Tee als Lebensweg Mehr als ein Trend: Matcha und seine spirituelle Dimension

Teemeisterin Sokei bereitet eine Schale Matcha zu. Foto: I/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Matcha ist für die Stuttgarterin Yaeko Heinisch kein Trend, sondern ein Lebensweg. Sie praktiziert die Kunst der Teezeremonie, die uns an das Menschsein erinnert.

Reportage: Akiko Lachenmann (alm)

Der Akt selbst ist kurz. Ihn in die Länge zu ziehen, würde die Gaumenfreude erkalten lassen. In drei Zügen wird Matcha getrunken, so verlangt es die japanische Tee-Etikette: ein großer Schluck, ein kleiner und zuletzt ein hörbar geschlürfter, zum Ausdruck der Wertschätzung. Wobei die Schale mit dem Pfützchen zwischendrin um jeweils 45 Grad in Uhrzeigerrichtung gedreht wird. Zwanzig Minuten Vorbereitung gehen dem Höhepunkt voraus – bei einer informellen Zeremonie. Für die formelle muss man bis zu sechs Stunden einplanen.

 

Matcha kennen die meisten als grünlichen Latte macchiato, der im Pappbecher auf dem Weg zur Arbeit geschlürft oder mit der besten Freundin für Instagram fotografiert wird. Weniger geläufig und tiefgründiger ist die japanische Tradition mit dem hellgrünen Pulver: die Teezeremonie. Sie steht für die japanischen Ideale Harmonie, Respekt, Reinheit und Stille und hat bis heute einen hohen kulturellen Stellenwert. Tempel, Gärten, Museen, Hotels, auch Privathäuser bieten Teezeremonien an. Fast jedes Kind hat schon an einer teilgenommen, sei es in der Schule oder beim Familienfest.

Ihre Geschichte reicht zurück bis ins 12. Jahrhundert. Ursprünglich tranken Zenmönche den aus China importierten grünen Tee in Pulverform, um beim Meditieren nicht einzuschlafen. Später nahmen auch Samurai das Aufputschmittel zu sich, bevor sie in den Kampf zogen. Sein Genuss wurde immer mehr Regeln unterworfen und mit Elementen der Zen-Philosophie angereichert. So entstand Chado, „der Weg des Tees“, der nach den Worten des Philosophen Okakura Kakuzo nicht weniger als „die Kunst, das Leben zu leben“, lehrt.

Ohne Milchschaum: Matcha in seiner Urform Foto: Ferdinando Iannone

Drei große Schulen entstanden, die sich alle auf Sen no Rikyu berufen, der im 16. Jahrhundert mächtigen Feudalherren als Teemeister gedient hat. Die Ausbildung gilt eigentlich als niemals beendet. Ähnlich wie bei den asiatischen Kampfkünsten arbeiten sich Schüler hoch vom „Einsteiger“ bis zum „Meister“, der mindestens 20 Jahre Erfahrung nachweisen muss.

Im Großraum Stuttgart beherrscht derzeit nur Yaeko Heinisch die Kunst des Chado. Die 72-jährige Teemeisterin hat in der streng traditionellen Omotesenke-Schule gelernt, die ihr den Künstlernamen Sokei gab. Sie wohnt mit ihrem Mann in Murr an der Murr und fährt ein bis zwei Mal die Woche in die Landeshauptstadt, um ihre Schüler zu unterrichten. Jedes Jahr veranstaltet sie im Stuttgarter Lindenmuseum eine öffentliche Teezeremonie. Die nächste am 26. Oktober ist schon ausverkauft.

Der Kimono ist schlicht – nie geht es um den persönlichen Ausdruck

Meisterin Sokei gibt an diesem Tag eine Sondervorführung. Treffpunkt ist das Lindenmuseum, wo ein Raum mit Tatamiböden und Papierwänden ausgestattet ist. Sie trägt einen dunkelblauen Kimono ohne auffälliges Muster, einen weißen Obi (japanischer Gürtel), weiße Tabi (japanische Socken), das Haar hochgesteckt. „Die Kleidung soll schlicht sein“, sagt sie. Nie gehe es um den persönlichen Ausdruck, sondern immer um die Wertschätzung des Gastes.

Jeder Handgriff ist Bestandteil einer festen Choreografie: Teemeisterin Sokei bereitet eine Schale Matcha zu. Foto: Ferdinando Iannone

In einem traditionellen Teehaus tritt nun der Gast durch eine niedrige Tür ein. Beim Bücken, wenn er zu seinen Füßen blickt, soll ihm klar werden, dass im Teeraum alle Menschen gleich sind. „So wie alle den Mutterleib verlassen, so kehrt man im Moment des Eintretens zu seiner wahren Natur zurück“, soll Sen no Rikyu erklärt haben. Im Lindenmuseum zieht man zumindest die Schuhe aus, kniet im hinteren Ende des Raums nieder und wartet nervös auf weitere Anweisungen. Meisterin Sokei verweist auf eine beruhigende Regel: „Der Teeraum ist ein Ort, um Fehler zu machen.“

Nun die Verbeugungen – vor dem Raum und voreinander. Sie legt einen geschlossenen Fächer vor sich auf den Boden. „Er verschafft eine respektvolle Distanz zwischen Gast und Gastgeber. Erst so kann eine Verbindung entstehen“, erklärt die Meisterin. Was sie damit meint, wird erst am Ende der Zeremonie klar.

Reden ist erlaubt, solange es um Chado geht. In Japan würde man nun gemeinsam Teeblumen und Bilder betrachten oder hinaus in den Steingarten blicken. Das Lindenmuseum hat immerhin eine Kalligrafie aufgehängt. Der Tatami könnte mal wieder ausgebessert werden. Doch mit etwas Wohlwollen und Wabi Sabi – eine japanische Philosophie, die lehrt, im Unvollkommenen das Vollkommene zu finden – bekommt auch dieser Raum seinen eigenen Glanz.

Die Meisterin schiebt dem Gast einen Teller mit einer Süßigkeit zu – zum Betrachten. Dann setzt sie sich an ihren Platz, vor sich Utensilien wie Kessel, Schöpfkelle, Bambusbesen, diverse Gefäße. Sie verbeugt sich auch vor diesen und hält kurz inne, sammelt sich wie eine Solistin vor ihrem Spiel – und der offizielle Teil beginnt.

Harte Schule bei Meister Wakao Takao

Wie bei einem Tanz ist keine Bewegung dem Zufall überlassen, jeder Handgriff Teil einer Choreografie. Zuerst richtet sie jedes Utensil aus, platziert es Millimeter genau im Raum, pausiert. Dann zückt sie ein Seidentuch aus ihrem Obi, zieht es ruckartig an seinen Enden auseinander, sodass es knallt, legt es wieder kunstvoll und kompakt zusammen. Damit streicht sie sanft über den Teebehälter und, nachdem sie das Tuch erneut umfaltet hat, über den Bambusteelöffel. Eine symbolische Reinigung. Allein die Tuchhandgriffe musste sie zwei, drei Monate lang studieren, bis sie saßen. Andere brauchen dafür ein halbes Jahr.

Den Weg des Tees hat sie nicht ganz freiwillig eingeschlagen. Sie und ihre Zwillingsschwester waren ein wildes Gespann. Als die Mädchen mit zehn Jahren immer noch weit entfernt waren vom japanischen Ideal der bescheidenen, anmutigen Frau, wusste die Mutter sich nicht mehr anders zu helfen: „Ihr zwei geht von nun an zu Meister Wakao Takao.“ Bis zum Ende der Oberschule verbrachten die Schwestern jeden Samstag im Haus des Teemeisters. „Er war freundlich, aber streng.“

Die Meisterin steckt das Tuch behutsam wieder ein. Im Lehrbuch heißt es: „Trennt euch von jedem Gegenstand mit einem zögernden Bedauern, als würdet ihr euch von einem geliebten Menschen trennen.“ In der nächsten Sequenz wendet sie sich der Schöpfkelle zu. Auch so ein Kapitel für sich. Sie dreht die offene Seite der Kelle zu sich, als würde sie in einen Spiegel blicken. „So werde ich mir meiner bewusst.“ Eine Kelle Wasser lässt sie in die Teeschale plätschern, knapp vor den Rand, damit nichts auf den Tatami trielt. Das ist der Moment, wenn der Gast die Süßigkeit zu sich nehmen darf. Dorayaki ist ein Teigsandwich mit süßer Bohnenpaste. Aber wie soll das bloß in den Mund gelangen? Mit einem Happs oder zerteilt mit dem Zahnstocher? Und wird das Papierchen darunter beim Verzehr auch mit angehoben? Fehler sind erlaubt, das Dorayaki findet seinen Weg. Es schmeckt köstlich, und der Gast verpasst einige Handgriffe der Meisterin.

Diese ist bereits bei dem Abschnitt angelangt, den sich Matcha-Fans auf Youtube anschauen. Das sind inzwischen einige. Die Nachfrage nach dem „grünen Gold“ ist zuletzt weltweit explodiert. Das Problem ist nur: Die Produktion von Matcha ist aufwendig und kann nicht beliebig gesteigert werden, schon gar nicht die Herstellung in „zeremonieller Qualität“. Gerade den möchten aber viele täglich zum Frühstück trinken. Dafür sind sie bereit, für ein Döschen mit 15 Portionen 40 Euro hinzublättern. Händler haben schon ihr Angebot rationiert, damit genug für die Tempel übrig bleibt. „Auch mein Online-Händler ist ausverkauft“, erzählt die Meisterin. Ihre Schwester, die in Japan lebt, hilft aus. „Ihr Händler verkauft auch nur eine Dose pro Kunde. Aber sie geht einfach mehrmals.“

Tausende Tassen hat sie schon zubereitet: zwei Löffelchen von dem Pulver in die vorgewärmte Schale, dazu 100 Milliliter heißes Wasser, beides mit dem Bambusbesen vermischen, lockere Schläge aus dem Handgelenk, die ein W beschreiben, so entsteht ein feiner Schaum – und fertig ist Matcha in seiner Urform. Er schmeckt wie junges Gras, nussig und zartbitter. Zusammen mit der Restsüße des Dorayaki hinterlässt er einen samtigen und vollmundigen Geschmack. Ein Seelengetränk. Nicht lang ist es her, dass der Tee hierzulande in die Kategorie „ungenießbares Exotengetränk“ fiel. „Die Leute sagten, er schmecke nach Spinat oder Algen“, erinnert sich Meisterin Sokei.

Der Matcha ist getrunken, die Zeremonie aber nicht beendet. „Erst, wenn die Schale leer ist, können wir ihre volle Schönheit bewundern.“ In ihrem Inneren ist ein chinesisches Schriftzeichen eingraviert. Es steht für Wind, passend zum Wetter draußen.

Die Coda neigt sich dem Ende. Meisterin Sokei reinigt die Schale und bringt jedes Utensil wieder in seine Ausgangsposition. Dann beendet sie den offiziellen Teil mit den Worten „Ich schließe.“ 20 Minuten lang hat ein Mensch für einen anderen Menschen konzentriert und mit Hingabe ein Schälchen warmen Tee in schönster Anmut zubereitet. Das muss man als Gast erst mal aushalten. Und annehmen. Was bleibt ist Dankbarkeit.

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