Wenn Gilda Giebel morgens ihren schweren Schlüsselbund aus dem Schließfach geholt, die gesicherte Tür aufgeschlossen hat, dann stand sie Psychopathen, Narzissten und Sadisten gegenüber. Manche sind alles auf einmal. Sie sind Schwerverbrecher und Serienstraftäter. Keine kleinen Fische mit Bagatelldelikten, sondern mehrfache Mörder oder Vergewaltiger. Gilda Giebel sagt, sie hat diese Männer trotzdem „irgendwie gemocht“.
Sechs Jahre hat Giebel nach ihrer Forschungstätigkeit an der Universität Konstanz in der Sicherungsverwahrung gearbeitet. Dort, wo Schwerstkriminelle nach ihrer Haft verwahrt werden – zum Schutz der Gesellschaft. In ihrem Buch „Triebhaft – zwischen Narzissten, Psychopathen und Sadisten“ schreibt sie über ihre Tätigkeit als Psychotherapeutin in einer dieser Anstalten. Wo im Land diese war, darf sie nicht sagen. Inzwischen arbeitet sie in einer Sicherheitsbehörde, für die sie Gefährlichkeitsprognosen erstellt. Näheres will sie auch dazu nicht sagen.
Auch Psychopathen können unterhaltsam sein
Wie arbeitet man mit Menschen, die als das personifizierte Böse gelten? Und: wie kann man sie „mögen“? „Ich finde, man kann Menschen nicht nur negativ sehen“, sagt sie. „Psychopathen haben etwas sehr Unterhaltsames, sie sind facettenreich und risikofreudig.“ Häufig hätten die Täter selbst viel Schlimmes im Leben durchgemacht. „Sie sind mehr als nur ihre Taten.“
Gilda Giebel hat lange in Konstanz gelebt, dort Psychologie studiert und promoviert. Die Konstanzer Universität bietet als eine von ganz wenigen in Deutschland den Schwerpunkt forensische Psychologie an. Mit ihrem Interesse für das Fach stand Giebel damals allein da. „Für die meisten Studenten klang Forensik unattraktiv, heute wollen viele gerne Profiler werden“, sagt sie.
Giebel haben Gewaltstraftäter fasziniert – und sie wollte wissen, wie es ist, mit ihnen zu arbeiten. Für ein Forschungsprojekt in Konstanz hat sie sich nach ihrer Dissertation mit Akten über Amokläufer und School Shooter beschäftigt. Doch das war ihr auf Dauer zu abstrakt. Deshalb bewarb sie sich für Jobs in Justizvollzugsanstalten. An so einen Job müsse man sich „langsam rantasten“, deshalb habe sie sich schon an der Universität damit beschäftigt. „So fühlte ich mich gut vorbereitet“, sagt sie und ergänzt: „Man darf keine Angst vor gefährlichen Menschen haben.“
Zwischen ihren Klienten und ihr waren keine Gefängnisgitter. Sie saßen ihr gegenüber in ihrem Büro. Allein. „Ein bisschen Angst hatte ich immer, dass mich einer der Männer mal mit sich im Zimmer einsperrt“, sagt Giebel. Einer Kollegin von ihr ist das in der JVA Straubing passiert. Die Gefängnispsychologin Susanne Preusker wurde 2009 von einem Sexualstraftäter als Geisel genommen und über sieben Stunden vergewaltigt. Ihren Job gab sie danach auf, arbeitete als Hundetrainerin und Autorin, schrieb das Buch „Sieben Stunden im April“. Neun Jahre nach der Tat nahm sie sich das Leben.
Giebels Klienten waren ausschließlich Männer. Tötungskriminalität ist vornehmlich männlich. Wenn Frauen zu Mörderinnen werden, geschieht dies laut der Fachzeitschrift Kriminalpolizei in den meisten Fällen, weil sie sich aus einer gewalttätigen Beziehung befreien wollen. Bei den ehemaligen Klienten von Giebel ist das anders. Sie sitzen nach ihren verbüßten Haftstraßen in der Sicherungsverwahrung ein, weil sie weiterhin eine Gefahr für andere Menschen darstellen. Sie leiden unter schweren Persönlichkeitsstörungen. Giebel betont aber: „Sie sind nicht psychisch krank.“ Ihnen fehle es an Empathie, sie seien hochgradig manipulativ und sehr perfide darin, Menschen über ihre wahren Motive zu täuschen. „Sie verbergen sich hinter einer Maske der Normalität, das wusste ich. Ich war wachsam und neugierig.“
Die meisten Serientäter sind kaum therapierbar
Wenn Menschen in eine Sicherungsverwahrung müssen, haben sie ihre Haftstrafe abgesessen. Sie sitzen präventiv ein, weil die Gefahr hoch ist, dass sie wieder eine Straftat begehen könnten. Deshalb haben sie Anspruch auf eine regelmäßige Therapie. Nicht, weil viel Hoffnung besteht, dass man aus ihnen ungefährliche Menschen machen könnte. Aber auch Verbrecher müssen in Deutschland nach den Prinzipien des Rechtsstaates behandelt werden. In der Sicherungsverwahrung gebe es einen guten Betreuungsschlüssel, sagt Giebel.
In Baden-Württemberg sind laut dem Justizministerium im Dezember vergangenen Jahres 63 Menschen in einer Sicherungsverwahrung untergebracht gewesen, insgesamt sind es in Deutschland etwas mehr als 600 Menschen – zum Großteil Sexualstraftäter. Eine Sicherungsverwahrung muss nicht lebenslänglich sein, die Verwahrten können entlassen werden, wenn sie bei der Therapie mitwirken und dadurch eine positive Prognose ausgestellt wird.
Aber die meisten lassen sich laut Giebel nur schwer therapieren. Für sie bedeutete das auch, dass sie jedem Tag einem Job nachgegangen ist, in dem es auf den ersten Blick kaum Erfolgserlebnisse gab. „Das habe ich aber immer recht pragmatisch gesehen.“ Zudem habe sie Dokumentationen erstellt oder Einschätzungen zur Gefährlichkeit erstellt. „Das ist ein Beitrag, den man leistet.“
In den Sitzungen ging es für sie auch darum, herauszufinden, warum jemand welche Straftat begeht – und diese Persönlichkeitsstörung zu bearbeiten. Psychopathen seien häufig angstfrei und reuelos. Die Täter verharmlosen ihre Schuld oder geben die Schuld anderen. „Sie wollen oft nichts aus ihren Taten lernen“, sagt Giebel. „Sie suchen Stimulation, den Kick, und sie verspüren zwar selbst wenig Emotionen, sind aber äußerst gut darin, die Gefühle von anderen zu erkennen und sie für ihre Zwecke zu nutzen.“
Sadisten wiederum genießen aus Sicht der Psychologin die Angst und das Leid von anderen. Narzissten seien deshalb im Vollzug noch „die harmloseren Typen“, findet Gilda Giebel. Sie seien eher extrem kränkbar, wollten immer etwas Besonderes darstellen und neigten teils zu fast schon religiöser Selbstüberhöhung. „Einer der Täter hat sich immer für unschuldig gehalten, obwohl er mehrfach Straftaten begangen hat. Er behauptete immer, Gott habe ihm diese Aufgabe gegeben“, erzählt sie.
In der Sicherungsverwahrung sind die Menschen nicht den ganzen Tag in ihren Zimmern eingesperrt, sie dürfen nur das Gebäude nicht verlassen. Nachts werden sie in ihren Zimmern eingeschlossen, „tagsüber konnten sie jederzeit bei mir klopfen und reinkommen“, erzählt Gilda Giebel. Für Notfälle hatte sie einen Alarmknopf in ihrem Zimmer sowie ein Funkgerät am Hosenbund. „Wenn was passiert, muss man zehn bis zwanzig Sekunden überleben – bis Hilfe kommt“, sagt sie. Sie habe nie den Alarmknopf drücken müssen. „Aber geträumt davon habe ich nachts sehr oft.“
Männer? Begegnet sie seitdem mit Vorsicht
Giebel hat trotzdem nicht überall Verbrecher gesehen durch ihre Arbeit dort. Serienvergewaltiger seien häufig Psychopathen oder Sadisten, die meisten schweren Sexualstraftaten würden nur von einer kleinen Anzahl gefährlicher Männer begangen. „Statistisch ist es nicht so, dass es zehn Männer und zehn Opfer gibt, sondern eher einen Mann, der gleich mehrere Frauen vergewaltigt.“
Dennoch hat der Beruf ihr eine gewisse Grundskepsis vermittelt. „Was den Sexualtrieb angeht, sehe ich Männer schon sehr kritisch“, sagt sie. Da gebe es „große Abgründe“. Bei Vergewaltigungen mit mehreren Tätern seien teilweise Familienväter involviert, denen man solche sexuellen Abgründe niemals zugetraut hätte. Hier wirkten Gruppendynamiken, aus denen sich der Einzelne dann nicht herauslösen könne.
Trotz ihrer Gefährlichkeit übten diese Männer oft eine bedrohliche Faszination aus, sagt sie. Paradox sei, dass vereinzelt Frauen diese Typen, also dominante Männer mit auffälligen Persönlichkeitseigenschaften, sogar attraktiv finden. Gilda Giebel sagt, man könnte dafür evolutionäre Gründe heranziehen. Dass Frauen an sich lieber „Bad Guys“ bevorzugen, hält sie aber für einen Mythos. Für eine Beziehung suchten die allermeisten Frauen fürsorgliche und liebevolle Partner.
Aber Narzissten und Psychopathen seien hervorragende Blender. Normal spüren laut Giebel Menschen intuitiv, wenn sie in einer gefährlichen Situation sind. „Aber Frauen wird immer noch anerzogen, sich anzupassen und nett zu sein. Sie lernen häufig nicht ‚Nein‘ zu sagen und wegzugehen“, sagt Giebel. Und dazu kommt, dass gerade diese beiden Typen sich anfangs völlig normal verhalten. „Die gehen sehr langsam und perfide vor“, sagt Giebel. Oft zeigten sie ihr wahres Gesicht erst, wenn ihre Opfer schon emotional stark involviert sind. Deshalb sei der häufige Vorwurf, warum die Frauen es nicht rechtzeitig gemerkt hätten, absurd.
Für sich selbst hat sie ihre Täter als „interessant“ verbucht. „Ich kann tatsächlich gut mit Narzissten. Sie reden selbst gerne viel und ich muss nur zuhören“, sagt Giebel. Privat habe sie durch ihre Arbeit keine Probleme gehabt. Sie habe abends ihren schweren Schlüssel ins Schließfach gepackt, die Tür zugemacht und die Verbrecher drin gelassen. Auch gedanklich. „Man stumpft schon mit der Zeit etwas ab, gewöhnt sich an die krasse Umgebung – und an diese Männer.“
Zur Autorin
Leben
Gilda Giebel hat an den Universitäten Erfurt und Konstanz Psychologie studiert und promoviert. Außerdem absolvierte sie eine systemische Therapieausbildung. Ihr fachlicher Schwerpunkt liegt in der forensischen Psychologie. Sie war als Psychologin in der Sicherungsverwahrung einer deutschen Justizvollzugsanstalt (JVA) tätig. Neben ihrer therapeutischen Arbeit erstellte sie dort Gefährlichkeitsprognosen über die Täter.
Buch
Giebel hat über ihre Arbeit ein Buch geschrieben: „Triebhaft. Zwischen Sadisten, Psychopathen und Narzissten – Was ich als Psychologin in der Sicherungsverwahrung erlebt habe“. (nay)