Teodor Currentzis verlässt SWR-Symphonieorchester Der umstrittene Star am Pult geht

Er ist entflammt – und entflammt andere: Teodor Currentzis. Foto: Alexandra Muravyeva/Barbara Gindl

Mit Benjamin Brittens „War Requiem“ verabschiedet sich Teodor Currentzis am 6. und 7. Juni als Chefdirigent vom SWR-Symphonieorchester. Für den Klangkörper war er Fluch und Segen zugleich.

Musik über Trümmern, dunkel, gewaltig. „Mein Thema ist der Krieg und das Leid des Krieges. Die Poesie liegt im Leid. Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist: warnen.“ Das schrieb einer, der selbst ein Dichter war, und der Komponist Benjamin Britten hat Wilfred Owens Worte als mahnendes Motto über eines seiner schönsten und schrecklichsten Werke gestellt: das „War Requiem“.

 

Das 1962 entstandene Stück für eine monumentale Besetzung (Solisten, Chor, Knabenchor, Orgel, Kammerorchester und ein groß besetztes Sinfonieorchester) erinnert an den deutschen Angriff auf die englische Stadt Coventry im November 1940; durch die Verknüpfung der liturgischen Requiemtexte mit Gedichten des im Ersten Weltkrieg gefallenen Owen weitet es das Panorama, wird zu einer erschütternden Anklage gegen Krieg und Zerstörung.

Currentzis blieb angesichts des Ukraine-Kriegs sprachlos

An diesem Donnerstag und Freitag gibt Teodor Currentzis seine letzten beiden Stuttgarter Konzerte als Chef des SWR-Symphonieorchesters, und dass Currentzis hier ausgerechnet das „War Requiem“ dirigiert, darf man als Statement verstehen. Der gebürtige Grieche mit russischem Pass, dessen eigenes Ensemble MusicAeterna von Putin-nahen Unternehmen gefördert wird, hat sich öffentlich nie zum Angriffskrieg seines Wahlheimatlandes gegen die Ukraine geäußert. Das hat man ihm vorgeworfen, und mit diesen Vorwürfen musste sich auch sein Arbeitgeber, der Südwestrundfunk, auseinandersetzen. Currentzis ist aber sprachlos geblieben – und fügt jetzt seinen wiederholten nonverbalen Stellungnahmen (unter anderem mit einem Konzert, das den Titel „Appell für Frieden und Versöhnung“ trug) eine weitere hinzu. Ob Wilfred Owens Worte auch ihm aus der Seele sprechen, ob der Krieg und das Leid des Krieges auch Currentzis’ Themen sind: Man kann es nur ahnen.

Lassen sich Kunst und Künstler voneinander trennen?

Seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges 2022 hat das Thema einen Schatten auf den Star geworfen. Es hat für heftige Diskussionen gesorgt, auch über die alte Frage, wie und ob überhaupt sich Kunst und Künstler, auch Kunst und Moral voneinander trennen lassen. Bei großen verstorbenen Komponisten ist sie längst beantwortet – wie könnte man sonst die Werke des Antisemiten Wagner heute noch hören und genießen? Bei lebenden Künstlern ist die Sache komplexer. Currentzis selbst stand wie kaum ein anderer Klassikstar für die Untrennbarkeit von Kunst und Leben, und so kann man es nicht schlüssig finden, wenn angesichts des Krieges beide Bereiche plötzlich wieder getrennt werden sollen. Aber Interpreten mit Glamourimage haben Fans, und unter denen regiert die Nachsicht. Wer will schon, dass sein Idol Kratzer bekommt?

Journalistisch hat der SWR das Thema Currentzis und Russland gemieden – was zum Anspruch einer Medienanstalt nicht passt. Man wird deshalb froh sein, eine Last loszuwerden. Und darf gleichzeitig doch auch dankbar sein. Denn Teodor Currentzis war eben nicht nur Last, sondern auch Lust und Gewinn. Vom Zusammenwachsen zweier Klangkörper nach der Zwangsfusion von 2016 redet sechs Spielzeiten nach Currentzis’ Amtsantritt 2018 keiner mehr. Das ist auch das Verdienst des Dirigenten. Der sorgt in der Stuttgarter Liederhalle regelmäßig für einen vollen Beethovensaal, manchmal sogar für Warteschlangen von Kartensuchenden bis hinaus auf den Berliner Platz.

Daran hat auch Currentzis’ Schweigen nichts geändert. Dessen Ausstrahlung hat auch vor dem Pult gewirkt: Unter seiner Leitung sind die Musikerinnen und Musiker aus Freiburg und Stuttgart nicht nur zu einer Einheit zusammengewachsen, sondern haben sich für Experimente geöffnet. Ungewöhnlich war manche Sitzordnung, waren die kammermusikalischen Zugabenteile nach den Sinfoniekonzerten. Sogar einen Bach-Choral hat man gesungen. „Das Orchester“, sagt dessen Gesamtleiterin (Intendantin) Sabrina Haane, „ist Currentzis wahnsinnig dankbar. Niemand hat nach der Fusion an den neuen Klangkörper geglaubt, es war schwierig, Gastkonzerte zu akquirieren, das Ensemble war total zerrissen. All das hat er komplett umgekehrt.“

Charisma ist eine große Gabe, und Currentzis verfügt in hohem Maße über sie. Das ist ein Geschenk nicht nur für ein Orchester, das seine Stimme erst finden muss, sondern auch für die ganze Branche. Von Klassikkrise kann bei Currentzis nicht die Rede sein. Man mag über seine Darbietungen streiten, die oft auf spektakuläre musikalische Einzelereignisse fokussiert sind, aber irgendwo in den Partituren finden sich immer Argumente. Currentzis mag manche Details ignorieren, die seiner Sicht nicht entsprechen. Aber er trägt, vor allem bei emotional stark aufgeladenen Werken, ein Feuer weiter. Er ist entflammt, er entflammt andere. Wer die klassische Musik liebt, also ernsthaft an einer Verjüngung ihres Publikums interessiert ist, muss Fackelträger wie ihn hoch schätzen.

Doppelkonzerte in Stuttgart und Freiburg

Dennoch wurde (was schon vor dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs feststand) der Vertrag mit dem Dirigenten nicht verlängert. In dieser Woche endet die Ära Currentzis beim SWR-Symphonieorchester mit Doppelkonzerten in Stuttgart und Freiburg, denen sich letzte Gastspiele in Berlin, Dortmund und Hamburg anschließen. Gastengagements in den kommenden Spielzeiten sind noch nicht geplant. So wird Brittens monumentales Antikriegsstück bis auf weiteres das letzte Werk sein, das Teodor Currentzis mit „seinem“ Orchester aufführt. Die Musik wird ebenso nachklingen wie Wilfred Owens Verse. „Weh!“, singt der Bariton angesichts des drohenden Weltgerichts, „Was werde ich Armer sagen? Welche Fürsprache werde ich erbitten können, wenn selbst die Gerechten verzagen?“

Teodor Currentzis nimmt Abschied

Stuttgart
Die letzten Auftritte des Dirigenten als Chef des SWR-Symphonieorchesters im Beethovensaal finden an diesem Donnerstag und Freitag (6./7. Juni) jeweils um 20 Uhr statt. Auf dem Programm steht Benjamin Brittens „War Requiem“. Neben dem Orchester und dem SWR-Vokalensemble singen Irina Lungu (Sopran), Allan Clayton (Tenor), Matthias Goerne (Bariton), der Knabenchor Collegium Iuvenum Stuttgart und der London Symphony Chorus. Beide Konzerte sind ausverkauft, an der Abendkasse kann man auf zurückgegebene Karten hoffen.

Livestream
Das Konzert am Freitag ist ab 20.03 Uhr auf SWR Kultur zu hören. Dort finden sich auch Mitschnitte vergangener Konzerte von Currentzis mit dem SWR-Symphonieorchester. Die Videos dazu gibt es unter www.swr.de und unter www.ardmediathek.de.

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