Die Viertklässler in Baden-Württemberg haben in dieser Woche Kompass 4 geschrieben. Foto: Martin Schutt/dpa
Nach der verpatzten Premiere musste das Ministerium nachbessern. Wir haben Lehrkräfte aus Stuttgart um eine Einschätzung gebeten, ob die Kompass-4-Tests diesmal angemessen waren.
Vielen Mädchen und Jungen war doch ein bisschen mulmig zumute, und manche hatten richtig Angst. „Einen Test mit so vielen Seiten habe ich noch nie geschrieben“, sagte ein Kind. Und ein anderes ergänzte, dass das Ergebnis mit darüber entscheiden könne, auf welche Schule man nach der vierten Klasse gehe. Hinterher waren alle erleichtert: „War dann gar nicht so schwer“, so das Fazit.
Diese Stimmen hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nach dem Kompass-4-Test in Deutsch gesammelt. Diesen mussten am Mittwoch alle Viertklässlerinnen und Viertklässler im Land schreiben. Am Donnerstagvormittag folgte der Mathe-Test. Das Kultusministerium hatte die Kompetenzmessungen im vergangenen Jahr im Zuge der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium eingeführt. Bei der Premiere im Herbst 2024 schnitten die Schülerinnen und Schüler vor allem in Mathe denkbar schlecht ab, weshalb die Test noch einmal überarbeitet wurden und in diesem Jahr leichter sein sollten.
Kerstin Vollmer leitet den Grundschulbereich an der Waldschule Degerloch. Foto: privat
„Die Kinder waren im Vorfeld schon ein bisschen aufgeregt“, sagt Kerstin Vollmer im Gespräch mit unserer Zeitung. Sie leitet den Grundschulbereich an der Waldschule in Degerloch und ergänzt: „Wir haben unsere Schülerinnen und Schülern darin bestärkt, dass sie zeigen sollen, was sie können.“ Das hätten sie auch getan, und nach den Tests sei die Stimmung entspannt gewesen.
Den Deutsch-Test fand Kerstin Vollmer schon im vergangenen Jahr in Ordnung. Der Mathe-Test aber war 2024 knifflig und sei in diesem Jahr „deutlich machbarer“ gewesen, sagt die Grundschullehrerin. Umfang und Inhalt seien diesmal in beiden Fächern passgenau gewesen, so ihre Einschätzung. Natürlich habe es auch knifflige Aufgaben gegeben, zum Beispiel in Mathe beim Thema räumliche Vorstellung. „Das braucht es bei so einem Test aber auch“, findet Kerstin Vollmer.
So, wie Kompass 4 in diesem Jahr gestaltet gewesen sei, sei er durchaus hilfreich und interessant für die Beratung der Eltern, wenn es darum gehe, mit welcher Schulart es für das Kind nach der vierten Klasse weitergehen solle.
Die Lehrkräfte an der Waldschule in Degerloch haben ihre vierten Klassen bewusst nicht explizit auf Kompass 4 vorbereitet – jedenfalls nicht, indem die Aufgaben aus dem vergangenen Jahr gerechnet oder ausgedruckt mit nach Hause gegeben wurden. „Aber wir haben die Kinder im Gespräch auf die Art der Prüfungssituation vorbereitet“, sagt Kerstin Vollmer.
Natürlich hätten manche Eltern mit ihren Kindern für Kompass 4 gelernt und dazu zum Beispiel den alten Test herangezogen. Vor diesem Hintergrund könne man hinter die Aussagekraft von Kompass 4 auch ein Fragezeichen setzen. Eine Tendenz, die sich in den kommenden Jahren, wenn immer mehr alte Kompass-4-Aufgaben zugänglich werden, weiter verstärken könnte.
Petra Fix leitet die Grundschule Heumaden. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Auch an der Grundschule Heumaden haben die Kinder im Unterricht nicht explizit für Kompass 4 gelernt. „Die Kinder wurden fachlich etwas vorbereitet durch Wiederholung allgemeiner Aufgaben zum Leseverständnis, Grammatik, Rechenoperationen, Größen und Gewichte. Diese Wiederholungen finden aber auch sonst zu Beginn des neuen Schuljahres statt“, sagt die Rektorin Petra Fix. Ansonsten seien die Kinder beruhigt und ihnen Mut zugesprochen worden.
Dennoch seien die Mädchen und Jungen vor den Kompetenzmessungen spürbar aufgeregt und hinterher etwas überdreht gewesen. Beide Tests seien aus Sicht der Lehrkräfte für einen großen Teil der Kinder machbar, beziehungsweise die Aufgaben für die Klassenstufe 4 angemessen gewesen. Die Tests seien so gestaltet gewesen, dass es am Anfang einige einfachere Aufgaben gegeben und sich der Schwierigkeitsgrad dann gesteigert habe. „Dies ist für die Kinder deutlich besser“, sagt Petra Fix.
Auf die Frage, ob die Tests zielführend seien, antwortet sie: Kompass 4 könne ein zusätzlicher Baustein im Übergangsverfahren von der Grundschule auf die weiterführende Schule sein. „In der ersten Wahrnehmung der Lehrkräfte scheinen die Ergebnisse den Leistungen der Kinder im Unterricht ungefähr zu entsprechen. Die genaue Auswertung fehlt aber noch.“
Klassenlehrer haben versucht, den Druck rauszunehmen
Daniel Zwirn, ist Klassenlehrer der 4b an der Pragschule in Stuttgart-Nord und sagt: „Es gab kein spezifisches ,teaching to the test’.“ Sein Kollege Johannes Knapp, der auch Konrektor der Pragschule ist, ergänzt: „Wir haben bei den Kindern den Druck raus genommen und ihnen gesagt, dass es für uns als Lehrkräfte eine zusätzliche Einschätzung ist, was sie bereits können und wo ihre Entwicklungsbereiche sind.“
Den Eltern habe man im Vorfeld noch einmal ganz klar kommuniziert, was ihr Nachwuchs in Klasse 3 alles gelernt habe. Kompass 4 sei inhaltlich im Wesentlichen nicht über den Stoffe der Klasse 3 hinausgegangen, so die beiden Lehrer. Das Niveau der Tests sei angemessen, die Aufgabenstellungen seien passend, und auch die sprachliche Gestaltung sei in Ordnung gewesen.
Ebenso wie Kerstin Vollmer von der Waldschule finden auch die beiden Lehrer von der Pragschule, dass der Deutsch-Kompass schon im vergangenen Jahr machbar gewesen sei und in diesem Jahr beide Tests „passend zum Leistungsniveau der Grundschule“ gestaltet worden seien.
Ein bisschen angespannt waren die Mädchen und Jungen vorher aber natürlich trotzdem. Doch kurz nach dem Start habe sich die Aufregung gelegt, sagt Daniel Zwirn und ergänzt: „Hinterher war die Stimmung positiv. Es gab niemanden, der frustriert war.“
Neue Grundschulempfehlung
Navi 4 Kompass 4 ist Teil der neuen verbindlichen Grundschulempfehlung Navi 4, die das Kultusministerium im Rahmen der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium eingeführt hat. Sie umfasst zwei weitere Komponenten, nämlich die pädagogische Gesamtwürdigung der Klassenkonferenz (insbesondere auf Grundlage der Noten) und den Elternwillen.
Potenzialtest Nur wenn zwei der drei Komponenten von Navi 4 in Richtung Gymnasium zeigen, bekommt das Kind eine entsprechende Empfehlung. Erhält ein Kind keine Gymnasialempfehlung und soll dennoch den direkten Weg zum Abitur einschlagen, kann es den Potenzialtest absolvieren. Ein bestandener Potenzialtest berechtig ebenfalls zum Besuch des Gymnasiums