwartet. Mehr als zehn Jahre hat er mit seiner Familie in Beirut gelebt – eine weitere Tochter und ein Sohn wurden dort geboren. Das ist eine lange Zeit. Bis sie auch von dort von einem Tag auf den anderen wegmussten. Hisbollahvertreter bedrohten sie mit dem Tod. Faisal Haidar hatte regimefeindliche Posts gegen den syrischen Machthaber Assad auf Facebook und Instagram hochgeladen, berichtet er, unterstützt durch einen Übersetzer. Die Männer von der Hisbollah waren daraufhin in die Wohnung der Familie gekommen und hatten unmissverständlich klargemacht, dass es tödlich enden werde, wenn er nicht damit aufhöre. Als Haidar bei der Polizei Hilfe suchte, bedrohten sie ihn wieder, verfolgten ihn auf der Straße. Es blieben ihm und seiner Familie nur wenige Stunden, um zu gehen und sich in Sicherheit zu bringen.

Faisal Haidar lebt in Deutschland, Frau und Kinder wieder in Syrien

Faisal Haidar ist seit April in Deutschland. Der Weg dorthin ging für ihn über Moskau und Belarus. Faisal Haidar weiß die Daten aus dem Kopf. Am 8. November 2023 ist er weg aus Beirut. Allerdings anders als seine Frau in Richtung Deutschland, seine Familie wollte er dann möglichst sicher nachholen. Seine Frau, die beiden heute 14 und 12 Jahre alten Töchter und sein sechsjähriger Sohn schafften es mittels bezahlter Helfer zurück nach Aleppo, dort gab es Angehörige. Seitdem leben Frau und Kinder bei Haidars Vater. Er versorgt und ernährt die vier, bei ihm können sie wohnen. Denn das Haus, in dem die Familie vor ihrer Flucht gelebt hat, sei zerstört.

Syrische Kinder warten am Grenzübergang Kilis von der Türkei nach Syrien. Foto: dpa/Khalil Hamra

Haidar selbst musste auf seinem Weg nach Deutschland ein Jahr in Belarus ausharren, weil ihm das Geld ausgegangen war und er erst wieder neues verdienen musste. Auf seinem Handy hat er Fotos von den Verletzungen, die ihm das belarussische Militär an der Grenze zur Polen zugefügt hat. Er spricht von Folter und schaut ernst, wenn er davon erzählt. Mit langen Holzstangen prügelten die Soldaten auf ihn ein. Am ganzen Körper sei er für mehrere Monate grün und blau gewesen, hatte unerträgliche Schmerzen. Über Polen gelangte er dann an die Grenze zu Deutschland und stellt in Görlitz, so erinnert er sich, seinen Asylantrag. Da sein Bruder zu diesem Zeitpunkt in Stuttgart lebt, äußert er den Wunsch, selbst auch dorthin zu kommen. Nun teilen sich die beiden ein Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft. Wenigstens ein bisschen Familie ist das.

Videos zeigen eine glückliche Familie

Viel zu lange ist er schon von seiner Frau und den Kindern getrennt. In Beirut hatten sich die Haidars fast schon mit ihrem Schicksal arrangiert. Die Kinder waren zur Schule gegangen. Wenn Haidar durch seine Handy-Bilder und Videos scrollt, sieht man, was seine Familie und er verloren haben: die mühsam wieder eingeübte Unbeschwertheit und auch ihren bescheidenen Besitz inklusive Auto. Es gibt Videos von heiteren Geburtstagsfeiern, auf denen Faisal Haidar mit seiner damals sechsjährigen Tochter tanzt. Fein rausgeputzt ist sie. Auf einem anderen Filmschnipsel hält sich sein kleiner Sohn an den Griffen eines Laufbandes fest und übt stolz den aufrechten Gang. Faisal Haidars Gesicht leuchtet, er wirkt entspannt, wenn er in die Welt dieser Bilder eintaucht. Dann ist er ganz der Familienvater, der Sehnsucht nach den Seinen hat. Jeden Abend ruft sein kleiner sechsjähriger Sohn an und fragt: „Baba, wann sehen wir uns wieder?“ Er kann es ihm nicht sagen.

Seine Tochter lernt schon Deutsch

Es gibt aber auch Bilder von schweren Maschinen, die Haidar wieder ins Laufen gebracht hat. Bagger und anderes schweres Gerät. Das hat er gelernt. So hat er schon in Syrien sein Geld verdient und seine Familie ernährt. „Aber dorthin können wir nicht zurück“, sagt Faisal Haidar. „Wir haben nichts mehr dort.“ Das Haus mit seiner alten Wohnung steht nicht mehr. Es wurde im Krieg zerstört. Er wählt einfache Worte. Syrienexperten wie Ralf Südhoff, der Leiter der Denkfabrik Centre for Humanitarian Action, sprechen von einer katastrophalen humanitären Lage.

Faisal Haidar will schnell wieder arbeiten, sagt er, und sein Geld selbst verdienen – und zwar hier in Deutschland, am liebsten in Stuttgart. Die Familie soll endlich nachkommen, die Kinder sollen wieder in die Schule gehen. Seine Tochter lernt bereits Deutsch über Youtube-Videos. Faisal Haidar sagt den Satz, der zum Mantra seines Lebens zu werden scheint: „Aber wir müssen abwarten.“

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