Theater in Stuttgart So war die Premiere von Oscar Wildes Komödie „Der ideale Mann“ in Stuttgart

Szene aus „Der ideale Mann“ von Oscar Wilde im Schauspielhaus Stuttgart mit Silvia Schwinger, Christiane Roßbach, Celina Rongen (v. li.). Foto: Arno Declair/Schauspiel Stuttgart

Marco Štorman inszeniert im Stuttgarter Schauspielhaus „Der ideale Mann“ von Oscar Wilde. Fans der TV-Serie „Brigderton“ könnten Gefallen an der Inszenierung finden. Lohnt ein Besuch?

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So sieht er also aus, der ideale Mann? Im Goldornat mit blonder Schmalzlocke und zweideutigem Lächeln, die Hand winkend zum Gruß erhoben als sei er der König von England? Nein, dieser Sir namens Robert Chiltern (gespielt von Gábor Biedermann) ist sicher nicht der ideale, tugendhaft rechtschaffene Mann. Robert Chiltern hat früh Geld und Macht erlangt, weil er als junger Politiker Staatsgeheimnisse verkauft hat.

 

Während es in der 1895 in London uraufgeführten Komödie von Oscar Wilde einige paradox funkelnde Bonmots und mehrere Reclam-Heft-Seiten lang dauert, bis die Leserschaft merkt, der Titel „Ein idealer Gatte“ ist wohl ironisch gemeint, lässt das Team um Regisseur Marco Štorman das Publikum leider keine Sekunde lang zweifeln.

Eine ruppige Wilde-Version in Stuttgart

Dass hier nicht nur mit Ehemännern, sondern mit Männern generell abgerechnet wird, macht auch der Titel klar. Gespielt wird am Samstagabend im Schauspielhaus Stuttgart „Der ideale Mann“, eine im Ton ruppigere Wilde-Version aus der Feder der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, 2011 am Wiener Burgtheater uraufgeführt.

Lord Gorings Diener (Karl Leven Schroeder) ist ein schleimiger Intrigant. Und Wildes Vorzeigedandy Goring (Felix Strobel) wird zum kurzbehosten Muttersöhnchen mit Vaterkomplexen. Er kuscht vor dem knarzigen, dickbäuchigen alten Herrn (Sven Prietz); an Jahren um einiges älter als er (was die Besetzung des Ensembles betrifft) sind die Damen seiner Wahl, die schlagfertige Mabel Chiltern (Gabriele Hintermaier) und seine Ex, Mrs. Cheveley (Christiane Roßbach).

Robert Chiltern (Gábor Biedermann) zieht seinen Freund Lord Goring (Felix Strobel) mit in den politischen Dreck in der Stuttgarter Inszenierung. Foto: Arno Declair / Schauspiel Stuttgart

Lord Gorings Bonmots über Männer und Frauen, über die Liebe und das Leben formuliert Felix Strobel mit einer weltmüden und angeekelten Miene. Das Lordchen bekommt heftige Gesichtszuckungen, wenn es mit den Hässlichkeiten der schnöden Realität konfrontiert wird. Zwar schimpft er seinen Freund Robert ordentlich aus. Sein plastikartig abwaschbar wirkender Anzug indes verrät, dass er doch nicht außerhalb der Gesellschaft steht und seine Ratschläge von aalglatter Oberflächlichkeit sind.

Schmerzensfrau im Zentrum in der Stuttgarter Inszenierung

Während die Herren mit ihren Schmerbäuchen, ihrer Schuljungenkluft und ihren Goldornaten zunehmend derangiert über die Bühne torkeln, behalten die Damen ihre Contenance. Nicht ein Härchen ihrer üppig graulockigen Perücke verrutscht etwa der Tratschtante Lady Markby – von Silvia Schwinger mit überbordender Spielfreude verkörpert.

Überdies wohnt das Publikum einer Ehrenrettung der bei Wilde rigoros moralinsauer und humorfrei daherkommenden Ehefrau des betrügerischen Politikers bei. Gertrud Chiltern wird von Celina Rongen mit holdem Blick und hochherziger Haltung interpretiert. Als sie erfährt, dass der von ihr idealisierte Gatte eine dunkle Vergangenheit hat, ist ihr Entsetzen unermesslich. Jede Faser eine Schmerzensfrau. Auch wenn sie sich dem Druck der korrupten Gesellschaft beugt und ihren Mann – vorerst – nicht zum Teufel schickt.

Sir Robert Chiltern (Gábor Biedermann) und seine bitter von ihm enttäuschte geliebte Frau Gertrud (Celina Rongen). Foto: Arno Declair/Schauspiel Stuttgart

Robert Chilterns Monolog, in dem er seiner Gattin Gertrud frech vorwirft, sie habe ihn immer schon zu stark idealisiert, fällt aus. Dafür in voller Länge gespielt wird der von Elfriede Jelinek aktualisierte Kapitalflucht-Dialog zwischen Lord Chiltern und seiner Nemesis, der perfiden Mrs. Cheveley. Sie besitzt den schriftlichen Beweis für Chilterns politischen Verrat von damals. Und sie will ihn heute dazu bringen, einen geplanten Kanalbau, ein Spekulationsobjekt, öffentlich zu unterstützen. „Sie werden davon schon gehört haben. Geld stinkt ja nicht, nicht mal, wenn es aus einem Kanal kommt“, raunt die von Christiane Roßbach mit wunderbar seifigem Lächeln gespielte Mrs. Cheveley dem Politiker Chiltern zu.

Ein Vorhang als Schaukel

Aus einer „Argentinischen Kanal-Gesellschaft“ bei Wilde wird bei Jelinek der „Hyper-Alpenkanal“ (die tagesaktuelle politische Aktualisierung in Sachen Kanäle wird ausgespart). Während der endlosen Ausführungen des Lords über wirtschaftliche Verflechtungen – „Geld fließt, sagen wir, aus der Schweiz oder meinetwegen aus dem Lichten Stein oder andren schattigen Oasen – schlagen Sie nach im Kapitel Familienstiftung! – in die Offshore“ – stellt die Regie Biedermann und Roßbach einfach an der Rampe ab. Irgendwann wird zumindest an dem aus lauter Schnüren bestehenden mächtigen Vorhang genestelt und eine Schaukel geflochten. Auf der will Sir Chiltern offenkundig Mrs. Cheveley vollends in den Schlaf schwingen.

Die dekadente Gesellschaft mit Kuchenresten im Gesicht: Lady Markby (Silvia Schwinger) und Vicomte de Nanajac (Karl Leven Schroeder, der auch Gorings Diener spielt). Foto: Arno Declair / Schauspiel Stuttgart

Lila sind diese imposanten Schnüre, in einer der Dandy-Lieblingsfarben. Dieser viele Assoziationen weckende Vorhang, dessen Flitterfäden ausschauen wie Papier, das durch eine Aktenvernichter gesteckt wurde, beherrscht die von Frauke Löffel gestaltete Bühne. Daneben finden sich zwei weitere Requisiten: Ernste Hintergrundgespräche geführt werden in einer riesigen alten Kutsche (vage in der Form an ein altertümliches SUV erinnernd), also einem bevorzugtes Fortbewegungsmittel der Konservativen. Und auf dem Boden, so schlicht darf es dann auch mal sein, liegt Dreck. Moralischer Morast, mit dem die Figuren sich besudeln.

Überdeutliche Botschaft

Ambivalenz und Finesse stehen nicht im Fokus der Regie. Dafür geht es darum, sehr deutlich zu zeigen, wie verkommen die Politik ist und wie sie bis ins Private hinein ätzt. Leidtragende sind die Frauen. Während Mrs. Cheveley sich etablieren will, in dem sie durch Intrigen ans Ziel kommt, will Lady Chiltern als hochstehende Moralistin reüssieren. Beide scheitern. Diese bei Oscar Wilde zwischen den Zeilen lauernde und sich als leichtfüßige Komödie tarnende Moral wird in Marco Štormans erstaunlich langatmig wirkender zweistündiger Inszenierung überdeutlich ausgestellt. Immerhin sind die von Yassu Yabara entworfenen Kostüme und Perücken beeindruckend, bonbonfarben und fluffig. Sie könnten glatt von den Figuren der Adels-TV-Serie „Bridgerton“getragen werden. Jede Menge Applaus hierfür.

Wiederentdeckter Wilde

Stuttgart
Oscar Wildes Komödie „Der ideale Mann“ wird im Schauspielhaus wieder am 30. März, 2., 9. 17.und 26. April, 5. 15. und 25. Mai gespielt. Regie führt Marco Storman, der an der Oper Stuttgart unter anderem John Adams „Nixon in China“ inszeniert hat. „Pretty Privilege“ von Wilke Weermann (auch Regie) nach Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ ist im Kammertheater am 2., 5., 10. April, 2. und 5. Mai zu sehen.

Frankfurt und Berlin
Das Schauspiel Frankfurt spielt Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“, für die Bühne bearbeitet von Ran Chai Bar-zvi und Lukas Schmelmer mit einem Kommentar von Marcus Peter Tesch. Die Uraufführung ist in der Spielstätte Kammerspiele zu sehen. Das Berliner Ensemble hat den irischen Dichter der Décadence, der von 1854 bis 1900 lebte, ebenfalls wieder entdeckt. Gespielt wird dort der als Brief formulierte Text „De Profundis“ als Solo, gespielt von Jens Harzer. Außerdem im Programm ist „Das Bildnis des Dorian Gray.“ Wenige Meter entfernt im Deutschen Theater Berlin steht das Theaterstück „Bunbury – Ernst sein is everything“ auf dem Spielplan.

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