Alle kennen Biontech, gegründet von zwei Forschern mit türkischen Wurzeln. Doch wenn darüber hinaus von erfolgreichen Start-ups mit Einwanderergeschichte die Rede ist, hört die Aufzählung bald auf. Dabei geht es bei diesen Unternehmensgründungen um viel hochwertigere Vorhaben als um klischeebehaftete Döner-Buden.
Um diese Szene noch besser zur Geltung kommen zu lassen, wurde an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart das Modellprojekt „The Migrant Accelerator“ (TMA)“ (deutsch: der Zuwandererbeschleuniger) entwickelt. Über einen Zeitraum von drei Jahren werden Migrantinnen und Migranten bei der Umsetzung von innovativen Geschäftsideen in Deutschland begleitet, ihre unternehmerischen Potenziale gestärkt und Erfahrungen mit Unterstützungsbedarf gesammelt. Im Rahmen des Programms „Exist – Existenzgründungen aus der Wissenschaft“ fördert das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) das Programm seit dem 1. April mit 257 000 Euro. „Migrantinnen und Migranten bringen oft einzigartige Perspektiven und internationale Erfahrungen mit, die einen wertvollen Beitrag für jedes Gründungsteam leisten können“, sagt die Start-up-Beauftragte des Ministeriums und Stuttgarter Bundestagsabgeordnete, Anna Christmann (Grüne). „Ich erhoffe mir von dem Projekt eine weitere Stärkung der Diversität des Start-up Ökosystems.“
Türen öffnen und Netzwerke schaffen
Da ist zum Beispiel die Italienerin Ludovica Lerma, die mit Kai Fröhner das Berliner Start-up Deep Skin AI gegründet hat – mit Künstlicher Intelligenz soll die Hautanalyse verbessert und zum Beispiel Akne auch bei dunkleren Hauttypen entdeckt werden. Lerma hat die Software dazu geschrieben.
Netzwerke schaffen, Türen zu Investoren oder Pilotkunden öffnen – das ist ein Hauptanliegen vom Projekt TMA. Durch Qualifizierung und Mentoring soll den Wagemutigen die Gründung erleichtert werden. Das Programm hilft, Sprachbarrieren und bürokratische Hürden zu überwinden. „Die Start-up-Szene ist aktuell sehr elitär und sehr weiß“, sagt die Projektleiterin Shamila Borchers. „Ich würde nicht immer direkt von Diskriminierung sprechen – die Bevorzugung passiert oft unbewusst.“ Ähnlichkeiten erleichtern das Verstehen – und wohl auch das Geldgeben. Dass Einwanderer Widerstandsfähigkeit und Durchhaltevermögen mitbringen, um sich in der fremden Gesellschaft zurechtzufinden, kann ihnen bei der Unternehmensgründung nur helfen.
„The Migrant Accelerator“ wurde 2022 ins Leben gerufen – als erstes Programm dieser Art für Menschen mit Migrationshintergrund. Zehn bis 15 Teams erhalten dabei individuelle Unterstützung wie Johanna Kutter schildert, die ebenso Teil des vierköpfigen Projektteams ist. Das „Herz“ des Programms sei die „Community“, die vor allem den Erfahrungsaustausch ermöglicht. In der dritten Säule gehe es um das Gründungssystem als Ganzes und „den Versuch, lokale Anlaufstellen inklusiver zu gestalten“, sagt Kutter. Vor Ort seien die Kenntnisse und die Offenheit im Umgang mit migrantischen Gründern oft gering. „Da setzen wir auch an: bei den Akteuren, die sich mit Gründungen im Allgemeinen befassen.“ Womit nicht zuletzt die Behörden gemeint sind, weil es ja auch um ausländerrechtliche Belange geht. Bei der HDM laufen alle Fäden zusammen. Der Bund fördert die Anlaufphase, doch werde weiter nach Geldgebern gesucht, sagt Kutter. „Es reicht leider noch nicht.“
Bisher haben 25 Start-ups das Programm durchlaufen – mehr als 100 stehen auf der Warteliste. Sie kommen aus 31 Herkunftsländern rund um den Globus. Mehr als 100 Mentoren engagieren sich freiwillig, weil sie selbst als Einwanderer Gründungserfahrung haben und ihnen das Programm wichtig ist.
Jeder fünfte Gründer hat einen Migrationshintergrund
Laut dem „Migrant Founders Monitor“ machen Gründer mit Migrationshintergrund schon 21 Prozent des Start-up-Systems aus – Baden-Württemberg liegt fast im Schnitt, deutlich mehr gibt es in Berlin und Hessen.
58 Prozent der Gründer sind außerhalb Deutschlands geboren. 29 Prozent sind für das Studium gekommen, 22 Prozent für einen Job und acht Prozent gezielt für die Gründung. Das Bildungsniveau ist hoch: Drei von vier Betroffenen hätten einen Hochschulabschluss und ambitionierte Wachstumspläne, so der Monitor – unter Gründern insgesamt seien es 55 Prozent.
Kutter sieht darin eine Diskrepanz zwischen den Realitäten und dem Image der Gründer, die oft eher mit einem neuen Laden um die Ecke in Verbindung gebracht werden. Gerade im Kontakt mit Behörden und Ämtern (bei 42 Prozent) sowie Banken (31) sehen sich die „Migrant Founders“ im Nachteil gegenüber anderen Gründern.