„Tatort“-Darsteller Dietmar Bär liest Heinrich Böll
„Nicht nur zur Weihnachtszeit“: Im Stuttgarter Theaterhaus liest Dietmar Bär, bekannt aus dem Kölner „Tatort“, die ikonisch gewordene Nachkriegssatire von Heinrich Böll.
„Nicht nur zur Weihnachtszeit“: Im Stuttgarter Theaterhaus liest Dietmar Bär, bekannt aus dem Kölner „Tatort“, die ikonisch gewordene Nachkriegssatire von Heinrich Böll.
Der Titel ist sprichwörtlich geworden: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ heißt die Erzählung von Heinrich Böll, in der das Fest das ganze Jahr über gefeiert wird und eine zerrüttete Familie hinterlässt. Dietmar Bär stellt die Satire mit dem Musiker Stefan Weinzierl in einer Lesung vor.
Herr Bär, wie kommt ein „Tatort“-Kommissar, der es sonst mit Mördern zu tun hat, zu einer Weihnachtslesung mit Christkind?
Ganz einfach: Ich finde die Böll-Erzählung spannend und aktuell. „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ ist 1952 erschienen und handelt in Gestalt von Tante Milla von Kriegstraumata und Verdrängung: Die Tante beharrt darauf, eine Dauer-Weihnacht zu feiern. Aber das historische Gewand streifen wir ab, um zu akzentuieren, was nicht gealtert ist: das ganze Familiendrama drumherum, dazu Deutschtum, Konsumrausch, Religion, Scheinheiligkeit – das gibt es nach wie vor nicht nur zur Weihnachtszeit.
Warum nutzt Böll dann just das Fest für seine Kleinbürger-Attacke?
Weil Weihnachten mit Erinnerungen an die Kindheit verknüpft ist, mit dem Wunsch nach Harmonie, egal wie stark die Emotionen religiös unterfüttert sind. Diese nostalgische Sehnsucht ist auf der Festplatte unserer Kindheit gespeichert, wir können sie jederzeit abrufen, weshalb auch jeder die Rituale kennt, die Böll aufs Korn nimmt.
Wie sieht Ihre Bühne im Theaterhaus aus? Sie im klassischen Rezitatoren-Schwarz?
Nein. Ich sitze in einem grauen Ohrensessel und trage einen braunen Hausmantel, daneben eine brennende Kerze. Alles wie es sich gehört, wenn man eine Weihnachtsgeschichte vorliest.
Sehr heutig klingt Ihr Märchenonkel-Setting aber nicht.
Soll es auch nicht. Augenzwinkernd zitieren wir das Ritual nur. Unsere Bühne spielt ironisch damit, auch der bunte, elektrische Weihnachtsbaum, den der Musiker Stefan Weinzierl neben seinen Instrumenten aufstellt.
Wie begleitet er die Lesung?
Mit E-Bass, Marimba und Xylofon breitet Stefan einen Klangteppich aus, der sich kommentierend über den Text legt. Ein wunderbares Live-Erlebnis!
Nach Lena Odenthal in Ludwigshafen ist Ihr Freddy Schenk – zusammen mit dem von Klaus Behrendt gespielten Max Ballauf – der dienstälteste Ermittler im „Tatort“.
Ist das so? Eine durchgehende Rolle im Fernsehen ist ja Fluch und Segen zugleich. Man kriegt sie nur schwer aus den Köpfen der Zuschauer raus. Umso mehr freue ich mich, wenn das Publikum merkt, dass ich auch anderes kann, als Verbrecher zu jagen. Es lernt mich als lesenden Schauspieler kennen, der sein Handwerk pflegt, auf Tournee geht und Hörbücher einliest. Ich bin mehr als Freddy mit den scharfen Oldtimern.
Termine
Die Lesung findet am Dienstag, 9. Dezember, 19.30 Uhr, im Theaterhaus statt. Der nächste Kölner „Tatort“ wird am 11. Januar ausgestrahlt.