Tiergesundheit in der Wilhelma Der Tiger kam nicht mehr hoch – und war kurz drauf tot

Tigers Zeitvertreib mit einem Kunststoffkanister Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Geht es Tieren im Zoo besser als in der Natur? Eine Frage, die sich nicht so leicht beantworten lässt. Deshalb sollten Zoos sich neu aufstellen.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Lass uns weitergehen“, sagt eine Frau, „das ist ja ekelhaft.“ Einige Kinder finden es lustig und rufen „der frisst sein Kacka“. Tatsächlich – ein Bonobo futtert genüsslich seine Exkremente. Er ist nicht der Einzige im Affenhaus der Wilhelma. Auch seine Genossen scheinen es normal zu finden, das, was sie eben ausgeschieden haben, oben wieder in sich hineinzustopfen.

 

An sich gibt es kaum Schöneres als einen Ausflug in den Zoo. Es ist köstlich, wenn die Seelöwen tolle Kunststücke zeigen und Elefanten ihre Rüssel schwenken. Und doch lässt sich am Zoo deutlich das komplizierte Verhältnis zwischen Mensch und Tier ablesen, weshalb er enorm polarisiert.

Die Wilhelma bekommt auf Internetportalen sehr gute Bewertungen für die Pflanzenpracht oder das historische Flair. Aber es gibt auch reichlich Kritik – an den „Bunkern aus Beton und Edelstahl“ und den „winzigen Gehegen“. „Alles versifft und mit Kot voll“, heißt es da, „man merkt, dass es den Tieren nicht gut geht“. Schlimmer noch: „Die meisten waren verhaltensgestört und liefen nur auf und ab an den Gittern oder den Scheiben entlang. Absolute Tierquälerei . . .“

Aber könnte man Tiger, Flusspferde oder Gorillas so halten, dass Peta, Deutschlands größte Tierrechtsorganisation, die Strafanzeige gegen die Wilhelma zurückziehen würde, die die Staatsanwaltschaft Stuttgart derzeit beschäftigt? „Man kann alle Tiere halten, wenn man es richtig macht“, meint Volker Grün. Er ist in der Wilhelma Leiter des Fachbereichs Zoologie und mit verantwortlich dafür, dass die rund 1000 verschiedenen Tierarten und 100 000 Individuen hier auch richtig gehalten werden.

Wie gut geht es den Tieren im Zoo?

Aber wie gut geht es den Tieren? Das ist eine Frage, die Tobias Knauf-Witzens, der leitende Wilhelma-Tierarzt, nicht so leicht beantworten kann. Denn seine Patienten machen ihm das Leben schwer. „Tiere verbergen Krankheiten“, sagt er und kann nur hoffen, dass Pfleger entdecken, wenn sich ein Tier ungewöhnlich verhält. Oft ist das zu spät. Ein Tiger kam an einem Morgen nicht mehr hoch – am Abend war er tot. Ein Tumor war ins Gehirn durchgebrochen.

In den vergangenen Monaten musste die Wilhelma immer wieder den Tod von Tieren vermelden, die überraschend gestorben waren – wie zwei junge Koalas und ein älteres Weibchen, das an schwerer Blutarmut gelitten hatte und wie die Jungtiere von einem Bakterium befallen war. Eine Erkrankung, die bei in Europa gehaltenen Koalas bisher nicht bekannt war. Mehr, als die Fälle zu dokumentieren, konnte man da nicht mehr tun.

Bei den Pavianen wird schon wieder gestritten – bis der „Cheffe“ eingreift, wie ihn eine Besucherin nennt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Ausgerechnet die Koalas. Dabei will man mit „Reservepopulationen“ deren Überleben sichern. Beliebt sind sie auch: Ein kleiner Junge fotografiert emsig und überlegt, ob er „den Baum am Computer ausradieren kann“, der ihm den Blick auf das putzige Bärchen verstellt. Ihm geht es beim Zoo-Besuch offenbar in erster Linie um gute Fotos.

Die Erwartungen an Zoos sind vielfältig. Kinder interessieren sich vor allem für die Tierbabys und rufen ständig „die Mama hat ein Baby.“ Zwei junge Frauen, die gerade den Blutbrustpavianen zuschauen, haben dagegen schon viele Fragen, die sie später googeln wollen. Sind Paviane immer so aggressiv? Denn es wird schon wieder gestritten – bis dann endlich der „Cheffe“ eingreift, wie ihn jemand nennt, „das ist wie bei uns im Büro.“

Auch die Infotafeln spiegeln die unterschiedlichen Vorstellungen, was ein Zoo zu leisten hat. Auf älteren Schildern findet man Fachbegriffe und Hinweise zu komplizierten Systematiken – Informationen, die sich kein Mensch merken kann. Heute will die Wilhelma zwar auch ein „Lernort“ sein, sieht ihre die edelste Aufgabe aber darin, die Diversität zu erhalten und bedrohte Arten zu retten. Da Jaguars als potenziell gefährdet gelten, kann Teo also im Grunde froh sein, dass er nicht bangen muss, von Wilderern erschossen zu werden. Seine Fleischration bekommt er geliefert wie unsereiner seine Pizza.

Trotzdem kann einen Unbehagen ergreifen, wie er endlos auf und ab geht und grimmig schaut. „Willst du einen als Haustier?“, fragt ein Vater den Sohn. Ein Witz, aus dem doch das Streben des Menschen spricht, sich die Natur untertan zu machen. Auch die Stofftiere, die zu Tausenden im Wilhelma-Shop verkauft werden, schüren die Vorstellung, dass Schlange und Bär, Tiger und Löwe nichts anderes wollen, als mit dem Menschen kuschelnd in Freundschaft und Harmonie zu baden.

Mußestunde Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Doch so einfach ist es in der Realität nicht. Die Tiere mögen hier älter werden als in der Natur, aber im Grunde sind Zoos Experimentierstationen, bei denen man meist aus Schaden klug wird. Jedes Tier, das stirbt, wird seziert, um Hinweise zu erhalten, ob es falsch ernährt, falsch gehalten wurde oder eine Krankheit hatte, die man bisher nicht kannte. So erfuhr man auch, dass das Bonobo-Baby vor zwei Jahren an Unterernährung gestorben ist. Die Mutter hatte statt Milch nur Wasser produziert. „Ein Phänomen, das sich selbst Humanmediziner nicht erklären können“, sagt Tobias Knauf-Witzens.

Er stößt als Zootierarzt immer wieder auf Fragen, „die niemand beantworten kann, aber man entwickelt sich weiter“, wie er sagt. Deshalb wurde der Gorilla-Kindergarten vor 13 Jahren abgeschafft, in dem Gorilla-Babys in Windeln und Stramplern mit der Flasche aufgezogen wurden. Heute kann man im Affenhaus lesen, dass die Aufzucht von Menschenhand „nur eine Notlösung“ sein könne.

Es ist auch nicht so lange her, erzählt Tobias Knauf-Witzens, dass die Affen Linsen und Spätzle aßen. Heute versucht man, das Futter „nach den neuesten Erkenntnissen“ zusammenzustellen. Sie haben stets Zugang zu Wasser – was in der Natur nicht immer gewährleistet ist.

Die Tiere leben im Zoo nicht artgerecht, aber sie sollen tiergerecht gehalten werden. Deshalb werden Elefanten nicht mehr durchs Gelände geführt, obwohl ihnen Bewegung guttut. Stattdessen ersinnen die Pfleger Tricks, um die Tiere in Bewegung und bei Laune zu halten und Verhaltensauffälligkeiten zu verhindern. Trotzdem ist einer der Löwen schon so oft im Kreis gelaufen, dass ein Trampelpfad entstanden ist. Auch hier versucht man, gegenzusteuern und zum Beispiel einen Busch zu pflanzen. Und doch wird der Löwe neue Wege wieder und wieder ablaufen. Was soll er auch anderes tun?

Einzeln gehaltene Exemplare sind nicht zwangsläufig unglücklich

Volker Grün zieht gern Vergleiche zum Menschen heran. Der bewege sich auch weniger, wenn Nahrung allerorts verfügbar sei und wolle als Senior im Heim unterhalten sein. Und nüchtern betrachtet lässt sich die Frage nicht so leicht beantworten, ob ein ausgemergelter Tiger, der Kilometer weit laufen muss, um Wasser oder Nahrung zu finden, besser dran ist als sein Kollege, der gut genährt und sicher im Zoo lebt.

Volker Grün ist überzeugt, dass es den Tieren „relativ egal ist, ob ihr Gehege aus Kunstfelsmauern oder Stahlbeton ist.“ Die Anlagen werden heute nur deshalb so naturnah gestaltet, damit die Besucher die Illusion haben, die Tiere hätten es schön im Zoo. Auch seien einzeln gehaltene Exemplare nicht zwangsläufig unglücklich, meint Grün. „Da projizieren wir unsere Wünsche auf die Bedürfnisse der Tiere.“

Wüssten die Besucher, wie man sich an der „Sozialzusammenstellung in der Natur“ orientiert, würden sie vielleicht anfangen, die eigenen Vorstellungen von lebenswertem Leben zu hinterfragen. Man benötigt heute keine Zoos mehr, um zu erfahren, was ein Jaguar wiegt. Lehrbuchwissen lässt sich googeln – und man kann ohnehin nicht annähernd begreifbar machen, wie das Leben im fernen Irgendwo ist, wo sich „Haremsgruppen anderen Silberrücken“ anschließen oder „Eukalyptus vom Inferno profitiert“.

Als ernst zu nehmender „Lernort“ sollten Zoos lieber beginnen, die eigene Rolle offensiv und selbstkritisch zu thematisieren – und auch erklären, warum die Bonobos ihren Kot fressen: eine Reaktion auf Gefangenschaft. Denn letztlich ist der Zoo der ideale Ort, um das ambivalente Zusammenleben von Mensch und Tier auf dieser Erde besser zu verstehen und die komplexe Gemengelage aus Übermacht, Verantwortungsgefühl und Sehnsucht mehr zu durchdringen.

Falsche Kuscheltier-Romantik

Dabei ist falsche Kuscheltier-Romantik allerdings so wenig hilfreich wie die Forderung, Zoos zu schließen. Denn wo sollte man hin mit all den Tieren, die nie gelernt haben, sich in der Wildbahn durchzuschlagen? Auch das gehört zu dem komplexen Thema: Dass in der Wilhelma so viel Nachwuchs produziert wird, dass jede Woche ein Tier an einen anderen Zoo abgegeben wird. Und damit sie dort gesund leben können, müssen sich die Tiere „unnatürlich“ verhalten, den Menschen vertrauen und auf Kommando kommen, wenn eine Wunde behandelt oder Blut abgenommen werden muss.

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