Thorsten Alxneit aus Stuttgart Er will mit Pflanzenkohle das Klima retten

Sein Arbeitsplatz ist nun draußen an Behältern mit Baumrückschnitt: Thorsten Alxneit hat eine Firma für Pflanzenkohle gegründet. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Vom Unternehmensberater zum Umweltschützer: Der Stuttgarter Thorsten Alxneit hat seinen Anzug gegen dreckige Hände eingetauscht. Er stellt in Obertürkheim Pflanzenkohle her – und hat damit Großes vor.

Klima und Nachhaltigkeit: Julia Bosch (jub)

Vor vier Jahren war Thorsten Alxneit ein Mann, der im Anzug und mit Köfferchen zur Arbeit ging. Er reiste viel durch Deutschland, oft saß er 14 Stunden pro Tag an Schreib- oder Konferenztischen. Als Unternehmensberater bei Pricewaterhouse Coopers (PwC), „war das Ergebnis meiner Arbeit meist eine Powerpoint-Präsentation“, sagt er. Heute steht er oft den ganzen Tag draußen zwischen Bahngleisen und Industriebauten in Stuttgart-Obertürkheim. Seine Freunde sagen, dass sein Arbeitsplatz an die Krimi-Drogenserie „Breaking Bad“ erinnere. Abends kommt der 43-Jährige verschwitzt und mit dreckigen Händen nach Hause. Den Anzug braucht er nur noch selten.

 

Es gibt drei Gründe, warum Thorsten Alxneit sein Leben so umkrempelte: 2020 kam seine Tochter zu Welt. Durch Corona merkte er, dass er Reisen nicht mehr brauchte. Und ein Freund berichtete ihm damals von Pflanzenkohle, also von Baumschnittabfällen, die durch Hitze zu Kohle werden. Viele Experten versprechen sich von Pflanzenkohle eine Eindämmung der Klimaerwärmung. Thorsten Alxneit war davon so begeistert, dass er bei PwC kündigte, ein 900 Quadratmeter großes Freiluft-Areal in Obertürkheim anmietete und dort nun Pflanzenkohle herstellt.

Am Anfang ging vieles schief

An jenem Morgen steht er wie so oft draußen in Obertürkheim, umgeben von Zäunen, die er selbst aufgestellt hat. Um ihn herum stehen drei große Behälter, die zusammen 4000 Liter umfassen. In diesen Behältern wird Baumrückschnitt zu Pflanzenkohle umgewandelt. Man nennt das Pyrolyse – und es funktioniert so: In den Behältern ist eine Brennkammer, die in ein Rohr und zum Schornstein münden. Thorsten Alxneit befüllt den Behälter mit Baumabfällen, heizt über 45 Minuten hinweg so zu, dass sich die Wärme ausbreitet, das Holz 350 Grad warm wird und es „ausgast“. Das dauert etwa zwei Stunden, danach muss es 15 Stunden abkühlen – dann kann Kohle geerntet werden.

Am Anfang ging vieles schief, „wir haben alle möglichen Fehler gemacht“, sagt Alxneit. So haben er und sein kleines Team anfangs die Baumabfälle nicht richtig abgedeckt, sodass sie nass und modrig wurden und die Pyrolyse nicht mehr funktionierte. Ein Schweinebauer mit Biogasanlage bot ihnen an, den Rückschnitt zu trocknen. „Dann klappte es – und kurz danach wieder nicht mehr.“ Inzwischen hat Alxneit mehr Sicherheit. Er hat auch schon Weinreben pyrolysiert, gefördert durch den Klimainnovationsfond der Stadt Stuttgart. Und er erhält Unterstützung von zwei Agrar-Studierenden der Uni Hohenheim, außerdem machen zwei Freunde nebenberuflich den Vertrieb und Einkauf seiner Firma SCS (Sustainable Century Stuttgart).

Für Pflanzen sei dies wie ein „Müsliriegel“

Aber was wird mit diesen Pflanzenkohlen gemacht – und warum sind die gut fürs Klima? Bisher werden die Kohlen vor allem unter Bäumen und Weinreben in die Erde eingebracht. Zum einen speichert Kohle Wasser, wodurch Pflanzen klimaresilienter werden und Jungbäume seltener absterben. Zum anderen wirkt das Ganze in Kombination mit Humus wie ein „Müsliriegel“ für die Pflanzen, trägt also zu einem verbesserten Nährstoff- und Wasserhaushalt sowie zur Bodendurchlüftung bei. Das wird bereits in Stuttgart und der Region ausprobiert: etwa an der Seyfferstraße sowie in Miet-Schrebergärten in Stuttgart oder bald bei einem sogenannten Tiny Forest in Sindelfingen (Kreis Böblingen).

Zusätzlich zu den positiven Effekten für Pflanzen kann durch Pflanzenkohle CO2 in der Luft reduziert werden. Wenn eine Pflanze abstirbt, setzt sie den zuvor bei der Fotosynthese aufgenommenen Kohlenstoff wieder als CO2 frei. Weil es durch Menschen aber schon zu viel CO2 in der Luft gibt, ergibt es Sinn, den Pflanzenabfällen den Kohlenstoff zu entziehen und sicher zu speichern. Damit schafft man sogenannte Kohlenstoffsenken. Auch Wälder, Moore und Meere gelten als Kohlenstoffsenken. Und bei der Pyrolyse entsteht Wärme, die für Wärmenetze genutzt werden könnte. Alxneit rechnet damit, dass seine Firma eine Kohlenstoffsenke von rund 2300 Tonnen pro Jahr erzeugen könnte sowie bis zu 8 Gigawattstunden Wärme.

Geld fehlt für weitere Schritte

Bisher allerdings fehlt es noch an einem Investor und an politischer Sichtbarkeit. Seine Firma stehe gerade an einem kritischen Punkt der Finanzierung, erklärt der 43-Jährige: „Wir brauchen etwa 2,5 Millionen Euro, davon 2 Millionen für eine größere Anlage“, sagt Alxneit. Doch die Banken seien bei neuen Technologien bisher eher zurückhaltend.

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