Thomas Manns Radioansprachen „Deutsche, rettet eure Seele!“

„Heilige Notwehr der Menschheit gegen das schlechthin Teuflische“: Thomas Mann 1940 in den USA Foto: IMAGO/glasshouseimages/IMAGO/AB Archive

„Deutsche Hörer!“ Von den USA aus hat der Schriftsteller Thomas Mann versucht, seine Landsleute zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufzurufen. Man tut auch heute gut daran, ihm aufmerksam zuzuhören.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Wie erreicht man Leute, denen Lügenpropaganda den Kopf verdreht hat, die sich begeistert einem schamlosen Regime in die Arme werfen, das den Hass schürt, Menschenrechte außer Kraft setzt zugunsten eines zerstörerischen nationalen Größenwahns? Man muss dazu nach Amerika schauen. Denn genau dort, wo heute verheerende Waldbrände auch die zu Gedenkorten gewordenen Häuser deutscher Exilanten in Schutt und Asche zu legen drohen, hat einer der bekanntesten von ihnen nach einer Antwort auf diese Frage gesucht.

 

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war der Schriftsteller Thomas Mann von einer Vortragsreise in der Schweiz auf Anraten seiner Kinder nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt. Über Frankreich floh er 1938 in die Vereinigten Staaten. Dem „Irrtum deutscher Bürgerlichkeit“, dem er einst selbst verfallen war, „zu glauben, man könne ein unpolitischer Kulturmensch sein“, setzt der zum glühenden Demokraten bekehrte Literaturnobelpreisträger nun einen Aktivismus entgegen, der mit allen Mittel versucht, den „Wall der Tyrannei“ zu durchdringen, den das Hitler-Regime um die Köpfe seiner Landsleute gelegt hat.

Eines dieser Mittel sind die ab Oktober 1940 von der BBC übertragenen monatlichen Ansprachen, die jeweils mit den Worten beginnen „Deutsche Hörer!“, in der Hoffnung, möglichst viele von ihnen trotz strikter Verbote am heimischen Volksempfänger zu erreichen. Ohne leichtfertige Parallelen ziehen zu wollen, gibt es allen Grund auch heute gut zuzuhören, beziehungsweise aufmerksam mitzulesen. Ein gerade erschienener Band, der die insgesamt 58 Reden versammelt, gibt dazu die Möglichkeit.

Thomas Mann setzt ein, als seine Adressaten noch im kollektiven Siegestaumel der „Blitzkrieg“-Erfolge schwelgen: „Deutsche, rettet euch! Rettet eure Seele.“ In unbestechlicher Klarheit führt er ihnen vor Augen, was ein „überdimensioniertes Lustmördertum an der Wahrheit“ sie zu sehen hindert: „Werden denn, so fragt man sich hier, die Deutschen nicht endlich erkennen, dass ihre Siege nur Schritte sind in einem endlosen Sumpf?“, fragt er bereits in der ersten seiner Reden.

Abstoßende Fratze hinter scheußlicher Maske

Die Ansprachen fügen sich zu einer Chronik der Ereignisse, die zu keinem Zeitpunkt den geringsten Zweifel offenlässt, wohin die „defekte Menschlichkeit“ eines Regimes führen muss, an dessen Spitze, die „abstoßendste Figur“ steht, „auf die je das Licht der Geschichte fiel“. In unerschöpflichem Einfallsreichtum zerlegt er den „infernalischen Schubiack“ und seine „stupide Verbrecherbande“, unter deren Bann seine Hörer geraten sind, in die begrifflichen Bestandteile jener Banalität des Bösen, die die Philosophin Hannah Arendt später diagnostiziert.

Von Abscheu inspirierte Polemik und nüchterne Analytik arbeiten sich in die Hände, um die ideologische Fratze hinter der „scheußlichen Medusenmaske“ des Hitlerismus hervorzuzerren. Thomas Mann spricht als Informant einer von objektiven Nachrichten abgeschnittenen Bevölkerung, der er den Blick von außen zurückspiegelt. Im Fortgang des Geschehens zunehmend auch als Stimme des Gewissens, das die zur Verantwortung zieht, an denen sein Appell folgenlos verhallt. „Nach den Informationen der polnischen Exilregierung sind alles in allem bereits 700 000 Juden von der Gestapo gemordet oder zu Tode gequält worden, wovon 70 000 allein auf die Region von Minsk in Polen entfallen. Wisst ihr Deutsche das? Und wie findet ihr es?“ So fragt der Autor im September 1942. Wer zugehört hat, wusste spätestens jetzt genau über den Mord an den Juden Bescheid.

Wurzeln in der deutschen Geschichte

Die deutsche Geschichte ist länger als die Herrschaft der „blutigen Schmierentruppe“, mit der „das Unterste, das menschlich Letzte und Niedrigste obenauf gekommen“ ist. Aber er zeigt auch, wie Ideen aus dem guten alten Deutschland der Bildung und Kultur zusammen mit der Angepasstheit an das technische Zeitalter eine Sprengmischung bilden, die die ganze Zivilisation bedroht. Mit Blick auf die Romantik heißt es: „Ja, die Geschichte des deutschen Nationalismus und Rassismus, die in den Nationalsozialismus ausging, ist eine lange, schlimme Geschichte; sie reicht weit zurück, sie ist zuerst interessant und wird dann immer gemeiner und grässlicher.“

Gänzlich andere Frontverläufe bedrohen heute die freie Welt, und doch treten aus dem historischen Text immer wieder auch jetzt beliebte Muster und Argumentationsfiguren heraus. Im März 1941 mokiert sich Thomas Mann sarkastisch darüber, wie die, die Europa in Trümmer gelegt haben, den Beistand für die überfallenen Länder als „Kriegsverlängerung“ brandmarken und sich als Friedensstifter gerieren: „Friede – damit meinen sie Unterwerfung, die Legalisierung ihrer Verbrechen, die Hinnahme des menschlich Unerträglichen.“

Liegt der Zivilisationsbruch der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen jenseits alles Vergleichbaren, so haben die Mittel propagandistischer Hirnvernebelung in unseren disruptiven Zeiten ein Ausmaß erreicht, von dem Hitlers medialer Steigbügelhalter, der Zeitungsunternehmer Alfred Hugenberg nur träumen konnte. Dessen Losung: „Macht mir den rechten Flügel stark“ setzen gerade neue Akteure der Massenbeeinflussung wie Elon Musk mit römischem Gruß in die Tat um – „apokalyptische Lausbuben“ um eine Wendung Thomas Manns zu gebrauchen. 80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz reden ihre national-sozialen Medien Vogelschiss-klein, was der deutsche Exilant in Kalifornien einst verzweifelt versuchte, seinen Hörern in seinem unfassbaren Ausmaß nahezubringen: Die Folgen eines „rassischen Größenwahns“, der ein Land antreibt, sich zum „Zwingherrn der Welt“ aufzuwerfen.

Thomas Manns Brandreden konnten das Verhängnis nicht verhindern. Aber vielleicht helfen sie die Sinne zu schärfen für das, was die heutigen Lustmörder an der Wahrheit in ihren digitalen Lügensumpfen wieder groß werden lassen wollen.

Thomas Mann: Deutsche Hörer – Radiosendungen nach Deutschland. Mit einem Vorwort und einem Nachwort von Mely Kiyak. S. Fischer. 272 Seiten, 24 Euro.

Info

Autor
Thomas Mann, 1875 bis 1955, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Mit ihm erreichte der moderne deutsche Roman den Anschluss an die Weltliteratur. Manns vielschichtiges Werk hat eine weltweit kaum zu übertreffende positive Resonanz gefunden. Ab 1933 lebte er im Exil, zuerst in der Schweiz, dann in den USA. Erst 1952 kehrte Mann nach Europa zurück, wo er 1955 in Zürich verstarb. Am 6. Juni dieses Jahres wird sein 150. Geburtstag begangen.

Villa
Thomas Mann wohnte von 1942 an in der von dem Architekten Julius Ralph Davidson entworfenen Villa in Pacific Palisades, einem Vorort von Los Angeles. Hier entstanden die Romane „Doktor Faustus“, „Joseph, der Ernährer“ und „Der Erwählte“. Von hier aus richtete er seine Appelle an die deutschen Hörer. Das von Deutschland 2016 erworbene und zu einem Seminarzentrum ausgebaute Haus war vor kurzem von den schweren Waldbränden, die in der Gegend wüteten, bedroht, blieb aber bislang verschont.

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