Eng begleitet von Hunderten Beamten setzt sich der Antikapitalistische Block in Bewegung. Foto: Schiermeyer
Die intensive Vorbereitung hat sich ausgezahlt: Sowohl die große DGB-Demonstration als auch die Revolutionäre 1. Mai-Demo blieben am Tag der Arbeit weitgehend friedlich. Nur punktuell gerieten Teilnehmer mit der Polizei in Konflikt.
Aufatmen in der Gewerkschaftsfamilie: Hässliche Szenen, die die familiäre Stimmung überlagern und den Tag der Arbeit in ein schlechtes Bild rücken, sind diesmal ausgeblieben. Anders als 2023 und 2024 wurden größere Auseinandersetzungen mit der Polizei vermieden. In sommerlicher Atmosphäre blieb es am Marktplatz und beim Demozug friedlich. Dies war allerdings kein Zufall, sondern das Ergebnis einer intensiven Vorbereitung.
Sommerlicher Protestmarsch um den Schlossplatz
Die Organisatoren hatten offenbar dazu gelernt: Viermal, so berichtet eine Teilnehmerin, hätten der DGB und seine Einzelgewerkschaften, das Aktionsbündnis 8. März und der Antikapitalistische Block Stuttgart im Vorfeld jeweils vier bis sechs Stunden diskutiert, wie sich Eskalationen unterbinden lassen. Entsprechend wurden das Programm gestaltet und der Protestzug geplant. Resultat: Lautstark, aber in guter Stimmung bewegten sich die etwa 3000 Teilnehmer quasi im großen Bogen einmal um den Schlossplatz zurück zum Rathaus. Geschossen wurde auch: aus Konfettikanonen.
Ein Anti-Konflikt-Team der Polizei soll deeskalierend wirken. Foto: Schiermeyer
Auch zwischen den Veranstaltern sowie dem Ordnungsamt und der Polizei hatte es vor dem Tag der Arbeit Kooperationsgespräche gegeben. Somit wurden diesmal wieder Spruchbänder mit einer Länge von bis zu vier statt nur 1,50 Metern zugelassen. Der Einsatz von Pyrotechnik blieb verboten. Das Ziel, mit mehr Toleranz zu einem ordnungsgemäßen Ablauf beizutragen, ging auf.
Der komplizierte Part war bereits im vorigen Jahr die „Revolutionäre 1. Mai-Demonstration“ – nachdem diese damals im Bereich Tübinger Straße von der Polizei aufgelöst wurde, eskalierte die Situation. In diesem Jahr kommt es noch vor dem Auftakt an der Kronprinzstraße zu einem spannungsgeladenen Moment: An der Ecke Marktplatz/Schulstraße hält die Polizei die erste Gruppe von „Revolutionären“ auf, die hinter einem Spruchband hinauf zu ihrem Versammlungsort weiterziehen wollen.
An der Schulstraße herrscht plötzlich Hochspannung
Beharrliche Demonstranten treffen auf hochnervöse Polizisten, die das Weitergehen als nicht angemeldeten Teil der Demo interpretieren – „das wäre ein Auflagenverstoß“, versichert ein erregter Beamter. Dies sei wieder mal eine „Schikane“ der Polizei, um eine konfliktäre Situation herbeizuführen, empört sich der Linken-Politiker Luigi Pantisano als Beobachter der Szene. Gewerkschafter versuchen zu vermitteln. Letztlich wird das Spruchband eingerollt und den Aktivisten in Kleingruppen das Passieren der Sperre ermöglicht.
Insgesamt mehrere hundert Beamte zeigen an diesem Tag Präsenz – in durchaus abschreckender Formation und stets zum Einschreiten bereit. Nachdem im Vorjahr „versammlungsfeindliche Auflagen“ dazu gedient hätten, „einen Vorwand für die Angriffe zu liefern“, hätte die Polizei es auch diesmal „darauf angelegt zu eskalieren“, kritisiert Marcel Winter vom Antikapitalistischen Block. Der Protestmarsch sei mehrmals gestoppt worden – entweder weil Transparente aus Sicht der Polizei zu hoch gehalten oder weil Halstücher nicht korrekt getragen worden seien. „Wir sind dennoch froh, dass es geklappt hat“, sagt er. Es sei mit 1700 Teilnehmern die größte 1.-Mai-Demo in 22 Jahren gewesen. Er sehe es „sehr positiv, dass sich so viele Leute auf die Straße begeben haben“ – sie hätten sich „nicht einschüchtern lassen“, so Winter.
Vor allem Verdi ist in der linken Szene aktiv
Entschieden wehrt sich der Antikapitalistische Block gegen Vorwürfe, den Tag der Arbeit zu nutzen, um Randale anzuzetteln. Schließlich seien auch viele Gewerkschafter dort engagiert – die Grenzen zum DGB seien fließend. Tatsächlich engagiert sich insbesondere Verdi Stuttgart in der antifaschistischen Szene und bildet Netzwerke mit linken Aktivisten. „Wir lassen uns nicht spalten“, heißt es vom Lautsprecherwagen des Blocks aus. Und Winter hält „die Erzählung von Krawallmachern, die sich nicht für Gewerkschaften interessieren“, für „frei erfunden“. Folglich macht sich nun im ganzen DGB Erleichterung breit, dass beide Protestmärsche diesmal weitgehend störungsfrei verlaufen sind – die Gefahr einer Verallgemeinerung ist diesmal gebannt.
Die Polizei stellt später nüchtern fest, dass bei dem Demozug mehrfach pyrotechnische Gegenstände abgebrannt worden seien. In einem Fall – an der Ecke Eberhardstraße/Tübinger Straße – war eine vorab installierte Vorrichtung mit Farbtöpfen ferngezündet worden. Lila Qualm stieg aus einem Fahrradkorb auf, der kleine Brand an dem Zweirad musste zunächst gelöscht werden, wobei sich ein Uniformierter noch selbst Löschschaum plus Farbe ins Gesicht sprüht.
Polizei lobt das „kooperative Zusammenwirken“
Laut Polizei wurde der Zug auch noch angehalten, weil sich einzelne Versammlungsteilnehmer zwischenzeitlich vermummt hätten. Aufgrund der Verstöße sei es zu einzelnen vorübergehenden Festnahmen gekommen. Auf der Taubenstraße sei der über den Marienplatz zum Südheimer Platz geplante Aufzug durch die Versammlungsleitung vorzeitig beendet worden. Der Polizeisprecher lobt das „kooperative Zusammenwirken“ mit den Demoveranstaltern. „Auch wenn wir gegen einzelne Personen Strafverfahren einleiten mussten, sind wir mit dem Einsatzverlauf grundsätzlich sehr zufrieden“, heißt es.