In Hamburg und München hängen sie schon: Schilder im S-Bahn-Netz, die sich an suizidgefährdete Menschen richten. Jetzt beteiligt sich auch Stuttgart an der Aktion.
„Reden hilft“, weiß Martin Rudolph-Zeller aus Erfahrung. Es kann sogar helfen, Leben zu retten. Angesichts der steigenden Zahl von Suizidhandlungen lotet die Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge aus, wie und wo Menschen ermutigt werden können zu reden und mitzuteilen, was sie bedrückt. Eine gute Möglichkeit ihre seelsorgerischen Dienste anzubieten, sieht sie im Öffentlichen Nahverkehr. Im Verein mit der katholischen Telefonseelsorge stieß sie bei der S-Bahn auf ein offenes Ohr. „Nach dem Vorbild von Hamburg und München wurde die S-Bahn/DB Stuttgart in der Suizidprävention lobenswert schnell aktiv“, erklärt Rudolph-Zeller.
Um niedrigschwellig Hilfe anbieten zu können werden laut Telefonseelsorge an ausgewählten Orten im S-Bahn-Netz Hinweisschilder angebracht, „die einen direkten Zugang zu Hilfe eröffnen und zur Kontaktaufnahme ermutigen“. Auf den Schildern sind die kostenfreien, anonymen und ständig erreichbaren Telefonnummern der Telefonseelsorge angegeben: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Über einen QR-Code könnten Betroffene zudem zu weiteren Unterstützungsangeboten sowie zur Online-Seelsorge per Chat oder E-Mail gelangen, teil Rudolph-Zeller mit.
Niedrigschwellige Angebote können Suizide verhindern
Suizidprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, betont Rudolph-Zeller. „Umso wichtiger ist die Zusammenarbeit mit Partnern, die im öffentlichen Raum Verantwortung übernehmen. Deshalb freuen wir uns auf das gemeinsame Projekt mit der S-Bahn Stuttgart.“ Sie sei das Rückgrat der Alltagsmobilität mit täglich mehr als 350 000 Fahrgästen. Betroffenen sollten mit der Aktion „sichtbare Impulse gegeben werden, sich zu öffnen und ins Gespräch zu kommen“, sagte Rudolph-Zeller. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigten, dass ein erheblicher Anteil von Suizidhandlungen impulsiv erfolge und zwischen Entscheidung und Handlung häufig nur ein kurzer Zeitraum liege. Die Forschung zu sogenannten Hotspots belege zudem, dass niedrigschwellige Maßnahmen – wie sichtbare Hinweise auf Hilfsangebote – suizidale Handlungen unterbrechen oder verhindern können.
„ Wenn wir mit diesem Projekt auch nur einen Menschen in einer akuten Krise erreichen und unterstützen können, ist das bereits ein wichtiger Schritt, um Leben zu retten und Hoffnung zu schenken“, sagt der Leiter der katholischen Telefonseelsorge Bernd Müller. Ein Suizid betrifft niemals nur eine einzelne Person, sondern hinterlasse tiefe Spuren bei allen, die unmittelbar oder mittelbar mit dem Ereignis konfrontiert seien: „Auch der Bahnverkehr und die dort Arbeitenden bleiben von der menschlichen Tragweite nicht ausgenommen.“
S-Bahn-Chef Glaub lobt die Partnerschaft
„Die S-Bahn ist froh, mit den beiden Telefonseelsorge-Stellen in Stuttgart einen neuen Partner an ihrer Seite zu haben, der tatkräftig bei der Prävention von Suiziden im regionalen Bahnverkehr unterstützt“, sagte Matthias Glaub, Vorsitzender der Geschäftsleitung der S-Bahn Stuttgart: „Wir sind voller Hochachtung vor der professionellen Leistung, Menschen in seelischen Ausnahmezuständen zu erreichen, ihnen einen einfachen Zugang zur Hilfe zu ermöglichen und kritische Situationen zu entschärfen.“ Die Stadt Stuttgart ist an dem Angebot mit der Arbeitsgruppe „Suizidprävention in Stuttgart“ mit beteiligt.
Hilfsangebote
Telefonseelsorge
Wenn Sie selbst unter Depressionen leiden oder Suizidgedanken haben, wenden Sie sich bitte sofort an die Telefonseelsorge. Auch wenn eine nahestehende Person betroffen ist, zögern Sie nicht, die Telefonseelsorge zu kontaktieren. Telefonnummer: 0800 1110 111
Hilfe für Betroffene und Angehörige
Es ist wichtig, dass Eltern, Verwandte und Freunde besonders aufmerksam sind, wenn bei Kindern oder Jugendlichen Anzeichen von Depressionen oder Suizidgefahr auftreten. Im Jahr 2023 war Suizid die häufigste Todesursache bei jungen Menschen im Alter von 10 bis 25 Jahren.
Auch hier gibt professionelle Hilfe
www.deutsche-depressionshilfe.de
Info-Telefon Depression für Betroffene und Angehörige: 0800 33 44 5 33
E-Mail-Beratung für Betroffene und Angehörige: bravetogether@deutsche-depressionshilfe.de
Kinder und Jugendtelefon: 116 111 (Montag bis samstags 14 bis 20 Uhr)
Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/