Thomas Mann 150. Geburtstag Der Mann, der nicht lieben durfte
Tilmann Lahme zeigt in seiner Biografie „Thomas Mann – Ein Leben“ um welchen Preis ein schwuler Autor sein Jahrhundertwerk einer repressiven Sexualmoral abgerungen hat.
Tilmann Lahme zeigt in seiner Biografie „Thomas Mann – Ein Leben“ um welchen Preis ein schwuler Autor sein Jahrhundertwerk einer repressiven Sexualmoral abgerungen hat.
Das war eine ziemliche Kränkung: In den USA, wo während einer Vortragsreise 1938 Thomas Mann auf Plakaten noch als der größte lebende Schriftsteller der Welt beworben wurde, musste er nur wenige Jahre später erleben, dass ein Harvard-Professor ihn in seinem Kolleg aus der Liste der wichtigsten Repräsentanten der literarischen Moderne gestrichen hat. Joyce, Proust und Kafka – kein Thomas Mann. „Ein befremdend boshaftes Verhalten“, schimpfte der Übergangene in einem Brief.
Während der republikanisch geläuterte Thomas Mann zum Volksschriftsteller und Lieblingsautor der Bundespräsidenten avancierte, sein Werk aufwendig verfilmt, die Familiengeschichte boulevardisiert über Leinwände und Fernsehschirme flimmerte, überließ ihn die avancierte Literaturwissenschaft lange ihren konservativen Antipoden. Erst in jüngerer Zeit konnte aus den Bügelfalten des bürgerlichen Verfallserzählers eine verborgene und in ihrer Art radikale Modernität hervorgekehrt werden, die den Vielbeforschten in ein neues, gegenwärtiges Licht gestellt hat.
Wenn man so will, hat diese Wendung mit Tilmann Lahmes pünktlich zum 150. Geburtstag des Schriftstellers am 6. Juni erschienener Darstellung „Thomas Mann – ein Leben“ nun auch die an ein breiteres, nichtakademisches Publikum gerichtete Biografik erreicht.
Eine wirkungsgeschichtliche Zäsur war 1975 die Veröffentlichung der Tagebücher, mit der die Homosexualität des Großschriftstellers sich nicht länger als verschämt mitgeführte „homoerotische“ Fußnote zum Verschwinden bringen ließ.
Wie sehr die Bändigung der „Hunde im Souterrain“, der Kampf um und gegen die eigene sexuelle Orientierung sich als zentraler Stimulus der künstlerischen Praxis auswirkt, ist nicht erst in Zeiten von Queer- oder Gender-Studies ein „offenes Geheimnis“. Unter diesem Titel behandelte bereits in den 90er Jahren Heinrich Detering die Camouflage des Tabuisierten in den Novellen „Tonio Kröger“ und „Tod in Venedig“.
Und doch wendet sich der Altmeister-Spezialist Dieter Borchmeyer noch in seiner unlängst erschienenen monumentalen Thomas-Mann-Biografie gegen in seinen Augen „voyeuristische Spurensucher“, die sich „insbesondere an die Achillesferse seiner homoerotischen Inklination“ hefteten. Achillesferse! Man hört förmlich die spitzen Finger heraus, mit der die Gralshüter des Nachlasses bis heute manches aussortiert haben, angeblich um es der „investigativen Lüsternheit“ der Interpreten zu entziehen. Dank solcher anhaltenden Reserven kann Lahme mit Material aufwarten, das hier zum ersten Mal publiziert und ausgewertet wird. Darunter zwei Briefe des Lübecker Kaufmannssohns an seinen Jugendfreund Otto Grautoff. Sie gruppieren sich um eine Art traumatischen Urknall, dessen Nachhall Lahme bis in alle Verästelungen des sich daraus entfaltenden Werks vernehmbar macht. Dabei handelt es sich um eine eher stille Leseszene.
Gerade hat der mehr als mittelmäßige Schüler aus einer angesehenen Familie, deren jüngste Entwicklung der Pastor von der Kanzel als „verrottet“ schmäht, von einem angehimmelten Schüler eine brüske und peinliche Zurückweisung erfahren. Schon hat es ihn wieder erwischt: Willri Timpe, seine Jugendliebe, die über einen Bleistifttausch nicht hinauskommt, aber in der androgynen Überblendung von Clawdia Chauchat und Pribislav Hippe später im „Zauberberg“ wieder aufflammen wird. Einzig Otto Grauthoff, der Vertraute, der sich ebenfalls in Jungen verliebt, weiß davon. Ansonsten große Ungewissheit.
Da fällt ihm das Standardwerk des damals einflussreichen Sexualwissenschaftlers Richard Krafft-Ebing in die Hände, „Psychopathia sexualis“. Großen Raum unter den darin pathologisierten „conträren Sexualempfindungen“ nehmen die „Stiefkinder der Natur“, die Homosexuellen, ein: „Ausdruck einer vererbten krankhaften Hirnveränderung“, begleitet von „abnorm frühem und starkem Geschlechtsleben“, Neurosen und psychischen Anomalien wie „besondere Begabungen für Künste bis hin zu Schwachsinn“. Was für ein Schwachsinn in wissenschaftlichem Gewand – „lässt sich die Erschütterung Thomas Manns ausmalen, als er dieses Buch liest?“, fragt Tilmann Lahme.
Seine Darstellung zeichnet auf, wie die Erschütterung hinter den „diskreten Formen und Masken“ bebt, mittels derer Thomas Mann seine Gefühle und Erlebnisse fortan zu schützen trachtet. „Die Liebe zieht in den Abgrund, die Literatur hält dagegen“ – so gibt Lahme die Grundmelodie wieder, die mit den „Buddenbrooks“, dem frühen Meisterwerk über eine „verrottete“ Lübecker Kaufmannsfamilie, angeschlagen wurde.
Die Protagonisten aus der Galerie der großen Lieben des Schriftstellers kehren in den Rollen der Romane und Erzählungen wieder: Klaus Heuser als der Held des Josephszyklus, demgegenüber sich Thomas Mann allzu Jakob-haft seinem Gefühl hingegeben habe, wie der eifersüchtige Sohn Golo bemerkt. Oder Paul Ehrenberg als der fesche Geiger Rudi Schwerdtfeger mit den stahlblauen Augen in dem Künstlerroman „Doktor Faustus“. Zwischen ihm und dem Komponisten Adrian Leverkühn steht der Pakt mit dem Teufel: „Liebe ist dir verboten, insofern sie wärmt. Dein Leben soll kalt sein – darum darfst du keinen Menschen lieben.“
Aus den Realien des Lebens und ihrer literarischen Transformation rekonstruiert der Biograf die fesselnd-traurige Geschichte eines Mannes, der nicht lieben darf.
Mehr als die interpretatorische Engführung des Werks überzeugt dabei die Darstellung der repressiven Sexualmoral, der ein schwuler Autor es abgewinnen musste. Die Leiden an der bürgerlichen Camouflage, die er sich dafür in der Ehe mit Katia Pringsheim auferlegt hat, dokumentiert eine Sammlung von Tagebuch-Passagen, die von den Herausgebern einst ausgemustert wurden.
Doch die Kunst der Camouflage bewährt sich nicht nur an der wahren Natur der Gefühle. Sie ist auch der Schlüssel zu der spezifischen Modernität, den mythopoetischen, dialogischen, antihierarchischen Verfahren, die sich hinter den zugänglichen Außenseiten verbergen. Die ästhetische und die sexuelle Emanzipation gehen Hand in Hand. Und damit zurück nach Amerika. Anders als jener Harvard-Professor hat Susan Sontag dies klar erkannt.
Der Bericht der lesbischen Intellektuellen über einen Besuch bei dem kalifornischen Exilanten erweitert die berühmte Bleistift-Szene zwischen Madame Chauchat und Hans Castorp um eine weitere Facette. 50 Jahre später, 2003, bekennt sie in ihrer Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels: „Kein Buch in meinen Leben war so wichtig wie ,Der Zauberberg‘“. In einer Zeit des allgemeinen Rollbacks zeigt Lahmes Erinnerungsbuch, was damit gemeint ist.
Tilmann Lahme: Thomas Mann – Ein Leben. dtv, München. 592 Seiten, 28 Euro.
Autor
Thomas Mann, 1875 bis 1955, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Mit ihm erreichte der moderne deutsche Roman den Anschluss an die Weltliteratur. Manns vielschichtiges Werk hat eine weltweit kaum zu übertreffende positive Resonanz gefunden. Ab 1933 lebte er im Exil, zuerst in der Schweiz, dann in den USA. Erst 1952 kehrte Mann nach Europa zurück, wo er 1955 in Zürich verstarb. Am 6. Juni dieses Jahres wird sein 150. Geburtstag begangen.
Termine
Am 1. Juli stellt Tillman Lahme seine Biografie im Literaturhaus Stuttgart vor. Am 4. Juni ist im Hospitalhof Irmela von der Lühe mit ihrer Lebensgeschichte von Erika Mann zu Gast. Und am 12. Juni liest der Literatur-Blogger Wolfgang Tischer auf dem Marktplatz in Freudenstadt über vier Stunden aus dem „Zauberberg“ – ganz wird er damit nicht durchkommen.