Kritik an ARD wegen Klischees Verein von der Alb beschwert sich über Stuttgarter Tatort

Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller) mit der Mutter der getöteten Frau im aktuellen Stuttgarter Tatort, der am Sonntag erstmals ausgestrahlt wurde. Foto: SWR/Benoît Linder

Der Tennisverein Münsingen organisierte für den Stuttgarter Tatort 130 Statisten. Nach der Ausstrahlung des Krimis überwiegt der Ärger über die Darstellung des Dorflebens auf der Schwäbischen Alb. Der Vorstand wendet sich in einem Brief an die ARD.

Baden-Württemberg: Florian Dürr (fid)

Voller Vorfreude schalten die Vereinsmitglieder des Tennisvereins Münsingen am Sonntag den Fernseher ein. Es ist 20.15 Uhr, „Tatort“-Zeit. Sie haben in der Krimi-Folge mitgewirkt, rund 130 Statisten für den Dreh organisiert. Eineinhalb Jahre mussten sie auf diesen Moment warten, denn die Dreharbeiten im 128-Einwohner-Dorf Bichishausen, das zu Münsingen gehört, fanden bereits im März 2023 statt. Endlich ist es so weit. Film ab: Hanna Riedle wird in Stuttgart tot aufgefunden. Zuvor hatte sie ihr Heimatdorf verlassen und einen Neuanfang in der Großstadt gewagt.

 

Wirt der Gaststätte Hirsch in Bichishausen: „Wir fühlen uns verarscht“

Was die Vereinsmitglieder in den eineinhalb Stunden zu sehen bekommen, erfreut sie gar nicht: „Was sich dem Zuschauer geboten hat, war ein Affront gegenüber den Menschen im ländlichen Raum und insbesondere auf der Schwäbischen Alb“, kritisiert Jochen Schuster, der Vereinsvorsitzende des TV Münsingen, in einem Schreiben an die ARD. „Die Art und Weise, wie das dörfliche Leben dargestellt wird, entspricht nicht der Lebensrealität des Jahres 2024“, schreibt Schuster weiter und schlussfolgert: „Ganz offenbar liegt der letzte Besuch der Drehbuchautoren auf dem Land Jahrzehnte zurück.“

Mit seiner Meinung ist der 37-Jährige nicht allein. Auch in den sozialen Medien echauffierten sich einige Nutzer über die Darstellung des Landlebens: „Danke, dass wir wieder als Dorfdeppen dargestellt werden“, schreibt eine Nutzerin beim Kurznachrichtendienst X. Der SWR entgegnet, dass die Kritik die Erwartung unterstelle, der Tatort bilde die Realität 1:1 ab. „Das ist aber nicht unser Anspruch“, erklärt eine Sprecherin. Der Krimi wolle „keine Verallgemeinerung über das Leben in ländlichen Gebieten sein“, heißt es. Man nehme die Kritik aber „sehr ernst“: „Sie ist für uns wertvoll, zeigt sie doch, wie der fertige Film ankommt – und was wir beim nächsten Mal besser und anders machen können“, so die Sprecherin.

Wirt: „Es war einmal in einem Dorf auf der Alb“ wäre der bessere Titel

Doch nicht nur der Sportvereinsvorsitzende, auch der Wirt der Gaststätte Hirsch in Bichishausen, die im „Tatort“ vorkommt, ist verärgert. Alfred Tress war selbst als Komparse zu sehen. Für Sonntagabend hatte der 64-Jährige eine Scheune ausgeräumt, um Platz zu machen für rund 100 Freunde und Bekannte. Man wollte gemeinsam den „Tatort“ auf Großleinwand anschauen. Doch die Hochstimmung kippte rasch. „Wir haben uns verarscht gefühlt“, sagt Tress: „Eigentlich müssten wir jetzt ein Jahr GEZ-frei bleiben.“

Der Mord an Hanna Riedle führt die Ermittler Thorsten Lannert (Richy Müller, l.) und Sebastian Bootz (Felix Klare) aufs Land. Foto: SWR/Benoît Linder

Seine Gaststätte sei zwar nicht die modernste, aber so altbacken wie sie im Film aussieht, sei sie nun auch nicht. Ohnehin diente das Gasthaus Hirsch nur für die Außendarstellung. Tress hätte sich gewünscht, dass die Macher mehrere Szenen moderner und damit realitätsgetreuer dargestellt hätten.

Vereinsvorstand: „Landleben wird dargestellt wie in den 50er-Jahren“

So sieht es auch Jochen Schuster. Der Vorsitzende des TV Münsingen versteht, dass ein Film auch von Klischees und übertriebener Darstellung lebe, aber er findet, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk dabei seinen Bildungs-und Informationsauftrag nicht vernachlässigen dürfe. „Gerade in dieser Zeit, in der es viele gesellschaftliche Konflikte gibt, auch den zwischen Stadt und Land“, sagt Schuster, „ist es nicht zielführend, das Landleben so darzustellen wie in den 50er-Jahren“. Ein rückständiges Dasein, bei dem sich „allabendlich die Dorfgemeinschaft im einzigen Gasthaus unter dem Hirschgeweih zum Biersaufen trifft“, gebe es so nicht.

Man habe die Chance vertan, mit einer „realeren Darstellung des Dorflebens anno 2024 die durchaus vorhandenen Probleme aufzuzeigen“, etwa die Schließung von Infrastrukturen wie Notfallpraxen, Banken, Gastronomie, sagt Schuster. Man wolle, schreibt Schuster, die Filmemacher zu einem erneuten Besuch auf die Schwäbische Alb einladen, „wo wir Ihnen und Ihrem Publikum demonstrieren, wie modernes Leben auf dem Land tatsächlich aussieht – ganz ohne Lynchmobs, alte Autos, Vereinsmeierei und von den Eltern vorgefertigten Lebensentwürfen“.

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