The Sirens Collective 3800 Geschichten über sexuelle Übergriffe

, aktualisiert am 15.08.2023 - 11:00 Uhr
Kim Hoss (links) und Lise van Wersch haben The Sirens Collective gegründet. Foto: The Sirens Collective

Die Stuttgarter Influencerin Kim Hoss hat gemeinsam mit der Bildhauerin Lise van Wersch ein Kollektiv gegründet. Das Ziel: Licht auf die Dunkelziffer sexueller Übergriffe zu werfen.

Digital Desk: Katrin Maier-Sohn (kms)

Es sei bestimmt zehn Jahre her oder länger, schreibt Alex. Im Ort habe damals eine neue Bar aufgemacht. Sie und ein Kumpel seien zum Pre-Opening gegangen, wo sonst nur das „Who’s who“ geladen gewesen sei. Sie habe einen kurzen Jeansrock und ein schwarzes T-Shirt getragen. Die Stimmung sei super gewesen, die Bar voll und die Musik laut. Sie habe sich mit einem älteren Mann unterhalten, schreibt Alex weiter. Einer, der im Ort jedem bekannt sei und dessen Kinder sie gut kenne. Er habe sich über sie gebeugt, immer weiter rüber, um in ihr Ohr zu schreien, weil es so laut gewesen sei, und dann sei es zum sexuellen Übergriff gekommen. Sie habe das noch nie jemandem erzählt, schreibt Alex am 20. März auf der Seite thesirenscollective.com.

 

Bereits über 3800 andere Betroffen haben dort ihre Geschichte erzählt. Geschichten von sexueller Gewalt, Belästigung und Grenzüberschreitungen. „Das Sirens Collective ist ein Versuch, Licht auf die Dunkelziffer sexueller Übergriffe zu werfen. Wir betrachten das Thema als Künstlerinnen und widmen das Kollektiv allen, die unter Sexismus und Diskriminierung sowie Gewalterfahrungen leiden“, sagen die Gründerinnen Kim Hoss und Lise van Wersch. „Wir wollen sensibilisieren, Empathie wecken, keinesfalls Mitleid.“

Ein Alarmsignal, das die ganze Welt erschüttern soll

Die Idee zum Projekt entstand im Februar 2022 in Kims Podcast „Herz und Sack“. Dort spricht die Stuttgarter Kommunikationsdesignerin und Musikerin regelmäßig mit der Bloggerin Berit aka @marmeladekisses über Themen wie Dating, Frausein und Sex. Nach der Folge erreichten Kim und Berit viele Nachrichten. Die Inhalte waren nahezu identisch: Schilderungen von Übergriffen, die gar nicht mehr als solche wahrgenommen, sondern fast schon als normal hingenommen wurden.

Mit der Wut, die all diese Nachrichten auslösten, entstand bei Kim der Wunsch nach einem Alarmsignal, das die ganze Welt erschüttern sollte. Lise als Bildhauerin und Gestalterin folgte dem Gedanken und fragte Kim kurzerhand an, ob sie diese Installation gemeinsam in die Tat umsetzen und ein Konzept entwickeln wollen. Seit einem Jahr arbeiten die beiden Frauen gemeinsam an der Realisation.

Alle sind willkommen

Daraufhin ging passend zum Feministischen Kampftag am 8. März die Webseite Thesirenscollective.com online. Bereits nach einer Woche hatten 3500 Menschen anonym ihre Erfahrungen und Geschichten im Archiv veröffentlicht. „Alle sind dort willkommen, ihre Erfahrungen zu teilen, das gesamte Spektrum gehört in unser Archiv, es gibt kein ‚zu unwichtig‘ oder ‚zu schlimm‘“, so die Macherinnen. „Wir haben nur drei Grundsätze, die wir im Archiv wahren: Schreibe nur Beiträge, die dich persönlich betreffen; spezifische Beschreibungen zu Nationen und Herkunft gehören nicht in unser Archiv. Und: Das Archiv wird nicht für Danksagungen oder Anerkennung genutzt, auch wenn wir das natürlich sehr zu schätzen wissen.“

Sowohl Kim als auch Lise haben bereits selbst sexuelle Übergriffe erlebt. Je mehr man lerne, seine eigenen Grenzen zu setzen, desto bewusster würden einem auch Momente aus vergangenen Jahren werden, die sich eingebrannt haben und einfach zu weit gingen, so Kim. „Mir sind erst nach meinen ersten zwei Beiträgen im Archiv weitere fünf Vorfälle eingefallen, am nächsten Tag noch mal vier. Man liest sich durch das Archiv und stellt fest: Ach, das ist mir auch schon passiert, das hab ich total vergessen oder verdrängt.“

„Ein so großes Problem wird einfach unter den Teppich gekehrt.“

Die beiden Frauen sind überzeugt davon, dass es keinen falschen Moment gibt, über sexuelle Gewalt zu sprechen und einen Diskurs anzuregen – die große Resonanz auf ihre Webseite zeige das. Viel eher komme die Frage auf, warum wir eigentlich nicht gesamtgesellschaftlich ununterbrochen darüber sprechen? „Ein so großes Problem wird einfach unter den Teppich gekehrt. Das lassen wir nicht einfach so stehen.“

In einem nächsten Schritt soll das digitale Archiv von The Sirens Collective in physische, erlebbare Arbeiten, Installationen und Happenings umgesetzt werden. Außerdem soll das Projekt auch international Aufmerksamkeit erregen.

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